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MotoGP-Analyse: Joan Mir - tragischer Held von Spielberg

Joan Mir dominierte das zweite MotoGP-Rennen in Spielberg. Eine Rote Flagge machte ihn aber vom strahlenden Sieger zum tragischen Helden.
von Michael Höller

Motorsport-Magazin.com - Der Red Bull Ring in Spielberg war am Sonntag Schauplatz eines weiteren MotoGP-Krimis in zwei Akten. Wie schon eine Woche zuvor musste das Rennen nach einem Unfall per Roter Flagge abgebrochen und neu gestartet werden. Das Klassement wurde dadurch auf den Kopf gestellt und am Ende gewann ein Fahrer, der eigentlich schon aus dem Rennen um die Podestplätze war, während der vermeintliche Sieger nach der Unterbrechung leer ausging. Motorsport-Magazin.com analysiert, wie es dazu kommen konnte.

MotoGP-Analyse: Irres Finale in Spielberg: (34:02 Min.)

Rennen 1: Joan Mir dominiert

Suzuki hatte sich bereits am Samstag selbst in eine Favoritenrolle gedrängt. Einerseits mit den konstant starken Zeiten in den Trainings, andererseits auch durch die Ansagen nach dem Qualifying. Mit P3 (Mir) und P6 (Rins) gelang den üblicherweise schwachen Qualifiern von Suzuki ein gutes Ergebnis und somit eine aussichtsreiche Ausgangsposition für das Rennen.

Mir erwischte einen guten Start und konnte sich in der ersten Runde hinter Jack Miller klemmen. In Runde 4 konnte er den Australier überholen und brannte in Lap 5 direkt die schnellste Rennrunde in den Asphalt. An seine 1:24,018 Minuten sollte bis zum Abbruch niemand mehr auf weniger als 0,191 Sekunden herankommen.

In den 16 Runden bis zur Roten Flagge war Mir achtmal der schnellste Fahrer im gesamten Feld und konnte seinen Vosprung auf Verfolger Taka Nakagami bis zum Unfall von Maverick Vinales auf 2,415 Sekunden ausbauen. Ein Podestplatz war sogar um viereinhalb Sekunden abgesichert.

Abbruch: Reifenpoker beginnt

Der Abbruch machte Mirs Bemühungen der ersten 16 Runden zu Nichte und das Rennen verkam zu einer Art Pole Race, das keinen weiteren Lohn für den Suzuki-Piloten bereit hielt als nach dem Restart auf Pole Position zu stehen. Wie schon im Österreich-GP in der Woche zuvor, begannen viele Fahrer in der Pause, neue Reifen aufzuziehen, ja sogar neue Kombinationen zu probieren.

So stellten etwa Jack Miller und Andrea Dovizioso von Medium-Medium auf Soft-Soft um. Oliveira tauschte seinen M-Reifen an der Front gegen einen der harten Spezifikation. Rins und Nakagami blieben bei der gleichen Kombination, konnten aber nur teilweise unbenutzte Reifen verwenden.

FahrerReifen am StartReifen am Restart
MillerM (neu) - M (neu)S (neu) - S (neu)
DoviziosoM (neu) - M (neu)S (neu) - S (neu)
MirM (neu) - M (neu)M (kein Wechsel) - M (angefahren)
OliveiraM (neu) - M (neu)H (neu) - M (neu)
P. EspargaroH (neu) - M (neu)H (angefahren) - M (neu)
RinsM (neu) - M (neu)M (angefahren) - M (neu)
NakagamiM (neu) - S (neu)M (angefahren) - S (angefahren)

Am schlimmsten erwischte es aber Mir: Der Spanier musste an seinem bereits am Start eingesetzten Vorderreifen festhalten, da er keinen neuen der Medium-Spec mehr hatte, und die Suzuki nur mit diesem Reifen funktioniere, so seine Aussage nach dem Rennen. So ging er mit einem 18 Runden alten Vorderreifen in ein Duell mit Fahrern, die teilweise hinten und vorne neue Slicks aufgezogen hatten. Am Start hatte er so gegen Blitzstarter Miller keine Chance.

Wie viel Zeit kostete Mir der Restart?

Ein Blick in die Zeitenliste offenbart, wie viele Sekunden Mir tatsächlich durch den Restart verloren hat. Nach der Startrunde des zweiten Rennens lag er immerhin noch auf dem zweiten Rang, doch seine Verluste waren groß.

Unterschied zu Mir in Lap 16 zu Lap 1 nach Restart

Fahreraufgeholt
Andrea Dovizioso 7,603 Sek.
Miguel Oliveira 6,330 Sek.
Pol Espargaro 4,332 Sek.
Alex Rins 3,454 Sek.
Jack Miller 2,699 Sek.
Taka Nakagami 1,425 Sek.

Sieger Oliveira konnte durch den Abbruch über 6,33 Sekunden auf Mir wettmachen, Jack Miller immerhin 2,699 Sekunden - im Vergleich des Gesamtstandes beim Abbruch zur ersten vollen Runde nach dem Restart.

Rennen 2: Mir muss zusehen

Für zwölf Runden wurde das Rennen nach dem Abbruch neu gestartet, womit sich dieser Lauf zu einem Zielsprint entwickelte. Kein Fahrer konnte sich dabei entscheidend absetzen, nie war der Vorsprung des jeweils Führenden größer als 0,337 Sekunden. Auch in den schnellsten Einzelrunden spiegelte sich das wider: So waren in den 12 Laps sieben verschiedene Fahrer zu einer Runde der schnellste im gesamten Feld.

Miller in den ersten beiden Runden, von Lap 3 bis 6 die KTM-Armada aus Oliveira, zweimal Espargaro und Binder, bevor Alex Rins für vier Runden das Ruder übernahm. In der vorletzten Runde war Dovizioso am schnellsten, im finalen Umlauf dann doch noch einmal Joan Mir. Seine 1:24,203 in der letzten Runde wäre sogar in seinem ersten Stint seine drittschnellste Runde gewesen. Mir hat mit seinen gebrauchten Reifen demnach sehr gut gehaushaltet, nur war das gegen die Fahrer vor ihm, die allesamt wechseln konnten, am Ende knapp zu wenig.

Fahrer SR Rennen 1 SR Rennen 2 Differenz
P. Espargaro1:24,4501:23,877-0,573
Oliveira1:24,4911:23,920-0,571
Rins1:24,5651:24,119-0,446
Dovizioso1:24,4751:24,036-0,439
Miller1:24,2331:23,928-0,305
Nakagami1:24,2091:24,110-0,099
Mir1:24,0181:24,048+0,030

Ein Vergleich der schnellsten Rennrunden des ersten und des zweiten Rennens zeigt, dass sich Mir als einziger Fahrer aus der Spitzengruppe nicht verbessern konnte. Seine schnellste Rundenzeit aus dem ersten Stint war knapp schneller als jene aus dem zweiten, alle anderen Spitzenfahrer konnten sich hingegen deutlich steigern. Pol Espargaro und Miguel Oliveira sogar um mehr als eine halbe Sekunde.

Fazit

Joan Mir legte auch nach dem Abbruch eine gute Pace hin. Allerdings musste er an der Front mit stumpfen Waffen kämpfen, weshalb er die Spitzengruppe mit Miller und dem KTM-Duo nicht attackieren konnte. Mir fiel keineswegs von seiner guten Pace vor der Unterbrechung ab, da aber das zweite Rennen schneller war, konnte er nicht im Kampf um die Podestplätze mitmischen, weil eine Steigerung mit seinen Reifen unmöglich war.

Auf einen Podestplatz fehlten am Ende nach dem Chaos in der letzten Kurve nur 0,101 Sekunden, auf den Sieg etwas mehr als sechs Zehntelsekunden. Wenn man sich ansieht, wie viel Zeit Mir die Rote Flagge gekostet hat, so darf der Spanier auf ein gutes, wenn auch letztlich unglückliches Rennwochenende zurückblicken.


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