Wir staunen nicht schlecht, als wir am Sonntagabend um 20:15 Uhr nach dem Rennwochenende der Formel E in Rom für einen letzten Plausch durch die Boxengasse schlendern. Alle Teams sind schwer beschäftigt, ihre Teamgaragen abzubauen, Autos und sämtliches Equipment in die speziellen DHL-Transportboxen zu laden (ein echtes Puzzlespiel!).

Plötzlich entdecken wir in der beleuchteten Mercedes-Garage ein Gesicht, das man sonst eher vom TV-Bildschirm kennt: Teamchef Ian James höchstpersönlich, wie er mit hochgekrempelten Ärmeln kräftig mitanpackt und Teile der Ausstattung für den Abtransport vorbereitet.

Dass der Verantwortliche eines in einer FIA-Weltmeisterschaft eingeschriebenen Rennstalls beim Abbau der Team-Garage hilft, ist heutzutage ein äußerst seltenes Bild. Hut ab, dieses Engagement dürften auch die weiteren, hart arbeitenden Mitglieder des Mercedes-Werksteams zu schätzen wissen.

Mercedes kassiert 12.500 Euro Strafe

Vielleicht wollte sich der deutschsprachige Brite und langjährige Mercedes-Mitarbeiter auch ein wenig den Ärger von der Seele schuften, denn: Das Team wurde in Rom mit einer deftigen Geldstrafe in Höhe von 12.500 Euro belegt. Eine durchaus hohe Summe, die James daheim in Brackley wird erklären müssen. "Wirklich ärgerlich, aber die Verantwortung muss ich meine Kappe nehmen", sagt James zu Motorsport-Magazin.com, als wir ihn zur Aufklärung kurz von der Arbeit abhalten.

Was war passiert? Die FIA brummte Mercedes 10.000 Euro Strafe für ein Vergehen im Umgang mit den Team-Pässen auf, die zur Arbeit an den Autos berechtigen. Weitere 2.500 Euro müssen die Silberpfeile blechen, weil es sich um ein zur Bewährung ausgesetztes Wiederholungs-Foul vom Saisonauftakt in Saudi-Arabien handelte. Damals wurden zunächst nur 2.500 Euro direkt fällig. "Inkorrekte Nutzung von Pässen", hieß es im Rom-Urteil der Stewards mit dem Verweis auf einen Verstoß des Artikels 27.5 im Sportlichen Reglement.

Hier ist geregelt, dass die "Anzahl an operativen Teammitgliedern, die während einer Veranstaltung am Auto arbeiten dürfen, zu keinem Zeitpunkt 17 übersteigen darf". Die nominierten Teammitglieder müssen ein sichtbares gelbes Armband von der FIA tragen. Nicht zu diesem Kontingent zählen Team-Mitarbeiter aus dem Logistik-, Sponsoring-, PR- oder Marketingbereich, der Ersatzfahrer, ein Teamarzt und ein Team-Verantwortlicher.

Mercedes-Teamchef Ian James -
Mercedes-Teamchef Ian James -Foto: LAT Images

Mercedes: Pass-Strafe für Monaco-Rennen

Wie aus dem Stewards-Urteil neben der Geldstrafe weiter hervorging, wurde ein namentlich genanntes Team-Mitglied mit sofortiger Wirkung vom Rom ePrix ausgeschlossen. Obendrein erhält Mercedes zum nächsten Rennen in Monaco einen gelben Pass (Berechtigung, um am Auto zu arbeiten) weniger. "Das ist bitter, aber das müssen wir irgendwie händeln", sagt James.

Bei diesem Teammitglied handelte es sich um einen beim Mercedes-Formel-E-Team angestellten IT-Ingenieur, der für Rom allerdings als Logistiker eingeplant war und demnach mit technischen Geräten nicht direkt in der Team-Garage arbeiten durfte.

Was er nach unseren Informationen tatsächlich in Rom gemacht haben soll und was die Ärgerlichkeit über die Strafe erklären dürfte: Er soll lediglich ein Netzwerk aufgesetzt haben, das das Team für einen geplanten Filmtag auf der spanischen Rennstrecke Calafat am kommenden Dienstag benötigt. Wenn das stimmt, könnte man Mercedes sicherlich eine (teure) Fahrlässigkeit, nicht aber einen Vorsatz zur Wettbewerbsverzerrung beim Rom ePrix unterstellen.

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Formel E: Wenn Teams 'kreativ' werden...

Dass die FIA bei der Formel E in Sachen Team-Pässen überhaupt keinen Spaß versteht und bei Vergehen durchgreift, ist inzwischen in der Szene bekannt. In den vergangenen Jahren gab es hinter den Kulissen ein munteres Schachern um Pässe, um irgendwie die Anzahl der operativen und in der Anzahl immer weiter beschränkten Teammitglieder zu erhöhen.

Mehrfach kursierten auch Stories über Teams, die ihre IT-Ingenieure in Hotelzimmern nahe der Rennstrecken einbuchten, um eine schnellere Datenverbindung zur Teamgarage herstellen zu können. Seit einer Weile wird auch das überwacht und ist im Reglement unter dem Punkt 'Remote Garage' fixiert.

Die 'Kreativität' mancher Teams ist auf das besondere Format in der Formel E zurückzuführen, in dem Trainings, Qualifying und Rennen innerhalb nur weniger Stunden abgehalten werden. In Rom lagen am Samstag zwischen dem Beginn des 1. Freien Trainings (07:15 Uhr), einem weiteren Training und dem Qualifying bis zum Rennstart um 15:04 Uhr gerade einmal acht Stunden.

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Mercedes in Rom mit gemischten Gefühlen

Aus sportlicher Sicht erlebte Mercedes das dritte Rennwochenende der Saison 2022 in Rom mit höchst gemischten Gefühlen. Stoffel Vandoorne fuhr am Samstag auf den dritten Platz und sammelte im Sonntagsrennen mit Rang fünf weitere Meisterschaftspunkte.

Teamkollege und Weltmeister Nyck de Vries kassierte im Samstagslauf nach einer Kollision mit Pascal Wehrlein eine 3-Platz-Grid-Strafe und schied später aus. Sonntags überquerte der Niederländer die Ziellinie als Siebter, fiel wegen einer 10-Sekunden-Strafe (Kollision mit Sergio Sette Camara) aber auf den 15. Platz zurück und aus den Punkterängen heraus. Vandoorne reist als Meisterschaftsdritter ab, de Vries liegt in der Gesamtwertung an achter Position.