Wie stark siehst Du Jorge und Ben in dieser Saison als Titelherausforderer aufgestellt?
Lin Jarvis: Zu Beginn einer jeden Saison ist es das Wichtigste, dass deine Fahrer sich in guter Form befinden, gesund und frei von Verletzungen sind. Aus dieser Perspektive hatten sie einen guten Winter. Ich sah sie in Sepang 1 und Sepang 2 und sie haben eine Top-Form. Sie sind verletzungsfrei und haben allen Grund, zuversichtlich in die ersten paar Rennen des Jahres zu gehen.

Bei den Tests habt ihr wieder Honda gejagt. Bereitet Dir das vor der Saison Sorgen?
Lin Jarvis: Zum Ende von Sepang 2 waren wir in Sachen Zeiten ein kleines bisschen hinter Honda, aber niemand kann vorhersagen, wie sich die Saison hinsichtlich des technischen Levels entwickelt und wo genau wir stehen. Wir fuhren zwei Tests auf derselben Strecke, aber natürlich fahren wir auf 18 unterschiedlichen Kursen Rennen. Wir haben in diesem Jahr zwei Dinge gesehen: der Wechsel auf 1000cc-Maschinen ist natürlich die signifikanteste Änderung, dazu die Änderungen bezüglich der Reifen, was sehr wichtig ist. Jeder muss sein Bike wieder entwickeln, um den neuen Regularien zu folgen. Die neuen Reifen haben sowohl für die Fahrer als auch für die Hersteller neue Charakteristika aufgetan, um die sie sich kümmern müssen. Obwohl Honda beim letzten Test bei den Rundenzeiten schneller war als wir, hatten sie ihre eigenen Probleme. Schauen wir einmal, wie es beim nächsten Test in Jerez läuft, denn wie ich bereits sagte: wir fahren auf zahlreichen unterschiedlichen Strecken. Es wird interessant zu sehen sein, wie konkurrenzfähig jedes Motorrad mit seinen jeweiligen Vorzügen und Schwächen auf jeder Strecke sein wird.

Glaubst Du, dass die 1000cc-Bikes engeres Racing und größeres Spektakel für die Zuschauer bieten werden als es in der 800cc-Ära der Fall war?
Lin Jarvis: Das ist schwierig vorauszusagen, aber die Regeländerungen führen alle an den gleichen Anfangspunkt. Aus dieser Sichtweise denke ich, dass die Bikes im Vergleich zum vergangenen Jahr in Sachen Performance näher beisammen liegen. Ob das generell zu engeren Rennen führt? Das weiß ich noch nicht, wir müssen es abwarten, denn die 1000cc-Klasse ins anders: die Motorräder sind schwerer, sie sind leistungsstärker, die Reifen sind unterschiedlich... Ich bin auf die neue Saison gespannt und ich denke, dass sie großartige Rennen hervorbringt.

In den Medien wurde im Hinblick auf die Regeln für 2013 über die Beziehung zwischen der MSMA und der Dorna diskutiert. Gibt es die Möglichkeit, auszusteigen, wenn Du nicht zufrieden bist? Findet ihr einen gemeinsamen Nenner?
Lin Jarvis: Das ist natürlich eine ziemlich starke Aussage. Es gibt viele anhaltende Diskussionen und ich denke, dass es wichtig ist zu erwähnen, dass es vielleicht zum Ende des vergangenen Jahres unterschiedliche Meinungen und Spannungen gab, die sich zwischen den Teilnehmern und dem Promoter auftaten. Die Situation hat sich seit Beginn dieses Jahres geändert. Jetzt sehen wir eine Ära mit größerer Zusammenarbeit.

Ich denke, dass es jetzt mehr gemeinsames Verständnis gibt. Wir hängen da zusammen drin, mit verschiedenen Blickwinkeln und Perspektiven, aber wir brauchen eine Meisterschaft, in der der Promoter wachsen und mithilfe des Sports gute Geschäfte machen kann; gleichzeitig aber auch eine Meisterschaft, in der sich die Hersteller präsentieren und der private Einsteiger beitreten können. Es ist wichtig, in den kommenden Monaten gute Diskussionen zu führen und die richtigen Pläne für die Zukunft zu schmieden. Natürlich werden wir Änderungen vornehmen müssen, damit meine ich vor allem Kosteneinsparungen. Jedem sind die aktuellen ökonomischen Umstände bewusst, welche sehr schwierig sind. Deshalb müssen wir für die Zukunft einen Sport kreieren, der ausgezeichnete Rennen bietet und global abgedeckt wird - aber zu angemessenen Kosten.

Die MotoGP ist die einzige Straßen-Weltmeisterschaft, an der Yamaha teilnimmt. Erhöht das den Stellenwert für Yamaha?
Lin Jarvis: Ich denke schon. Die ökonomischen Verhältnisse sind in dieser Zeit ziemlich schwierig und das führte leider zu Yamahas Rückzug aus ein paar anderen Klassen zum Ende des vergangenen Jahres. Jetzt ist die MotoGP unsere einzige Straßenmeisterschaft auf Weltmeisterschafts-Niveau. Das war uns schon immer wichtig und ich denke, dass es die Wichtigkeit und Signifikanz nur erhöht, auch in Sachen Vermarktung. Wenn Yamaha es wünscht, seine Marke per Straßenrennen zu promoten, dann ist die MotoGP der Gipfel und wir sind dabei.

Was würde Yamaha gern in der Zukunft der MotoGP sehen?
Lin Jarvis: Es ist wichtig, gemeinsam mit den Promotern, FIM und Kollegen von anderen Herstellern Pläne für die Zukunft zu machen, um eine gute Nachhaltigkeit des Sports sicherzustellen. Wir wollen spannende Rennen sehen und wir wollen Veranstaltungen, die global abgedeckt werden. Aufgrund mehrerer Gründe hatten wir eine Sportart, die in Südeuropa - vor allem Spanien und Italien - dominierte. Dort hatten wir in den vergangenen Jahren viele Rennen. Ich würde gern wieder eine globalere Situation vorfinden. Wir wollen Rennen in Südamerika, wir wollen mehr Rennen in Asien und die starken Rennen in Europa beibehalten. Wir würden gern einen Sport sehen, der eine faszinierende Show zu erschwinglichen Teilnahmepreisen bietet, gleichzeitig aber seine Attraktivität steigert, um andere kommerzielle Sponsoren und Partner anzulocken; nicht nur wegen des finanziellen Aspekts, sondern auch wegen der zusätzlichen Ausbreitung, die man bekommt, wenn sich große Marken beteiligen. Wir wollen einen guten und soliden mittelfristigen Plan.

Ihr beginnt diese Saison mit zwei neuen Sponsoren, die für das Jahr 2012 hinzukommen. Erzähl uns bitte ein bisschen mehr über die beiden.
Lin Jarvis: Fast alle unserer Sponsoren von 2011 blieben an Bord. Der bedeutendste neue Sponsor für uns ist JX Nippon Oil & Engery Corporation. Man wird sie an den Bikes mit ihrer ENEOS-Marke sehen, ihrer Hauptmarke für Erdöl und Schmierstoffe. Sie sind ein japanisches Unternehmen, das stark im Öl- und Energiegeschäft vertreten ist, und sie haben eine starke Geschäftsverbindung zu Yamaha. Deshalb begrüßen wir ENEOS bei uns. Wir haben auch ein italienisches Unternehmen, was gut ist, denn das Team ist in Italien ansässig. Uns schließt sich das Unternehmen PIZZOLI an, eines der größten italienischen Unternehmen auf dem Lebensmittelmarkt. Ihre Spezialität ist das Kartoffelgeschäft.

Du sagtest, dass du mit Bens letzten Resultaten im vergangenen Jahr nicht ganz zufrieden warst. Was erwartet Du in dieser Saison von ihm?
Lin Jarvis: Ich wurde zitiert und im vergangenen Jahr vielleicht falsch zitiert, als ein paar Teile aus einem längeren Interview entfernt wurden. Meine Einschätzung zu Bens Performance im vergangenen Jahr war, 'Ich denke, dass Ben zum Ende des Jahres das Potenzial hatte, höher in der Weltmeisterschaft zu stehen, als es der Fall war'. Sein vergangenes Jahr war das erste vollständige für ihn bei uns in der Werksmannschaft. Nach dem, was wir von ihm in Sepang sahen, sprach ich mehrere Male mit Ben - er ist sowohl physisch als auch mental stärker. Die Erfahrung aus dem vergangenen Jahr kommt ihm zugute. Er gewann das Rennen in Assen, was wirklich toll anzusehen war. Ich erwarte, dass er in dieser Saison mehr Rennen gewinnt. Ich denke, dass Ben in der MotoGP noch unerfülltes Potenzial besitzt.

Jorge war 2011 ein starker Titelanwärter. Was erwartest Du in diesem Jahr von ihm?
Lin Jarvis: Schauen wir uns einmal seine drei letzten Jahre an: Er war Zweiter, dann Champion, dann wieder Zweiter - es ist also an der Zeit, wieder ganz oben zu stehen. Ich denke, dass er das volle Potenzial dazu besitzt. Für mich gibt es derzeit zwei Fahrer, die eine Eins plus verdienen: Casey Stoner und Jorge Lorenzo. Ich bin zuversichtlich, dass Jorge dank seiner Fähigkeiten definitiv in der Lage ist, wieder die Weltmeisterschaft zu gewinnen. Daran habe ich keine Zweifel. Schauen wir einmal, wie mit dem Bike und dem Wettbewerb läuft. Es ist eine lange Saison und vieles kann passieren, aber ich kann mir vorstellen, dass Jorge in diesem Jahr viele Rennen gewinnt.

Die Tech 3 Fahrer erzielten während der Testfahrten starke Resultate - wie siehst Du ihre Chancen für 2012?
Lin Jarvis: Das wird interessant. Andrea ist das 'New kid on the block' des Tech 3 Teams, nachdem er letztes Jahr von Honda zu Yamaha wechselte und früh in der Saison mit einer Verletzung zu kämpfen hatte, als er sich bei einem Motocross-Unfall seine Schulter verletzte. Beim letzten Test in Sepang wurde er allerdings Dritter und ich denke, das zeigt, dass er sich jetzt anpassen und seinen Speed zeigen kann. Auch Cal zeigte in den letzten Tests konkurrenzfähige Zeiten. Ich denke also, dass Tech3 wieder heranstürmen könnte und vielleicht springt sogar ein Rennsieg dabei heraus.

Siehst Du die CRT-Teams als gute Ergänzung oder eher als Straßensperre für eure Fahrer?
Lin Jarvis: Es ist noch zu früh, um das zu sagen. In Sepang testeten wir nur mit der Hälfte der CRT-Teams. Beim nächsten Test in Jerez kommen die anderen CRT-Teams hinzu. Dann haben wir einen Orientierungswert, um die Performance der CRTs beurteilen zu können. Ich denke, dass sie eine willkommene Ergänzung zum Feld sind, weil wir uns in einer Situation befanden, in der aufgrund der ökonomischen Umstände ein Schwund herrschte. Wir müssen die Quantität der Fahrer erhöhen. In Sachen reiner Performance sehe ich nicht, dass ein CRT wirklich um den Sieg oder das Podium kämpfen kann. Ich erwarte es nicht, obwohl es natürlich passieren könnte. Die CRT hängen von zwei Dingen ab: zum einen die Performance oder das Potenzial des Bikes, zum anderen die des Piloten.

Es ist wichtig für uns, für die Zukunft klarzustellen, dass nicht nur die Teams auf höchstem Niveau agieren, sondern auch die Fahrer, denn Sicherheit ist ein sehr wichtiger Aspekt in der MotoGP. Wir wollen mehr Wettbewerber, aber es ist wichtig, dass sie auch auf der Höhe sind.

Viele Verträge der Fahrer laufen am Ende der Saison aus. Wen beobachtest Du genau?
Lin Jarvis: Ich beobachte sie alle, denn alle Werksfahrer sind interessant anzuschauen. Vor allem schaue ich auf unsere beiden Fahrer Jorge und Ben. Es wird auch interessant sein zu sehen, wie Andrea Dovizioso und Cal zurechtkommen. Ich beobachte die vier Yamahas mehr als alle anderen. Wenn wir über die Verträge für das nächste Jahr sprechen, schauen wir uns natürlich um, aber mein ideales Szenario ist, beide unserer derzeitigen Fahrer zu behalten. Gleichzeitig steht jeder Vertrag, mit der Ausnahme von Stephan Bradl, am Ende des Jahres zur Erneuerung. Ich denke, dass es abseits der Strecke hinter den Kulissen ziemlich geschäftig wird. Schauen wir mal.

Wann beginnen die Verhandlungen über die Verträge für 2013?
Lin Jarvis: Das ist eine lustige Frage. Mit Jorge begannen wir im Jahr 2006 und mit Ben im Jahr 2009. Das sage ich aus folgendem Grund: wenn man Fahrer innerhalb des eigenen Hauses hat, dass ist das ein fortlaufendes Szenario, eine fortlaufende Beziehung. Wir stehen in konstantem Kontakt mit dem Management der Fahrer und natürlich mit den Fahrern selbst. Um ernsthafter zu werden und über die Bedingungen zu sprechen, würde ich die Dinge gern in der ersten Hälfte der Saison erledigt wissen, auch früher wäre willkommen. Sobald es in dieser Hinsicht Neuigkeiten gibt, seid ihr die ersten, die es erfahren.

Abschließend: kannst Du schon Vorhersagen zu den Resultaten in diesen Jahr geben
Lin Jarvis: Es ist immer schwierig, Vorhersagen zu treffen. Ich möchte einmal voraussagen, dass wir sehr spannende Rennen erleben werden. Ich erwarte vor allem zwischen Honda und Yamaha interessante Duelle, ähnlich wie im vergangenen Jahr. Ich denke, dass Yamaha weitaus konkurrenzfähiger sein wird als wir es in der letzten Saison waren. Was das Endergebnis anbelangt: das weiß niemand... Aber es ist unsere Herausforderung und unser Ziel, mindestens zwei blaue Fahrer unter den ersten Drei zu haben und einer davon ganz oben auf dem Treppchen. Schauen wir mal, was passiert.