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MotoGP-Meinung: Joan Mir ist keine Weltmeister-Eintagsfliege

Joan Mir ist der neue MotoGP-Weltmeister. Er gewann in einer Saison des permanenten Ausnahmezustands. Es war aber wohl nicht sein letzter Titelkampf.
von Michael Höller

Motorsport-Magazin.com - Die MotoGP-Saison 2020 wird in vielerlei Hinsicht einen ganz besonderen Platz in den Geschichtsbüchern bekommen. Einer der freudigen Gründe dafür ist der neue Weltmeister: Joan Mir.

Als Davide Brivio den aufbrausenden Andrea Iannone im Winter 2018/19 durch einen 21-Jährigen mit gerade einmal 55 WM-Rennen auf dem Kasten ersetzte, sorgte das nicht bei allen für Verständnis. Auch ich war damals skeptisch, ob diese Entscheidung nicht dem damaligen Jugendwahn geschuldet war.

MotoGP-Analyse, Valencia: Warum Joan Mir den Titel 2020 holte: (38:05 Min.)

Doch Mir belehrte Skeptiker rasch eines Besseren und legte vom ersten Arbeitstag höchste Professionalität und Reife an den Tag. In der MotoGP etablierte er sich schon ab dem ersten Tag als harter Arbeiter, der das Sprücheklopfen Anderen überlasst. Genau diese Charaktereigenschaft passt wohl besser als jede andere zu Suzuki, wo einst japanische Ingenieure mit Kündigung drohten, wenn sie denn noch länger die Launen eines Andrea Iannone über sich ergehen lassen müssten.

Mir wirkte bereits in der Moto3 unglaublich reif, als er 2017 mehrere Solosiege einfuhr - unter anderem mit 12 Sekunden Vorsprung in Brünn. Derartige Machtdemonstrationen gab es in der WM-Einstiegsklasse seither nicht wieder. In der Moto2 genügten ihm 2018 bereits zwei Podestplätze, ehe er seinen Suzuki-Vertrag im Frühsommer in der Tasche hatte.

Das nötige Rüstzeug lernte er einst u.a. bei Gustl Auinger im Red Bull Rookies Cup, die mit Mir nun ihren ersten MotoGP-Weltmeister hervorgebracht hat. Zwei Jahre war der Spanier dort unterwegs, ehe er über die spanische Moto3-Junioren-WM den Sprung in die Weltmeisterschaft schaffte.

Dieser Sprung gelang ihm zwar erst im Alter von 18 Jahren, was gerade für einen Spanier eher ungewöhnlich alt ist, doch dann ging alles ganz schnell. Seine Konkurrenten aus den Nachwuchsklassen des WM-Vorfelds hat er aber längst hinter sich gelassen und überrundet: Etwa seine ehemaligen Rookies-Cup-Rivalen Jorge Martin oder Enea Bastianini, die erst im kommenden Jahr in die Königsklasse aufsteigen. In Spanien landete er einst auch hinter Nicolo Bulega, Albert Arenas und Aron Canet. Alles Fahrer, die noch ein paar Jahre von der Königsklasse entfernt sein dürften.

Diese Vergleiche sollen als Indiz dafür dienen, wie schnell der Aufstieg des Joan Mir von statten ging. Gerade einmal zwei Jahre brauchte er für seinen ersten WM-Titel, drei Jahre bis zum Aufstieg in die MotoGP und zwei weitere dort bis zum ersten Erfolg in der Königsklasse. Das sind Statistiken, die sich selbst vor denen eines Marc Marquez oder Valentino Rossi nicht verstecken müssen.

Ist Joan Mir gekommen, um an der Spitze zu bleiben? Oder ist er bloß der "Zufalls-Weltmeister", der die Gunst der Stunde nutzte, als das Coronavirus die Motorsport-Welt monatelang lahm legte und sich dann auch noch mit Marc Marquez der beste Motorradfahrer der Gegenwart schwer verletzte?

Ich sage: Joan Mir ist gekommen, um zu bleiben. Denn im kommenden Jahr wird sich an den technischen Voraussetzungen der Motorräder nicht viel ändern. Sein Weltmeister-Bike wird somit vor allem an den Rennsonntagen die Benchmark für Konstanz bleiben. Dass er plötzlich mit dem WM-Titel im Rücken zu Starallüren neigt, ist aufgrund seines Werdegangs unwahrscheinlich. Joan Mir und Suzuki - die Chemie stimmt einfach. Es wird mit Sicherheit nicht der letzte MotoGP-Titelkampf dieser Kombination gewesen sein.


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