Motorsport-Magazin.com Plus
Formel E

Formel-E-Weltmeister, aber: War Nyck de Vries zu aggressiv?

Nyck de Vries fährt in Berlin zum WM-Titel in der Formel E. Der Niederländer fuhr mit viel Risiko. Er und das Team sehen die Situation entspannt.
von Daniel Geradtz

Motorsport-Magazin.com - Nach dem ersten Rennen der Formel-E-Saison 2021 befürchteten die Mercedes-Gegner bereits eine Dominanz der Silberpfeile wie in den vergangenen Jahren in der Formel 1. In Saudi-Arabien hatte Nyck de Vries im Februar sämtliche Trainings, das Qualifying, die Superpole und den ePrix für sich entschieden. Die Alleinherrschaft des Mercedes-Teams blieb in den darauffolgenden 14 Rennen zwar aus. Doch sowohl der Fahrer- als auch der Team-WM-Titel gingen nach Stuttgart. Letzteren holte der Niederländer in Zusammenarbeit mit seinem belgischen Teamkollegen Stoffel Vandoorne.

Es war ein verrückter Saisonverlauf, bei dem es weniger auf konstant gute Ergebnisse ankam als in den Vorjahren. De Vries blieb in acht Rennen punktlos. Er reiste häufiger ohne zählbares Resultat von der Rennstrecke ab als er Rennen in den Top-10 beendete. Damit befindet er sich allerdings in guter Gesellschaft: Edoardo Mortara und Jake Dennis, die bis zum Finale seine ärgsten Verfolger waren, blieben in 15 Rennen achtmal ohne Punkte - auch beim entscheidenden letzten Saisonrennen, als sie zwischenzeitlich wie die Titelträger aussehen.

Nach den Ausfällen seiner Gegner gleich zu Beginn des Rennens hatte der 26-Jährige ehemalige McLaren-Junior im Wesentlichen nur noch eine Aufgabe vor sich: Er brauchte lediglich seine Position zu behalten und solide ins Ziel zu fahren. Doch damit gab er sich nicht zufrieden. Von der 13. Position startend arbeitete er sich gut nach vorne und kämpfte zwischenzeitlich um die dritte Position, ehe er in der zweiten Rennhälfte sehr aggressiv zu Werke ging und dabei mehrmals Gegner touchierte. Er fiel zurück und lief als Achter ins Ziel ein.

De Vries kritisiert Fahrweise von Konkurrenten

"Wir sind ein starkes Rennen gefahren. Ohne die ganzen Kontakte hätte ich das Rennen auf Platz fünf beenden können", sagte er bei Sat.1. "Die Fahrer sind heute sehr aggressiv gefahren. Als dann so viele involviert habe, musste ich mich zurücknehmen. Ich denke nicht, dass ich unnötiges Risiko eingegangen bin." In der Pressekonferenz legte er nach: "Ich bin von dem Fahrstil der anderen sehr enttäuscht. Wenn das die Art ist, wie man mit einem Titelkandidaten umgeht ..."

Um den Gewinn des WM-Titels hat er im Rennen sogar gezittert: "Jean-Eric Vergne hat seine Nase in mein Heck gesteckt und ich hatte in der Luft durchdrehende Räder. Dann kam Bird und ich dachte, das war es mit der Meisterschaft."

Eine Besprechung über die Herangehensweise im Rennen gab es jedenfalls. "Wir haben kommuniziert, aber nicht klar genug", erklärte Mercedes-Teamchef Ian James im Gespräch mit Motorsport-Magazin.com. "Das habe ich als Brite hier in Deutschland gelernt: Man muss sehr direkt sprechen. Daraus müssen wir lernen."

Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff sah de Vries' turbulentes Rennen entspannt. "Er ist genau in das Sandwich der üblichen Verdächtigen reingekommen. Im Endeffekt hat das nichts ausgemacht. Auch mit einem Ausfall hätten wir den Titel geholt. Stoffel hat mir mehr Sorgen gemacht. Wenn er ausgefallen wäre, hätten wir die Teammeisterschaft verloren. Die Konstrukteurs-WM ist für uns als Automobilhersteller wichtig. Beide Titel herauszufahren in dieser WM ist etwas ganz Großes für Mercedes", sagte der Österreicher bei Sat.1.

Vandoorne hielt sich nach der Pole Position bis zur neunten Runde in Führung. Wegen unterschiedlicher Attack-Mode-Aktivierungen fiel er zwischenzeitlich hinter de Vries zurück und war Sechster. Am Ende kam er als Dritter ins Ziel.

Vor vier Rennen auf WM-Rang zehn

In der nun zu Ende gegangenen Saison führte de Vries sieben Rennen lang die WM-Wertung an. Immer wieder bekam er dabei die Tücken der Formel-E-Regeln zu spüren: Die Führenden in der Gesamtwertung treten im Qualifying in der ersten Startgruppe an und finden dabei tendenziell schlechtere Streckenbedingungen vor als die nachfolgenden Fahrer. Vor den beiden Rennen in London lag der erste Weltmeister der Formel-E-Geschichte auf der zehnten Position in der Gesamtwertung, ehe er sich mit zwei zweiten Plätzen in der britischen Hauptstadt wieder an die WM-Spitze katapultierte. Damit reiste er als Führender zum Mercedes-Heimspiel in Berlin.

Teamchef James weiß, dass es neben der Gruppenzuordnung andere Gründe für die wechselhafte Performance gab. "Wir haben ein paar Fehler gemacht. Aber wir hatten auch Pech, so wie andere." So hat ein technischer Fehler an Edoardo Mortaras Kunden-Mercedes beim zweiten Rennen in Saudi-Arabien dafür gesorgt, dass unter anderem die Werksautos nicht am Qualifying teilnehmen konnten. Damals versagte das Bremssystem und die FIA erteilte den verbliebenen Mercedes-Fahrzeugen keine Freigabe, ehe ein erneuter Defekt ausgeschlossen werden konnte. Im Rennen durften de Vries und Co. antreten. Er fuhr auf Platz neun nach vorne und sicherte sich den Zusatzpunkt für die schnellste Rennrunde.

Beim Samstagsrennen in Valencia war das Glück hingegen auf der Mercedes-Seite. Als zahlreichen Piloten in der letzten Runde die zur Verfügung stehende Energie ausging, erbte de Vries den Sieg vom lange führenden Antonio Felix da Costa.

Erst Titelgewinn, dann Ausstieg?

2019 gewann de Vries die Formel-2-Meisterschaft. Noch vor dem letzten Saisonrennen der Nachwuchsrennserie bestritt er bereits sein Formel-E-Debüt, das zugleich die Premiere von Mercedes in der Elektrorennserie war. In der sechsten Saison der Meisterschaft hatte er noch das Nachsehen gegen Vandoorne, der dreimal auf das Podest fuhr und beim Saisonfinale in Berlin siegte. Das letzte Rennen war aber auch de Vries' Sternstunde. Er erzielte mit Platz zwei sein bestes Saisonergebnis.

Auf das Mercedes-Hoch könnte aber schon bald Ernüchterung folgen. Nach Informationen von Motorsport-Magazin.com steht das Aus des Werksteams in der Formel E nach der kommenden Saison bevor. Nach den vorliegenden Erkenntnissen ist es aber zumindest nicht ausgeschlossen, dass der Rennstall unter Toto Wolffs privater Leitung, in Zusammenarbeit mit Venturi oder in Verbindung mit Aston Martin weitergeführt wird. Das erinnert an die DTM-Saison 2018 als sich Mercedes ebenfalls als Titelträger aus der Rennserie zurückzog. Damals wurde die Entscheidung mehr als ein Jahr vor dem Gewinn der Gesamtwertung bekanntgegeben.

Die Entscheidung in Sachen Formel E soll zeitnah vor dem Saisonfinale in Berlin gefallen sein, wie Motorsport-Magazin.com erfahren hat. Der Ausstieg nach Saison 8 (2022) - dem letzten Jahr vor der Einführung der neuen Gen3-Autos - soll zur Mitte kommender Woche, voraussichtlich am Mittwoch, offiziell verkündet werden.


Weitere Inhalte:
nach 15 von 15 Rennen