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MotoGP-Analyse: Wie Morbidelli und Bagnaia auftrumpften

Franco Morbidelli holt in Misano seinen ersten MotoGP-Sieg, Francesco Bagnaia sein erstes Podium. Wie kam es zu diesen Premieren? Die GP-Analyse.
von Michael Höller

Motorsport-Magazin.com - Die MotoGP hat schon wieder ein neues Siegergesicht: Franco Morbidelli setzte sich in Misano durch und ist nach Fabio Quartararo, Brad Binder sowie Miguel Oliveira bereits der vierte Fahrer, der 2020 sein erstes Rennen in der Königsklasse gewinnen kann.

Während in den beiden Spielberg-Rennen KTM und Ducati den Ton angaben, waren es in Misano Yamaha und Suzuki. Für den einzigen Farbklecks sorgte Francesco Bagnaia, der nach drei Rennen Pause genau dort anschließen konnte, wo er in Jerez vor seiner Verletzung aufgehört hatte. Motorsport-Magazin.com mit einer ausführlichen Analyse des MotoGP-Rennens in Misano:

Bagnaia: Eigentlich schnellster Mann

Wie ein Blick in die Rundenzeiten-Tabellen zeigt, war Francesco Bagnaia über weite Strecken des Rennens der schnellste Mann im gesamten Feld. In acht der 27 Runden, also beinahe ein Drittel des Rennens, fuhr der Italiener die schnellste Einzelzeit im gesamten Feld.

Schnellste Zeit in jeder der 27 Runden:

Fahrer Anzahl Schnellste Runde in
Francesco Bagnaia 8 Lap 6-8, 13, 16-18, 26
Joan Mir 6 Lap Lap 14, 19, 21-23, 27
Franco Morbidelli 5 Lap 1-2, 5, 9, 15
Alex Rins 4 Lap 4, 10-12,
Maverick Vinales 3 Lap 20, 24-25
Jack Miller 1 Lap 3

Sieger Morbidelli gelang das nur in fünf Runden, während Suzukis Joan Mir sechsmal die schnellste Runde fuhr und sein Teamkollege Alex Rins viermal. Sogar Maverick Vinales, der sich nach dem Rennen als "fahrendes Hindernis" bezeichnete, gelang in drei Runden die schnellste Zeit aller Fahrer.

Aber nicht nur im Vergleich mit seinen MotoGP-Konkurrenten war Bagnaia der schnellste Mann, auch beim Vergleich der Zeitenwerte. Ganze neunmal blieb er unter der Marke von 1:33,0. Sieger Morbidelli gelang das nur zweimal, Valentino Rossi im gesamten Rennen überhaupt nicht. Nur vier weitere Piloten konnten die Marke von 1:33,0 überhaupt unterbieten: Alex Rins (7x), Joan Mir (6x) und Maverick Vinales (4x).

Fahrer mit Rundenzeiten unter 1:33,0 Minuten:

Fahrer Anzahl Erzielt in
Francesco Bagnaia 9 Lap 7-8, 10-12, 15-18
Alex Rins 7 Lap 4, 10-12, 15-17
Joan Mir 6 Lap Lap 11, 15, 21, 23, 25, 27
Maverick Vinales 4 Lap 20, 23-25
Franco Morbidelli 2 Lap 11, 15
Pol Espargaro 1 Lap 25

Konstante Pace von Morbidelli

Wie konnte also Morbidelli seinen souveränen Sieg herausfahren, wenn andere Piloten bei Einzelzeiten teils deutlich besser abschnitten? Mit einem starken Start und einer unglaublichen Konstanz. Bis zur 24. Runde fuhr der spätere Sieger (mit Ausnahme der Startrunde) immer Zeiten unter 1:33,4 Minuten. Eine Zeit, die Bagnaia erst in der fünften Runde zum ersten Mal unterbieten konnte und die Suzukis Duo innerhalb dieser Spanne ebenfalls häufig verpasste (Mir 4x, Rins 8x).

Bis zur 5. Runde hatte Morbidelli einen Vorsprung von 3,991 Sekunden auf Bagnaia herausgefahren. Rekordwert für dieses Rennen und ein Wert, der bis zum Zieleinlauf beinahe halbiert wurde. Denn zum Zeitpunkt der karierten Flagge fehlten Bagnaia nur noch 2,271 Sekunden. Und das, obwohl Morbidelli bis zum Ende voll durchzog, denn die Rundenzeiten der beiden Führenden im letzten Umlauf waren nahezu ident (Bagnaia war um 0,012 Sek. Schneller).

Morbidellis Rennstrategie zeigt deutlich, weshalb die Yamaha-Fahrer am Samstag trotz der Eroberung der ersten vier Startplätze zurückhaltend für das Rennen waren. Der Tenor: Man dürfe am Start keinesfalls hinter die Ducati aus der zweiten Reihe (Miller & Bagnaia) zurückfallen, sonst riskiere man sämtliche Siegchancen. Denn im Sololauf funktioniert die M1 deutlich besser als in einer Kampfgruppe. Das untermauerten in Misano nicht nur sämtliche Trainings und das Qualifying, sondern auch die Performance von Fabio Quartararo und Maverick Vinales. Im Gegensatz zu Morbidelli und Rossi, die an der Spitze frei fahren konnten, fiel dieses Duo in der ersten Runde auf die Plätze 4 und 5 zurück, und kam in Folge einfach nicht auf die nötige Pace.

So fuhr Vinales seine stärksten Rundenzeiten in den Umläufen 20, 24 und 25, als er jeweils mutterseelenalleine unterwegs war. Quartararo fuhr seine schnellsten Rennrunden ebenfalls ohne Vordermann in den Runden 7, 10 und 17. Allerdings kam er gleich zweimal wenig später zu Sturz. "Ich habe gepusht, als wäre es die letzte Runde, aber es waren noch 19 Runden zu fahren. Das war meine Schuld. Ich habe es einfach übertrieben", sollte er später den entscheidenden ersten Crash kommentieren.

Starke Suzukis

Suzuki darf sich freuen: Die GSX-RR scheint mittlerweile auf allen Strecken-Typen zu funktionieren. Als einziger Hersteller hat man es geschafft, in jedem der vergangenen fünf Rennen mindestens eine Maschine in die Top-5 zu bringen. Mit Ausnahme von Jerez hatte man in jedem Lauf Chancen auf das Podest. Vor allem der harte Cut zwischen der Stop-and-Go-Strecke Red Bull Ring und dem flüssigen Misano World Circuit stellte unter Beweis, dass die Suzuki das vielleicht ausgeglichenste Bike des Jahrgangs 2020 ist.

Denn während Yamaha in Österreich nicht auf Touren kam und KTM in Misano chancenlos war, hielt sich Suzuki auf beiden Kursen auf dem Podest. In zehn der 27 Runden war entweder Mir oder Rins der schnellste Mann im gesamten Feld. 13 der 29 Rundenzeiten unter 1:33,0 wurden von einer Suzuki erzielt.

Joan Mir war in den Schlussrunden sogar der absolut Schnellste: In den letzten sieben Umläufen machte er auf Sieger Morbidelli 2,7 Sekunden, auf Bagnaia 2,0 Sekunden und auf Rossi 2,6 Sekunden gut. Somit legte der Spanier das beste Reifenmanagement aller Fahrer an den Tag und hatte somit die größten Reserven im Finale. Alex Rins gelang das bis zur letzten Runde auch - erst dort verlor er seine Chance auf das Podest.

Fazit: So siegt man auf Yamaha

Mit Bestzeiten in allen vier Trainings und dem Vierfacherfolg im Qualifying schaute am Samstagabend alles nach einem vollen Erfolg für Yamaha aus. Doch am Ende war es nur ein einziger Fahrer, der es auf das Podest schaffte: Franco Morbidelli. Der holte nach Quartararo im zweiten Jerez-Rennen bereits den zweiten Start-Ziel-Sieg für den japanischen Hersteller. Auf diese Art und Weise ist die Yamaha am konkurrenzfähigsten: Wenn sie alleine ihre Runden drehen kann.

Bei den Herren aus der ersten Startreihe herrschten daher am Samstag berechtigte Zweifel an einem Mehrfachsieg im Rennen. Denn sobald die Yamaha im Feld hängt, verliert sie sofort Konkurrenzfähigkeit. Gegen Ende des Rennens haben meist andere Hersteller und Fahrer mehr Reserven.

Perfekte Renneinteilung wird immer mehr zur Spezialdisziplin von Suzuki: Joan Mir holte mit starkem Finish seinen zweiten Podestplatz in Folge. Da auch der noch immer angeschlagene Alex Rins (er berichtete von starken Schmerzen im Arm) in den Top-5 landete, ist ein erster Saisonsieg für Suzuki wohl nur eine Frage der Zeit. Und ein Qualifying in den ersten beiden Reihen, denn das verpassten Rins und Mir einmal mehr.


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