MotoGP

Braucht die MotoGP schärfere Aufnahmekriterien für Fahrer?

Rabat-Ersatz Christophe Ponsson wird in Misano wie erwartet zum fahrenden Hindernis für den Rest des MotoGP-Feldes. Dort regt sich nun Widerstand.
von Markus Zörweg

Motorsport-Magazin.com - Die Einberufung von Christophe Ponsson als Ersatzpilot für Tito Rabat beim San-Marino-GP in Misano sorgte von Beginn an für Verwunderung. Der 22-jährige Franzose war nie in der Motorrad-Weltmeisterschaft aktiv, bestritt nur eine WSBK-Saison mit mäßigem Erfolg und ist seither in nationalen Meisterschaften unterwegs. Nicht unbedingt das, was man unter 'MotoGP-Material' versteht.

Bedenken bezüglich Ponssons Einsatz gab es deshalb bereits vor dem Rennwochenende in Misano. Valentino Rossi und Marc Marquez taten in der Pressekonferenz am Donnerstag ihre Sorgen darüber kund, sich die Strecke in Trainings, Qualifying und dem Rennen mit einem Fahrer teilen zu müssen, der zum allerersten Mal auf einem MotoGP-Bike sitzt. Man müsse ihm aber erst einmal eine Chance geben, waren sich die beiden Superstars einig.

Nun, die Chance bekam Ponsson am Freitag, aber leider trat genau das ein, was befürchtet wurde. Der Avintia-Ersatzmann war meilenweit von der Pace des restlichen Feldes entfernt und sorgte für die ein oder andere haarige Situation bei Überholmanövern. Jack Miller etwa blockierte er auf dessen schnellster Runde, wodurch der Pramac-Pilot von der Stecke abkam und so die Top-Ten verpasste. "Wenn jeder in etwa in gleich schnell ist, kannst du darauf vertrauen, dass der andere Fahrer eine normale Linie fährt. Wenn der aber fünf oder sechs Sekunden langsamer ist, wird es gefährlich", meinte Weltmeister Marc Marquez.

7,430 Sekunden verlor Ponsson im ersten Training bei nur 92 Sekunden Fahrzeit von Spitzenreiter Dovizioso und lag somit außerhalb der 107-Prozent-Marke, die für die Zulassung zum Rennen notwendig ist. Am Nachmittag schraubte Ponsson seinen Rückstand auf knapp unter sechs Sekunden, lag somit innerhalb der 107 Prozent. Er war damit aber immer noch 3,615 Sekunden langsamer als der Vorletzte Hafizh Syahrin.

Kollegen halten nichts von Ponssons Blitzeinsatz

Auf dementsprechend wenig Begeisterung stieß sein Auftritt bei den MotoGP-Stammpiloten. "Ich hoffe, er hatte zumindest Spaß dabei", war alles, was Yamaha-Star Maverick Vinales zur Leistung Ponssons einfiel. Andrea Dovizioso verdeutlichte, wie gefährlich ein derart langsamer Pilot ist: "Wenn du ihm Training von hinten an ihn rankommst, musst du verlangsamen. Sein Abstand ist zu groß. Das ist für die MotoGP nicht gut. Ich habe nichts gegen ihn persönlich, aber ich glaube, er hat nicht genug Erfahrung um hier an einem Rennwochenende zu starten."

Erster Arbeitstag in der MotoGP: Christophe Ponsson - Foto: Reale Avintia Racing

Jorge Lorenzo forderte gar eine Regeländerung, um ein gewisses Niveau bei Wildcard- und Ersatzpiloten zu garantieren. "Vielleicht könnten wir so etwas wie die Superlizenz in der Formel 1 einführen oder verpflichtende Tests vor einem Einsatz, damit sich der Fahrer an das Motorrad gewöhnen kann. Denn er hatte heute Probleme, alles unter einen Hut zu bekommen: Reifen, Karbonbremsen, die Kraft dieser Motorräder", stellte der Ducati-Pilot fest.

Lizenz: MotoGP weniger streng als Formel 1

Aktuell müssen Fahrer nur zwei Anforderungen erfüllen, um an einem MotoGP-Rennwochenende teilnehmen zu können. Sie müssen über 18 Jahre alt sein und eine 'FIM Grand Prix Licence' besitzen. Über diese verfügen auch sämtliche Moto2 oder Moto3 Piloten - das diese Lizenz somit wenig bis nichts über die MotoGP-Tauglichkeit eines Piloten aussagt, scheint klar. Die von Jorge Lorenzo angesprochene Superlizenz in der Formel 1 fällt da schon wesentlich komplexer aus. Dort wird ein Punktesystem angewandt. Ein Meistertitel in der Formel 2 etwa bringt 40 Punkte, einer in der GP3 30. Schlechtere Positionen werden mit weniger Punkten belohnt. Innerhalb von drei Jahren muss ein Fahrer 40 Punkte sammeln, um die Formel-1-Tauglichkeit zu erlangen.

Meinung zum MotoGP-Zugang

Christophe Ponsson ins kalte Wasser zu werfen, indem man ihm an einem Rennwochenende seine allererste Ausfahrt auf einem MotoGP-Bike bestreiten lässt, war keine gute Idee. Da ist sich wohl das gesamte Paddock einig. Doch wer trägt Schuld an dieser Entscheidung? Keinen Vorwurf kann man Ponsson selbst machen. Wenn man als junger Rennfahrer die Chance bekommt, MotoGP zu fahren, dann lehnt man nicht ab. Außerdem leistete der Franzose in Anbetracht der Umstände keine schlechte Arbeit, da waren sich auch die großen Stars der Szene einig.

Zehn Tage nach Rabats schwerer Verletzung musste Avintia einen Ersatzmann parat haben - Foto: Screenshot

Als Rennstall wählte Avintia Ponsson aus, um Rabat zu ersetzen. Dem Team hätte sicherlich klar sein müssen, worauf man sich mit einem in der MotoGP völlig unerfahrenen Piloten einlässt. Wahrscheinlich war es das auch, doch welche Alternativen hatte der kleine spanische Rennstall denn? Innerhalb von zehn Tagen nach einer Verletzung muss ein Fahrer ersetzt werden, so steht es im Reglement. Doch MotoGP-Piloten findet man nicht an jeder Straßenecke. Das musste bereits KTM bei der Suche nach Ersatz für Pol Espargaro feststellen. Nur wenige Fahrer auf der Welt können die Raketen der Königsklasse konkurrenzfähig bewegen, viele von ihnen sind aber vertraglich an andere Teams oder Hersteller gebunden.

Vielleicht sollte man diesen Paragraph 1.11.3.ii des sportlichen Reglements überdenken. Denn er dient schließlich nur der Show, indem man garantiert, dass das Fahrerfeld seine normale Größe behält. Doch bei einem Grid von normalerweise 24 oder an diesem Wochenende in Misano gar 26 Maschinen, könnte man im Sinne der Sicherheit wohl auf eine Maschine verzichten.


Weitere Inhalte:
Wir suchen Mitarbeiter