MotoGP

MotoGP: So sieht der perfekte Motorrad-Pilot aus

Nobody's perfect. Aber was passiert, wenn man alle Stärken in einer Person verschmelzen lässt. Motorsport-Magazin.com entwirft den perfekten Fahrer.
von Markus Zörweg

Marc Marquez - Das Quali-Monster

80 Pole Positions in der Motorrad-Weltmeisterschaft sind Rekord. Und das in nur zehn Saisons. In 43 Prozent all seiner Grands Prix startete Marc Marquez von Startplatz eins, ein Drittel der 18 bestehenden Pole-Rekordrunden gehen auf sein Konto - beeindruckende Zahlen. Kein Fahrer im aktuellen MotoGP-Starterfeld, wohl sogar in der sieben Jahrzehnte langen Geschichte der Motorrad-WM, hat es geschafft, über eine Runde derart zu explodieren wie der Mann mit der Startnummer 93.

Marquez im Qualifying zu beobachten, ist immer wieder ein Spektakel. Wilde Wackler beim Anbremsen, Korrekturen mit vollem Körpereinsatz in den Kurven und spektakuläre Slides in den Beschleunigungsphasen - all das gehört zum Standardrepertoire des sechsfachen Weltmeisters. Stürze sind für Marquez kein Drama, sondern Teil seiner Jagd nach der perfekten Runde. "Du weißt erst, wo das Limit ist, wenn du am Boden liegst", erklärte er einst.

Mit dieser Einstellung hob Marquez die Zeitenjagd im Qualifying auf ein ganz neues Niveau. Will man heutzutage in der MotoGP eine Pole Position erringen, muss man bereit sein, über seine eigenen und auch die Grenzen des Motorrads hinauszugehen. Ein Risiko, das nur wenige Fahrer bereit sind, einzugehen. Verständlich, besteht dabei doch auch immer die Gefahr, sich zu verletzen.

Denn nicht jeder Pilot kann wie Marquez im Vorjahr insgesamt 27 Mal in einer Saison stürzen, ohne sich auch nur einmal wirklich zu verletzen. Ein Faktum, das oft als Glück angesehen wird. Das ist sicherlich teilweise richtig, hauptsächlich sind aber Marquez' herausragende Reflexe und seine überdurchschnittliche Fitness dafür verantwortlich, dass er trotz heftigster Abflüge fast immer ungeschoren davonkommt. Und dahinter steckt wiederum knallhartes Training - in der Kraftkammer, am Fahrrad oder dem Motocross-Bike.

Valentino Rossi - Die Motivationsmaschine

Gedankenexperiment: Du bist 38 Jahre alt, hast 360 Grands Prix in der Motorrad-Weltmeisterschaft bestritten, davon 115 gewonnen und in diesem Zeitraum neun WM-Titel geholt. Du bist der beliebteste Motorsportler des Planeten und hast Millionen auf dem Konto. Du brichst dir beim Enduro-Training vor der entscheidenden Phase im Titelkampf Schien- und Wadenbein, verpasst dein Heimrennen und verlierst somit endgültig die Chance auf den Gewinn der Weltmeisterschaft. Wofür entscheidest du dich?

A)Die laufende Saison abschreiben, es etwas ruhiger angehen lassen und dir Zeit für die Rehabilitation geben.

oder

B)18 Tage nach Unfall und Operation wieder auf dem Motorrad sitzen und in derselben Woche noch einen Grand Prix bestreiten.

Normale Menschen würden sich wohl für Option A entscheiden. Valentino Rossi hat Variante B gewählt. Neben seinem überragenden Talent ist es vor allem diese Motivation, die Rossi von ebendiesen 'normalen' Menschen oder auch vielen seiner Fahrerkollegen unterscheidet. Die meisten Sportler verlieren mit zunehmendem Alter und einer Vielzahl an angehäuften Erfolgen irgendwann den Antrieb. Ihre Leistungen werden schwächer, einige Athleten ziehen vorzeitig die Reißleine und beenden ihre Karriere gleich. Nicht so Rossi.

Zum Saisonauftakt 2018 bereits 39 Jahre alt, ist 'Il Dottore' motivierter als je zuvor. Seit 2010 jagt er seine persönliche 'Decima', den zehnten Weltmeistertitel in der Motorrad-Weltmeisterschaft. Was gleichzeitig das achte Championat in der Königsklasse und somit die Einstellung des Rekords von Landsmann Giacomo Agostini bedeuten würde. Es ist aber nicht nur diese Rekordjagd, die Rossi antreibt. Der alte Mann der MotoGP hat schlicht und ergreifend nach wie vor unglaublich viel Spaß an seinem Sport. Das macht ihn noch viel mehr zum Vorbild für junge Motorradpiloten, als all seine Titel und Trophäen.

Johann Zarco - Der Zweikampf-Killer

Das Duell Mann gegen Mann - es ist die Quintessenz des Rennsports. Vor allem durch ihre Häufigkeit sowie die Härte, mit der diese Duelle in der Königsklasse des Motorradsports geführt werden dürfen und auch geführt werden, stieg die MotoGP in den vergangenen Jahren zum mit Abstand spektakulärsten Motorsport auf Weltmeisterschaftsniveau auf. Der Kampf, nicht bloß gegen eine Zeit, sondern gegen einen Kontrahenten aus Fleisch und Blut, gilt eben nach wie vor als die Königsdisziplin.

Die besten Zweikämpfer der Historie und der Gegenwart werden von den Fans verehrt. Schließlich bedarf es einer Fülle an Qualitäten, um gegen die besten Piloten der Welt im direkten Duell zu bestehen. Pfeilschnelle Reaktionen, perfekte Berechnung und nicht zuletzt eine riesige Portion Mut sind gefragt. Ein Paket, das im Vorjahr Johann Zarco am besten schnürte. Und das in seiner allerersten MotoGP-Saison.

Egal ob Valentino Rossi, Marc Marquez oder Jorge Lorenzo - sie alle bekamen früher oder später die Zweikampfstärke Zarcos zu spüren. Der französische Rookie im Tech-3-Team nützte jede noch so kleine Lücke. Er musste sich zwar vor allem von Rossi und Lorenzo immer wieder Vorwürfe gefallen lassen, er würde zu ungestüm in die Zweikämpfe gehen, kam am Ende des Jahres aber dennoch ohne eine einzige Bestrafung durch die Rennleitung davon.

Zarco hat somit bisher alles richtig gemacht, schließlich kann man sich auch nur durch derart kompromissloses Auftreten als Neueinsteiger in der Königsklasse Respekt verschaffen. Das haben vor ihm schon Valentino Rossi oder Marc Marquez bewiesen, die nun die andere Seite der Medaille zu sehen bekommen.

Jorge Lorenzo - Das Uhrwerk

Ein Rennen im Zweikampf für sich zu entscheiden, ist die eine Sache. Es gar nicht erst zu Zweikämpfen kommen zu lassen, die andere. Einen Grand Prix vom Anfang bis zum Ende anzuführen, also den vielzitierten Start-Ziel-Sieg einzufahren, ist unglaublich schwierig. Das gilt über alle Motorsportklassen hinweg gleichermaßen.

In einem Rennen - oder generell auf einer Rennstrecke - ist es immer einfacher, einem Vordermann zu folgen, als selbst das Tempo vorzugeben. Die Fahrt an der Spitze fordert dem Piloten in jedem Bereich mehr ab: Technik, Physis, Psyche. Nicht verwunderlich, dass selbst überragende Fahrer der jüngsten Vergangenheit wie Marc Marquez oder Valentino Rossi nur ganz wenige ihrer Siege mit großen Vorsprüngen und einer Führung von Beginn an erzielten.

Dieses Unterfangen wurde in den letzten Jahren auch nicht einfacher, da die MotoGP durch die Aufnahme neuer Hersteller und die Einführung der Einheitselektronik zunehmend enger zusammengerückt ist. Ein Mann konnte sich in seiner zehnjährigen MotoGP-Karriere dennoch den Ruf als Meister des Start-Ziel-Sieges erarbeiten: Jorge Lorenzo. Unter seinen Erfolgen sind Start-Ziel-Siege eher die Regel als die Ausnahme.

Lorenzo zählt zu den besten Startern im MotoGP-Grid und kann dadurch oft direkt zu Beginn die Führung übernehmen, wenn er sie nicht ohnehin von Anfang an innehat. Ist das der Fall, sieht ihn die Konkurrenz das restliche Rennen über für gewöhnlich nur noch von hinten. Kein Fahrer kann seine Runden so gleichmäßig abspulen wie Lorenzo. Jeder Bremspunkt, jedes Schaltmanöver, jeder Scheitelpunkt sitzt - der Mann mit der Nummer 99 macht keine Fehler.

In seiner ersten Saison bei Ducati 2017 büßte Lorenzo etwas von dieser Stärke ein. Zu groß war die Umstellung von der Yamaha M1 auf die Desmosedici. Es zweifelt aber kaum jemand daran, dass Lorenzo Rennen wie einst auf Yamaha auch auf Ducati wieder zeigen wird. Die von Lorenzo oft vorgezeigte Art, Grands Prix zu gewinnen, ist nicht unbedingt die aufregendste. Vielleicht ist auch das ein Mitgrund, warum sich der Mallorquiner nie über den Zuspruch von Seiten der Fans freuen durfte, wie ihn etwa Rossi oder Marquez genießen. Aus sportlicher Sicht ist sie deshalb aber um nichts weniger bewundernswert.

Danilo Petrucci - Der Regenkönig

Die Chance, in der modernen MotoGP ein Rennen auf einem Motorrad zu gewinnen, dass nicht von den drei großen Werksrennställen bei Honda, Yamaha oder Ducati eingesetzt wird, gehen gegen Null. Zumindest, wenn die Rennen auf trockener Strecke stattfinden. In den vergangenen elf Saisons passierte das nämlich genau einmal, als Cal Crutchlow 2016 auf Phillip Island triumphierte.

Die technischen Unterschiede werden aber massiv ausgeglichen, wenn der Asphalt nass ist. Plötzlich haben Fahrer aus kleineren Teams und mit ansonsten unterlegenem Material die Möglichkeit, die Stars aus den Factory-Teams zu fordern. Denn dann zeigt sich, welche Piloten bei schwierigsten Bedingungen mit ihren Bikes am gefühlvollsten umgehen können.

Viele Fahrer sehen somit die Chance, sich nun einen Namen zu machen. Ein Großteil von ihnen übertreibt es dabei aber in der Regel, ein vorzeitiges Rennende im Kies ist meist die Folge. Ganz wenige Piloten hingegen glänzen bei diesen Bedingungen, besonders eindrucksvoll ist das zuletzt Danilo Petrucci gelungen.

2015 stand er im strömenden Regen von Silverstone als Zweiter mit seiner Kunden-Ducati bei Pramac Racing erstmals auf dem Podium, im Vorjahr schaffte er das bei den Regenrennen in Misano und Motegi sowie bei Mischbedingungen in Assen erneut. In Misano musste er sich Marc Marquez erst in der letzten Runde geschlagen geben, in Assen fehlten ihm gar nur 63 Tausendstelsekunden auf Rennsieger Valentino Rossi.

Andrea Dovizioso - Die Rennintelligenzbestie

Packende Zweikämpfe, spektakuläre Überholmanöver und Vollgasfahrten über die gesamte Renndistanz sind das Salz in der MotoGP-Suppe. Sie sind der Grund, warum alle zwei Wochen Millionen von Fans die Fernsehgeräte einschalten und hunderttausende an die Rennstrecken pilgern. Ein MotoGP-Rennen besteht aber aus mehr als einer reinen Tempohatz über 40 Minuten.

Oft genug steht am Ende eines Grand Prix nicht der Pilot auf dem obersten Treppchen des Podiums, der an diesem Tag der schnellste war, sondern derjenige, der das intelligenteste Rennen gefahren ist. Über eine volle Renndistanz gilt es für die Fahrer viele Dinge zu bewerten, um in der Schlussphase des GPs noch schlagkräftig zu sein.

Zum einen gilt es, seine eigenen Stärken und Schwächen in einzelnen Streckenbereichen auszuloten und mit denen der direkten Gegner abzugleichen, um so im Finale das entscheidende Manöver lancieren beziehungsweise verhindern zu können. Setzen die Wetterbedingungen den Fahrern zu - man denke nur an die Hitzeschlachten in Sepang - ist man außerdem gut beraten, sich seine körperlichen Energien gut einzuteilen.

Und zu guter Letzt wurde es vor allem seit der Übernahme des MotoGP-Reifenmonopols durch Michelin immer wichtiger, seine Reifen so zu verwalten, dass sie auch in der entscheidenden Phase noch ausreichend Grip bieten. Der Fahrer, der all das in jüngster Vergangenheit perfekt vorexerziert hat, ist Andrea Dovizioso. Vier seiner sechs Saisonsiege 2017 waren in erster Linie taktische Meisterleistungen. In Barcelona und Silverstone schonte er die Reifen an seiner Ducati Desmosedici perfekt und stach die Konkurrenz so in den letzten Runden aus.

In Spielberg und Motegi kam es mit Marc Marquez zu Showdowns in den letzten Kurven. Dovizioso lag jeweils voran, Marquez attackierte ihn. Während andere Fahrer womöglich verzweifelt versucht hätten, dessen Angriffe zu blockieren, bot Dovizioso seinem Widersacher jedes Mal exakt ausreichend Raum, so dass Marquez an ihm vorbeigehen konnte. 'Dovi' war sich nämlich sowohl in Österreich als auch in Japan stets im Klaren darüber, dass er Marquez durch die bessere Linie hin zu Start und Ziel wieder ausbeschleunigen können würde - zwei echte Geniestreiche des Ducati-Piloten!

Lust auf mehr? Diese Geschichte erschien 2018 in unserer Print-Ausgabe. Die wird es auch in der Saison 2019 wieder geben. Natürlich in jedem gut sortierten Zeitschriftenhandel, im Bahnhofs- und Flughafenbuchhandel, und selbstverständlich auch online - einfach dem Link folgen!


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