Ein Brandbrief aller Formel-E-Fahrer an die FIA: Diese Meldung sorgte im Vorfeld des Formel-E-Rennens in Madrid für Aufregung. Wie ‘The Race‘ zuerst berichtete ging es um eine lange Zeit schwelende Unzufriedenheit der Piloten mit als inkonstant wahrgenommenen Entscheidungen, fehlender Kontinuität bei der Zusammensetzung der Stewards sowie fehlender tatsächlicher Formel-E-Erfahrung der zusätzlichen Fahrer-Berater als Teil der Sportkommissare.
Dass die Fahrer mit der Steward-Handhabung der oft extrem komplexen Rennen mit einem im Motorsport einzigartigen Racing unzufrieden sind, ist schon länger bekannt. In diesem Fall wurde der Brief allerdings auch zu einer derartigen Posse, da in diesem Renndirektor Marek Hanaczweski, der 2025 vom langjährigen Renndirektor Scott Elkins übernommen hatte, direkt kritisiert wurde. Konkret fordern die Fahrer „eine interne Bewertung des Verständnisses und der Argumentation des Renndirektors in Bezug auf das sportliche Reglement.“
Pascal Wehrlein verteidigt Brief – und bedauert Veröffentlichung
Kontrovers war der Brief auch, da dieser wohl ohne vorherige Informierung der Teams an die FIA gesendet wurde. Einige der zehn Mannschaften im Fahrerlager sollen daraufhin sogar disziplinarische Maßnahmen gegen die eigenen Piloten eingeläutet haben. Doch nach dem zunächst aufkommenden Ärger, bemühten sich viele im Formel-E-Fahrerlager in Madrid um Beschwichtigung.
So verteidigte etwa Pascal Wehrlein den Brief. Für den Porsche-Werksfahrer gab es bei der Kontroverse drei Themen zu berücksichtigen. Erstens betonte der Deutsche die Tatsache, dass der Brief nicht für die Öffentlichkeit, sondern als private Kommunikation an die FIA gedacht war. „Es ist schade, dass er an die Öffentlichkeit gekommen ist“, sagte Wehrlein zu Motorsport-Magazin.com.

Wehrlein klar: Wollen das beste für die Meisterschaft
Zweitens betonte Wehrlein, dass die Kritik nicht als bloßes Fingerzeigen gemeint, sondern stattdessen als konstruktiver Verbesserungsvorschlag gemeint gewesen sei. „Die Intention von uns Fahrern war, ein gutes Produkt, dass man eh schon hat, noch besser zu machen“, erklärte der Formel-E-Weltmeister von 2024. „Und dabei speziell die Regeln, die man auf der Strecke hat, besser zu verstehen und klarer zu machen. Denn es ist schon sehr oft vorgekommen, dass es zweimal die gleiche Aktion gibt, aber zweimal eine unterschiedliche Strafe. Und wir wollen dort einfach eine klarere Linie für die Zukunft.“ Daher hielt Wehrlein auch fest: „Auf manchen Seiten wurde schon überreagiert (auf den Brief; d. Red.).“
Zuletzt zeigte sich Wehrlein zufrieden mit der Tatsache, dass die Formel-E-Piloten trotz ihrer Differenzen in der Lage gewesen seien, einen gemeinsamen Nenner zu finden und den Brief im Namen aller Fahrer zu schicken: „Man kann sich als Fahrer hart auf der Strecke bekämpfen, aber wir wollen alle das Gute für das große Ganze. Und das ist schon cool zu sehen, dass wir als Fahrer alle zusammenhalten.“
Rookie-Fahrer in ungewohnter Situation: Hatte definitiv Vorbehalte
Zeitgleich kreierte die Anonymität gerade für junge Fahrer eine nicht ganz einfache Position. „Ich hatte definitiv meine Vorbehalte“, meinte etwa Pepe Marti, der seit dieser Saison mit dem Porsche-Kundenteam Cupra-Kiro in der Formel E startet, zu Motorsport-Magazin.com. „Ich habe einen Brief mit 18 Unterschriften erhalten und war sehr verwirrt, was ich tun sollte.“
“Mir wurde es zugeschickt und gesagt: Lese es und unterschreibe es, wenn du willst“, so der Spanier weiter. „Aber mit 18 Unterschriften wollte ich natürlich nicht der Außenseiter sein.“ Mit der Botschaft des Briefes stimme er aber grundsätzlich überein. „Man kann es als Kritik betrachten, aber auch als Empfehlungen“, war Marti bemüht, das Narrativ rund um den Brief gerade zu rücken. „Am Ende wollen wir als Fahrer das Beste für die Meisterschaft.“
Ex-FIA-Mitarbeiter versteht Aufregung nicht: Haben früher einige dieser Briefe bekommen
Während die Fahrer in Bezug auf das Thema auf einer Linie zu sein schienen, fielen die Reaktionen der Teamchefs durchaus unterschiedlich aus. Porsche-Teamchef Florian Modlinger wollte das Thema etwa öffentlich gar nicht, sondern nur intern kommentieren. An anderer Stelle herrschte Verwunderung über die ausgeartete Berichterstattung zu der Posse. „Ich bin überrascht, dass es so ein großes Thema ist“, meinte etwa Mahindra-Teamchef Frederic Bertrand zu Motorsport-Magazin.com.
„Als ich noch bei der FIA arbeitete, haben wir einige dieser Briefe bekommen, manchmal an Jean Todt, manchmal an mich“, so Bertrand weiter. „Es ist eine normale Sache, dass die Fahrer aussprechen wollen, wie sie die Dinge wahrnehmen. Das Einzige ist, dass sie es vielleicht mit ein bisschen mehr Einbindung der Teams hätten machen können, sodass wir schon davor darüber sprechen können.“

„Das ist einfach Fred. Ich bin davon nicht überrascht“, scherzte Jaguar-Teamchef Ian James in Reaktion auf das Zitat seines Kollegen. Gleichzeitig merkte James in einem ernsthafteren Ton an: „Solche Sachen sollen ernst genommen werden. Das Letzte, was du tun willst, ist es einfach abzutun.“ Zugleich zeigte sich der Brite zuversichtlich, dass dies nicht geschehen wird. „Soweit ich weiß, werden diese Dinge adressiert werden.“
Teamchefs verteidigen Stewards: Lernkurve immer noch steil
Auf der anderen Seite bemühte sich James, die Sportkommissare nicht noch weiter zu belasten. „Wir haben hier fantastische Stewards, die eine lange Zeit in der Formel E gearbeitet haben“, betonte der ehemalige Mercedes-Boss. „Wir müssen die FIA nur in die Lage versetzen, dass sie sicherstellen, dass wir diese Konstanz von Expertise und Erfahrung haben.“
Bei allem guten Willen für die Bedenken der Fahrer blieb gleichzeitig die Kritik an der Veröffentlichung ein Dauerbrenner in Gesprächen rund um die Thematik. „Es war disruptiv, die Medien auf ein Thema aufmerksam zu machen, das schon vorher bekannt war“, ließ Nissan-Teamchef Tommaso Volpe gegenüber Motorsport-Magazin.com Kritik durchscheinen. „Denn diese Verbesserungsbereiche wurden schon von den Teams mit der FIA diskutiert. Sie wussten schon davon. Vielleicht nicht in diesen Ausmaßen, aber es wurde schon diskutiert und versucht zu verbessern.“
“Es wäre unfair zu sagen, dass dies die einzigen Dinge sind, die wir in diesem Sport verbessern müssen“, nahm Volpe ebenso wie Ian James die Stewards in Schutz. „Lasst uns nicht vergessen, dass es uns erst seit zwölf Jahren gibt. Die Lernkurve ist also immer noch für alle steil. Wir müssen uns alle immer noch verbessern.“ Sanktionen gegen seine Fahrer für die unabgesprochene Kritik erteilte Volpe aber eine klare Absage: „Ja, es war vielleicht kein ideales Manöver, aber wir sollten wirklich kein großes Drama darauf machen.“
Formel E uneins: Selbstsabotage oder gelungene Aufmerksamkeit?
Für Verständnis für die Lage der Regelhüter warb auch Formel-E-CEO Jeff Dodds im Exklusiv-Interview mit MSM. „Formel-E-Racing ist nicht einfach, sondern sehr eng und komplex“, holte Dodds aus. „Die FIA schaut bei dieser Art von Racing nicht einfach nur Autos eineinhalb Stunden beim hintereinander herfahren zu. Sie sind konstant um Verbesserungen bemüht.“
Zudem kam Dodds erneut auf das Thema des Gesprächskanals zu sprechen: „Ich war überrascht, dass sie direkt zum Präsidenten (der FIA; d. Red.) gegangen sind. Wir haben hier ein sehr gutes FIA-Team vor Ort“, so der CEO weiter. „Ich bin ein bisschen überrascht, dass es an die Presse weitergegeben wurde. Denn wenn es ein Element von Selbstsabotage bei der Thematik gibt, dann wäre es das.“

Bei all dem Ärger hat die Diskussion allerdings auch etwas Positives für die Formel E. Denn einiges an Aufmerksamkeit wurde durch die Berichte um die FIA-Kritik durchaus geschaffen. Dies gab auch Dodds Kollege, Formel-E-Mitgründer und CCO Alberto Longo, auf Nachfrage von Motorsport-Magazin.com zu: „Egoistisch gesagt: Ich liebe es“, so der Spanier. „Es ist natürlich ein bisschen kontrovers, aber ich liebe den Lärm, den es erzeugt.“
Lärm erzeugte am Formel-E-Wochenende in Madrid auch der Einstieg von Opel in die Elektroweltmeisterschaft. Warum sich die Rüsselsheimer für das erste Werksengagement seit dem DTM-Ausstieg 2005 entschieden, könnt Ihr in diesem Artikel nachlesen:


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