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Formel E

Nach "Witz"-Urteil in der Formel E: Muss FIA die Regeln ändern?

Eine diskutable Entscheidung beim Formel-E-Saisonstart in Riad könnte Folgen für das Regelbuch haben. Mittendrin: Qualifying-Opfer Nico Müller.
von Robert Seiwert & Arno Wester

Motorsport-Magazin.com - Was Dragon-Pilot und Audi-Werksfahrer Nico Müller als einen "absoluten Witz" bezeichnet hatte, könnte Konsequenzen haben. Die FIA beschäftigt sich mit den Vorgängen beim ersten Qualifying während des Saisonauftakts in Saudi-Arabien vor einer Woche. Das hat Motorsport-Magazin.com aus Kreisen des Motorsport-Weltverbandes erfahren. Ob eine Regeländerung schon vor dem nächsten Formel-E-Rennen - geplant für den 10. April in Rom - und damit auch im laufenden Wettbewerb vorgenommen wird, muss sich zeigen.

Worum geht es? Riesengroßer Ärger herrschte bei DTM-Vizemeister Müller, Tom Blomqvist (NIO) und Nick Cassidy (Virgin), nachdem das Trio im Freitags-Qualifying nachträglich bestraft wurde. Statt von den vorderen Plätzen ins Rennen zu gehen, wurde allen drei Fahrern die schnellste Rundenzeit aberkannt, sodass sie sich am Ende der Startaufstellung wiederfanden. Müller (P5) und Cassidy (P6) hätten es andernfalls sogar ins Superpole-Shootout der schnellsten sechs Fahrer aus der Qualifying-Gruppenphase geschafft.

Den drei Piloten aus der letzten Qualifying-Gruppe 4 wurde vorgeworfen, ihre Geschwindigkeit in einem Bereich mit doppelt-gelb geschwenkten Flaggen nicht ausreichend verringert zu haben. Dabei handelte es sich konkret um die letzte Kurve (Turn 21) vor der Zielgeraden. Hier war ausgerechnet Müllers Dragon-Teamkollege Sergio Sette Camara nach einem Verbremser leicht in die Streckenbegrenzung eingeschlagen. Cassidy, Blomqvist und Müller passierten die 'Unfallstelle' nur wenige Sekunden später.

Gelbe Flaggen ohne Anweisung geschwenkt

Nach Informationen von Motorsport-Magazin.com hatten Streckenposten, die durch Einsätze bei Formel-1-Rennen in Bahrain eigentlich bestens geschult sind, ohne Anweisung des erfahrenen Renndirektors Scot Elkins in diesem Bereich die doppelt-gelben Flaggen geschwenkt.

In einem solchen Fall muss ein Fahrer laut International Sporting Code seine Geschwindigkeit deutlich verringern und bereit sein zum Richtungswechsel oder Anhalten. Zudem herrscht Überholverbot.

Hintergrund dieser Maßnahme: Es besteht eine Gefahrensituation, durch die die Strecke teilweise oder vollständig blockiert ist und/oder Sportwarte der Streckensicherung arbeiten auf oder an der Strecke und/oder ein Streckensicherungsfahrzeug steht und Besatzung dort arbeitet. Während eines Qualifyings muss ersichtlich sein, dass der Fahrer keine bedeutsame Rundenzeit erzielen wollte und er sollte seine Runde abbrechen.

Sergio Sette Camaras Mauerkuss löste große Diskussionen aus - Foto: LAT Images

Fahrer als Opfer eines Crash-Piloten

In diesem speziellen Fall zeigten Onboard-Aufnahmen, dass die drei Fahrer in der letzten Kurve nicht genug vom Gaspedal gegangen waren. Die Aberkennung der schnellsten Rundenzeit und ein Strafpunkt war die Folge für das Trio. Das ist besonders in der Formel E ein enormer Rückschlag, weil ein Fahrer per Reglement im Qualifying nur zwei Runden - darunter nur eine mit der vollen Leistung von 250 kW - fahren darf. So galten bei Müller, Cassidy und Blomqvist die langsamen 200-kW-Rundenzeiten aus der Aufwärmrunde, mit denen sie automatisch ans Ende des Feldes zurückversetzt wurden.

Warum sich Müller und Co. derart aufregten, ist verständlich: Durch den Fahrfehler eines anderen Piloten hatten sie selbst keine Möglichkeit, eine schnelle Rundenzeit zu setzen. Das Sportliche Reglement besagt laut Artikel 33.3 a): Nur bei einer roten Flagge während des Qualifyings dürfen Fahrer ihre schnelle Runde mit der vollen Leistung wiederholen. Bei gelb geschwenkten Flaggen gibt es hingegen - noch - keine gesonderte Regelung. Und genau dieser Punkt wird nach Informationen von Motorsport-Magazin.com jetzt seitens der FIA unter die Lupe genommen.

"Ich verstehe es nicht so wirklich", war der sonst eher gelassene Müller sichtbar angefressen. "Wenn es einen Vorfall gibt, bei dem es heißt, dass keine schnelle Runde gefahren werden darf, dann musst du in einem Qualifying, in dem es nur eine schnelle Runde gibt, eine rote Flagge machen. Dann gibst du jedem die Chance, noch mal zu fahren. Das ist sowieso schon ein Kompromiss, weil die Reifen heiß sind und so weiter."

Rennleitung sind die Hände gebunden

Die doppelt-gelb geschwenkten Flaggen ohne Ansage aus der Race Control, die letzte Kurve als Unfallort und der Fakt, dass alle Fahrer innerhalb weniger Sekunden nach Sette Camaras Verbremser den Zielstrich überquerten, führten letztendlich zu einer Entscheidung, mit der nicht einmal die Rennleitung selbst glücklich gewesen sein dürfte. 'Unfair', könnte man einerseits sagen. 'Ans Reglement gehalten', andererseits. Gemäß den FIA-Protokollen ist es der Rennleitung schlichtweg untersagt, Entscheidungen zu treffen, die in einigen Fällen augenscheinlich zwar Sinn machen würden, aber faktisch nicht im Regelbuch verankert sind. Das gilt übrigens nicht nur in der Formel E, kam hier wegen des knackigen Qualifying-Formats mit nur einem Schuss für die schnelle Runde aber besonders zum Tragen.

Die Regelhüter der FIA müssen die Vorfälle genauestens unter die Lupe nehmen und gegebenenfalls das Sportliche Reglement abändern. Man stelle sich nur einmal vor, dass Wettbewerber die Regelauslegung nutzen, um mit einem absichtlich herbeigeführten Unfall alle Konkurrenten innerhalb der Gruppe am Erzielen einer schnellen Runde zu hindern...

Sergio Sette Camara und Nico Müller starten für Dragon/Penske in der Formel E - Foto: LAT Images

Müller und Co. schlagen eindrucksvoll zurück

Was dem Fass in Riad den Boden ausschlug: Unfall-Fahrer Sette Camara startete im anschließenden Rennen sogar vor den gestraften Müller, Cassidy und Blomqvist! Der Brasilianer war auf seiner Aufwärmrunde schlichtweg etwas schneller gewesen als das Trio hinter ihm. So startete Sette Camara von der 20. Position, während Cassidy, Blomqvist und Müller von P21-23 beginnen mussten. Das Rennen ohne größere Zwischenfälle verlief entsprechend: Das Quartett ging auf den letzten vier Plätzen komplett leer aus.

Im zweiten Rennen am Samstag schlug zumindest das Dragon-Duo eindrucksvoll zurück. Sette Camara und Müller landeten im Endergebnis und nach einigen nachträglichen Strafen für andere Fahrer auf den Plätzen vier und fünf. Damit erzielte das vergleichsweise kleine US-Team zusammen 22 Punkte beim Saisonauftakt - das sind nur drei Zähler weniger als Dragon in den vergangenen beiden Saisons zusammen eingefahren hat!


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