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MotoGP-Transferpoker: Welche Motorräder sind noch zu haben?

In der MotoGP suchen noch sieben Bikes einen Fahrer. Wer drängt aus der Moto2 nach oben? Stehen mehrere Routiniers vor dem Aus?
von Michael Höller

Motorsport-Magazin.com - In der MotoGP sind bereits vor der Sommerpause beinahe alle Plätze für 2022 bezogen. Nach einigen Unterschriften und offiziellen Bestätigungen in den vergangenen Wochen warten nur noch sieben der 24 Motorräder in fünf verschiedenen Teams auf ihren Fahrer der kommenden Saison.

Neben den Werksteams von Suzuki (Mir & Rins), KTM (Binder & Oliveira), Ducati (Miller & Bagnaia), Yamaha (Quartararo & Vinales) sowie Honda (M. Marquez & P. Espargaro) haben auch die Satellitenteams von Pramac (Zarco & Martin) und LCR (Nakagami & A. Marquez) ihre Lineups für 2022 unter Dach und Fach.

Welche Piloten haben die besten Chancen auf die verbleibenden MotoGP-Plätze? Motorsport-Magazin.com fasst die aktuellen Spekulationen und Gerüchte zusammen.

VR46

Offiziell sind noch beide Motorräder im neuen Team von Valentino Rossi zu haben, doch ein Engagement von Luca Marini gilt als fix. Schließlich kaufte sich VR46 bereits im vergangenen Winter beim Avintia-Rennstall ein, um dem Halbbruder von Valentino Rossi den MotoGP-Aufstieg zu ermöglichen. Neben Marini hat dessen Academy-Kollege Marco Bezzecchi die besten Karten. Der Italiener bestreitet sein drittes Jahr in der Moto2, ist seit der vergangenen Saison in beinahe jedem Rennen in den Kampf um die Podestplätze verwickelt und somit reif für die Königsklasse.

Allerdings ist noch offen, welche Motorräder VR46 einsetzt. Zwar schwingt das Pendel Gerüchten zufolge schwer in Richtung Ducati, in trockenen Tüchern ist der Deal aber noch nicht. Sollten die Italiener sich mit VR46 einig werden, nicht aber mit dem Gresini-Rennstall, so benötigt man für Enea Bastianini einen Platz, da Ducati den amtierenden Moto2-Champion mit einem Zwei-Jahres-Vertrag ausgestattet hat. Dann käme es zu der kuriosen Situation, dass im Academy-Team ein Fahrer fährt, der noch nie Teil von Rossis Förderprogramm war.

Realistischer ist daher eine Academy-interne Lösung mit Marini und Bezzecchi. Es sei denn, Valentino Rossi entscheidet sich, doch noch ein Jahr dran zu hängen und seinen Frieden mit der Desmosedici zu schließen. Auch dieses Szenario ist aber eher unwahrscheinlich.

Gresini

Neben VR46 strebt auch Gresini Racing eine Einigung mit Ducati an. Enea Bastianini wäre dann wohl gesetzt. Der amtierende Moto2-Weltmeister fuhr bereits in der Moto3 zwei Jahre lang für Gresini und kennt nicht nur das Team, sondern würde auch eine volle MotoGP-Saison an Knowhow über die Desmosedici mitbringen. Nach dem Tod von Fausto Gresini wird der Rennstall von seiner Familie geleitet, da ist jede Hilfe willkommen.

Als Favorit auf den zweiten Platz gilt Fabio Di Giannantonio, der aktuell in der Moto2 für Gresini Racing fährt. Italienischen Medien zufolge hat der 22-Jährige eine Klausel in seinem Vertrag, die ihm einen MotoGP-Aufstieg für 2022 einräumt. Eine weitere Zusammenarbeit des Traditionsteams mit Aprilia soll mittlerweile vom Tisch sein - auch weil man sich in den vergangenen Jahren vom mächtigen Werk nicht genug wertgeschätzt fühlte.

Aprilia

Aleix Espargaro hat seinen Fixplatz für 2022 inne. Neben dem erfahrenen Katalanen wünscht sich die Aprilia-Führung Andrea Dovizioso. Der Italiener testete die RS-GP bereits zweimal und wird in den kommenden Monaten weitere Testfahrten absolvieren. Er machte nie einen Hehl daraus, dass er 2022 sein MotoGP-Comeback geben möchte. Sollte er von den Qualitäten der Aprilia überzeugt sein, stehen im in Noale Tür und Tor offen. Allerdings hat Aprilia nicht ewig Zeit.

Im Vorjahr wartete man viele Monate auf das Endergebnis von Andrea Iannones Dopingprozess, in der Hoffnung, der Italiener wäre 2021 startberechtigt. Als seine Sperre im Oktober bestätigt wurde, lief Aprilia die Zeit davon. Einige Moto2-Fahrer sagten ab, weshalb am Ende Testfahrer Lorenzo Savadori den Posten erhielt. Bislang konnte er aber nicht überzeugen und ist unter allen Stammfahrern nur Letzter der WM-Wertung.

Ein Verbleib Savadoris als Einsatzfahrer ist selbst im Fall einer Absage von Dovizioso unrealistisch. Denn mit Danilo Petrucci könnte ein MotoGP-Routinier verfügbar sein. Zudem könnte Aprilia mit nunmehr deutlich besseren Karten bei jenen Fahrern anklopfen, bei denen man es schon im Vorjahr versucht hat: Joe Roberts und Marco Bezzecchi.

Tech3

Remy Gardner wurde unmittelbar vor dem MotoGP-Wochenende in Barcelona als Fahrer für 2022 bestätigt. Somit bleibt für die beiden aktuellen Piloten Danilo Petrucci und Iker Lecuona nur ein Motorrad übrig. Zusätzliche Konkurrenz erhält das Duo von Seiten der internen KTM-Karriereleiter. Dort lauert auch Raul Fernandez auf seine Chance. Als Rookie überzeugte der Spanier in den bisherigen Moto2-Rennen auf voller Linie und dürfte sich wohl mit Gardner um den Titel duellieren.

Ein denkbares Szenario wäre, dass Fernandez gemeinsam mit Gardner in die MotoGP aufsteigt, während Lecuona intern einen Schritt zurück in das Moto2-Team macht, wo man ihn mit Moto3-Superrookie Pedro Acosta zusammenspannen könnte. Danilo Petrucci würde in diesem Fall durch die Finger schauen. Ein Verbleib im Team ist wohl nur möglich, wenn er Lecuona klar schlägt und sich Pit Beirer, Aki Ajo und Herve Poncharal dazu entschließen, Fernandez lieber noch ein zweites Jahr in der Moto2 reifen zu lassen. Sollte das eintreten, würde wiederum Lecuona durch die Finger schauen.

Petronas

Die komplexeste Personalie steht dem Petronas Sepang Racing Team ins Haus. Franco Morbidelli verfügt für 2022 über einen Vertrag mit dem malaysischen Rennstall, zudem wurde ihm von der Teamführung intern eine vollwertige Werksmaschine für 2022 zugesichert. Die Vergabe des zweiten Platzes ist aber von einigen politischen Faktoren abhängig.

Da wäre zunächst der Faktor Rossi: Sollte sich der 42-Jährige zu einer Fortführung seiner Karriere entschließen, wird Yamaha alles daransetzen, die wichtigste Marketing-Investition der vergangenen zwei Jahrzehnte nicht an die Konkurrenz zu verlieren. Ein Rossi, der in seinem eigenen Team auf einer Ducati fährt, wäre der Supergau für die japanische Marke, die Rossi über all die Jahre einen dreistelligen Millionenbetrag ausbezahlt hat.

Faktor zwei wären die internen Reibereien: Die Beziehung der Malaysier zu Yamaha ist trotz der grandiosen Erfolge der vergangenen Jahre angespannt. Bereits im Vorjahr fühlte man sich im Zuge des Ventilskandals vom Werk allein gelassen. Die Initiative zu einer intensiveren Zusammenarbeit (etwa über die Petronas-Teams in den kleinen Klassen) wurde von Yamaha ebenfalls abgeschmettert. Zudem machten zuletzt Gerüchte die Runde, Yamaha würde Valentino Rossi für sein neues Team MotoGP-Bikes zur Hälfte des Preises anbieten, den Petronas aktuell dafür zahlt.

Einen Verbleib von Rossi im Team könnte sich Petronas daher von Yamaha über einen satten Rabatt finanzieren lassen, denn für 2022 gibt es noch keinen Vertrag zwischen dem Team und dem Hersteller. Allerdings ist die Verhandlungsposition der Malaysier nicht so stark wie gedacht, denn mangels Alternativen ist man auf eine Verlängerung der Zusammenarbeit mit Yamaha angewiesen.

Sollte Rossi sich zu einem Rücktritt entscheiden, dürfen die Malaysier wohl kaum auf die Unterstützung von Yamaha bei der Verpflichtung eines Talents zählen. Britische Medien brachten daher bereits den Moto2-Fahrer Jake Dixon ins Spiel, der seit 2020 für Petronas unterwegs ist. Allerdings wartet der 25-Jährige nach wie vor auf seinen ersten Podestplatz und ist in der WM aktuell nur auf Platz 18 zu finden. Sein einziger Vorteil: Die Dorna hätte gerne wieder einen Briten in der Königsklasse.


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