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MotoGP: Ist das aktuelle Red-Flag-Reglement unfair?

Beide MotoGP-Rennen in Spielberg musste unterbrochen werden, zahlreiche Fahrer verloren Podien oder sogar Siege. Muss ein neues Reglement her?
von Markus Zörweg

Motorsport-Magazin.com - Zwei dramatische Rennwochenenden in Spielberg liegen hinter der MotoGP. Beide Läufe der Königsklasse mussten unterbrochen werden: Der Österreich-Grand-Prix nach dem Horror-Crash zwischen Franco Morbidelli und Johann Zarco, der Steiermark-Grand-Prix nach dem Bremsdefekt von Maverick Vinales. Beide Rennen wurden nach den Unterbrechungen fortgesetzt und nahmen dann jeweils ganz andere Verläufe, als das wohl in einem gewöhnlichen Rennen ohne Pause der Fall gewesen wäre.

Im Österreich-GP war Pol Espargaro gerade dabei, sich an der Spitze abzusetzen, als es hinter ihm zum schlimmen Unfall kam. Nach dem Restart war Espargaro chancenlos und stürzte schließlich im Kampf um Platz fünf. Den Sieg im Steiermark-GP hätte wohl Joan Mir abgestaubt, wäre der Airfence in Kurve eins nicht von Vinales' Yamaha zerstört worden. Der Suzuki-Mann führte beim Abbruch bereits mit mehr als 2,4 Sekunden Vorsprung. Im zweiten Rennen lief es nicht mehr nach Wunsch und Mir verpasste als Vierter das Podium.

Die Schicksale von Espargaro und Mir sind praktisch ident. Beide Fahrer hatten nach ihren starken Vorstellungen bis zu den Abbrüchen kein neues Exemplar des von ihnen bevorzugten Vorderreifens mehr zur Verfügung und mussten so entweder mit einer anderen Mischung oder einem gebrauchten Slick in den zweiten Teil des Rennens gehen.

Nach den beiden Spielberg-Wochenenden kam deshalb im MotoGP-Paddock die Frage auf, ob das aktuelle Prozedere bei einer Rennunterbrechung wirklich fair ist. In so einem Fall dürfen an den Motorrädern alle mögliche Setup-Veränderungen vorgenommen, Reifen getauscht oder Sprit nachgefüllt werden. Einzige Bedingungen: Zum Beginn des Quick-Restart-Procedure, bei dem die Boxengasse nur für eine Minute geöffnet wird, muss der Umbau fertig sein.

MotoGP-Analyse: Irres Finale in Spielberg: (34:02 Min.)

Die Anregungen reichen von einem Reifenwechselverbot bis hin zu kompletten Parc-ferme-Regeln, unter denen die Motorräder völlig unverändert bleiben müssten. Der Pechvogel des zweiten Rennens, Joan Mir, wäre mit einer neuen Regelung die Reifen betreffend schon zufrieden. "Ich glaube, dass das keine schlechte Idee wäre und schon einige Probleme lösen würde", so der Mallorquiner.

Natürlich steht es jedem Fahrer beziehungsweise seinem Team frei, sich einen Reifen für den Fall eines Abbruchs aufzusparen. Eine Strategie, die aber äußerst selten Sinn ergibt. Die letzte Rennunterbrechung bei trockenen Bedingungen gab es vor dem Spielberg-Doppel 2016 in Silverstone, also vor ziemlich genau vier Jahren. Außerdem ist es für die MotoGP-Stars oft nicht einfach, mit dem zur Verfügung stehen Reifenkontingent auszukommen. Zehn Vorderreifen gibt es pro Fahrer und Grand Prix, allerdings dürfen davon maximal fünf Stück auf eine der drei Spezifikationen Soft, Medium und Hard entfallen.

"Mit unserem Motorrad hat in Spielberg nur der Medium funktioniert", erklärt Mir. Je einen dieser Reifen verwendete er in den ersten drei Trainings, in denen ja die wichtige Entscheidung über den direkten Einzug in Q2 fällt. FP1 brauchte Mir um mit dem M zu trainieren, sagt der Youngster. FP2 hätte aufgrund drohendem Regen am Samstagmorgen entscheidend sein können, FP3 war es dann tatsächlich. Die restlichen beiden Mediums verbrauchte Mir im Qualifying und im ursprünglichen Rennen.

Mir gingen in Spielberg die Vorderreifen aus - Foto: MotoGP.com

Zusätzlicher Reifen als Lösung

Würde also eine Ausweitung des Reifenkontingents Sinn machen? Bedingt. Denn eigentlich ist der zehnte Vorder- beziehungsweise zwölfte Hinterreifen an einem Wochenende schon genau für Rennabbrüche oder ähnliche Situationen vorgesehen. Darum wurde Michelin beim MotoGP-Wiedereinstieg von der Dorna gebeten. Fast alle Teams begannen über die Jahre hinweg aber, diesen 'Ersatzreifen' im regulären Rennwochenende einzusetzen. Möglich wäre eine Regelung, bei der ein zusätzlicher Vorder- oder Hinterreifen nur im Falle eines Abbruchs freigegeben wird. Analog zu dem zusätzlichen Slick, den die beiden Fahrer erhalten, die über Q1 den Einzug ins entscheidende Q2 schaffen.


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