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Formel E

Formel E: Neue Hintergründe zu Mortaras 40G-Unfall in Riad

Edoardo Mortaras schwerer Unfall und das anschließende Qualifying-Startverbot für alle Mercedes-Autos: Neue Hintergründe zu den Vorfällen in Riad.
von Robert Seiwert

Motorsport-Magazin.com - Neben dem schweren und im TV nicht gezeigten Unfall von Mahindra-Pilot Alex Lynn, waren die Vorkommnisse rund um Mercedes das große sportliche Gesprächsthema beim Saisonauftakt der Formel E in Saudi-Arabien.

Nachdem Edoardo Mortara mit seinem Venturi-Kundenauto samt Mercedes-Antriebsstrang zum Ende des 3. Trainings am Samstag in die Streckenbegrenzung eingeschlagen war und ins Krankenhaus eingeliefert werden musste, untersagte die Rennleitung allen vier Autos mit einem Antriebsstrang des Autobauers aus Stuttgart die Teilnahme am darauffolgenden Qualifying.

Die Autos vom Silberpfeil-Werksteam und Kundenrennstall Venturi seien nicht sicher, urteilten die Stewards zunächst in ihrer Begründung. Ein bislang einzigartiger Vorgang in der mehr als sechsjährigen Geschichte der Formel E.

Zwar konnten die Mercedes-Techniker rechtzeitig zum Rennstart am Abend die Zuverlässigkeit der Systeme ausreichend unter Beweis stellen, doch beim Abbruch-Rennen mussten die Werkspiloten Stoffel Vandoorne und Freitags-Sieger Nyck de Vries sowie Venturi-Fahrer Norman Nato aus den hinteren Reihen starten und hatten kaum Chancen auf ein weiteres Top-Ergebnis.

Mortara-Einschlag mit 40 G - Bremsen überhitzt

Was genau steckte hinter Mortaras ungewöhnlichem Unfall, bei dem er mit rund 140 km/h Fahrtgeschwindigkeit crashte und nach Informationen von Motorsport-Magazin.com mit einer Kraft von 40 G - dem Vierzigfachen des eigenen Körpergewichts - in die TecPro-Barrieren am Ende der ersten Kurve einschlug?

Tatsächlich traten bei Mortara, der nach seiner Rückkehr an die Strecke das Rennen auslassen musste, nach Informationen von Motorsport-Magazin.com zwei Probleme auf. Der frühere DTM-Pilot bemerkte auf dem Weg zum Übungsstart am Ende des 3. Trainings, dass die Temperatur seiner Bremsscheiben zu gering war und versuchte, sie ins richtige Arbeitsfenster zu bringen. Was Mortara und das Team nicht wussten: Die Bremsen-Sensorik übermittelte falsche Werte, sodass Mortara seine Bremsen überhitzte. Dadurch verdampfte quasi die Bremsflüssigkeit in den Leitungen.

Formel-E-Unfall in Riad: Edoardo Mortara crasht im Training: (00:34 Min.)

Falscher Parameter im Backup-System

Wie der Technische Delegierte der FIA in seinem ersten Bericht notierte, verlor das Bremssystem den vorderen Bremsdruck und der Drucksensor war auf null. Zudem zeigten beide Bremspedalweg-Sensoren an, dass Mortara das Bremspedal im Fußraum vollständig durchgedrückt hatte. Da sich bei der hydraulischen Zweikreis-Bremsanlage mit Karbon-Scheiben an Vorder- und Hinterachse jedoch kein Druck mehr aufbauen konnte, hatte Mortara quasi keine Bremsleistung und schlug ohne Verzögerung ein.

Um einem Ausfall der vorderen Bremse vorzubeugen, ist in den Formel-E-Autos ein Backup-System für die kleinere Bremsanlage auf der Hinterachse (Scheiben hinten 20 mm dick mit 263 mm Durchmesser, vorne 24 mm dick mit 278 mm Durchmesser) verbaut. Das Mercedes-Team hatte in der Software des Backup-Systems jedoch einen Parameter falsch eingetragen, sodass das hintere Bremssystem nicht automatisch und wie beabsichtigt aktiviert wurde.

Kein Fehler beim Brake-by-Wire-System

Erste Gerüchte, dass der Unfall auf einen Fehler beim Brake-by-Wire-System zurückzuführen sei, erwiesen sich als unwahr. Zwar ist die Software mit dem komplexen System verknüpft, es handelte sich jedoch nicht um ein Problem mit dem Brake-by-Wire selbst.

Zur Erklärung: In den aktuellen Gen2-Autos ist die aus der Formel 1 bekannte Technologie Brake-by-Wire verbaut, die die Bremsbalance zwischen Vorder- und Hinterachse elektrisch regelt. Elektrisches Bremsen samt Energie-Rückgewinnung findet nur an der Hinterachse statt, während die hydraulische Bremse zwar vorne und hinten mechanisch bremst, aber keine Energie rekuperiert.

Edo Mortaras Venturi nach dem Unfall im Training - Foto: LAT Images

Sicherheit der Autos vor dem Rennstart bestätigt

Hätte es sich bei den Mercedes-Problemen um undurchsichtige Angelegenheiten mit nicht einschätzbarem Risiko-Potenzial statt 'menschlicher Fehler' gehandelt, hätte die FIA den Autos möglicherweise keine Startfreigabe für das Rennen erteilt. Zwischen Mortaras Unfall und dem Rennstart lagen fünf Stunden, grünes Licht gab die Rennleitung rund 80 Minuten vor dem Beginn.

"Der Technische Delegierte hat die Sicherheit des Autos bestätigt", hieß es in den Entscheidungen der Rennleitung für die Fahrer de Vries, Vandoorne, Mortara und Nato. Ohnehin kann die FIA auf sämtliche Datensätze aller Teams im Live-Betrieb sowie im Nachgang zugreifen. Nach einem tiefgehenden Austausch mit den Mercedes-Technikern und einigen Nachfragen, die zufriedenstellend beantwortet werden konnten, stand einer Rückkehr der vier Autos auf die Strecke nichts im Wege. Im Rennen trat das Problem nicht mehr auf.

Nach zahlreichen nachträglich ausgesprochenen Strafen wurde de Vries als Neunter gewertet und baute damit seine Führung in der Gesamtwertung aus. Teamkollege Vandoorne beendete das zweite Saisonrennen auf dem 13. Rang, Venturi-Fahrer Nato landete auf P16. Mortara ("Ich bin froh, dass ich überhaupt hier stehen kann. Ich dachte erst, es wäre vorbei.") konnte das Rennen nach seinem zweiten Platz am Freitag wegen zu starker Schäden am Auto nicht aufnehmen.

Edo Mortara kehrte vor dem Rennstart aus dem Krankenhaus zurück an die Strecke - Foto: LAT Images

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