1. - S wie Startaufstellung

"Es war wichtig für uns, hier vorne zu stehen." Dieser Satz gilt eigentlich bei jedem Autorennen. Bei manchen sogar noch mehr als in der Türkei. Denn in Istanbul gibt es sehr wohl noch Überholmöglichkeiten - auf der Strecke wohl gemerkt, im Straßenverkehr sieht sowieso alles etwas anders aus. Für Ferrari gilt dieser Einleitungssatz dennoch - denn nach der Niederlage von Ungarn sind sie wieder zurück an der Spitze: vor McLaren.

"Wir werden auch morgen schnell sein", kündigte Stefano Domenicali nach der Pole von Felipe Massa an. "Aber wenn wir unser Ziel erreichen wollen, müssen wir gewinnen." Das Qualifying ist für Ferrari also nur eine Durchgangsstation. "Es war erst ein kleiner Schritt auf dem Weg zum Ziel", bestätigt Jean Todt. Dieses Ziel heißt Doppelsieg. Kimi Räikkönen verpasste die Doppelpole aufgrund einiger Fehler im letzten Streckenabschnitt. Trotzdem blickt er dem Rennen genauso optimistisch entgegen wie Massa: "Wir haben ein gutes Auto und das Rennen ist lang."

Das Qualifying war kurz - jedenfalls für Ralf Schumacher. Er blieb mal wieder im Verkehr stecken und hatte Probleme mit blockierenden Hinterrädern. Zusammen ergab das nur Startplatz 18 - dank Jenson Buttons Motorwechsel rückt er immerhin auf Rang 17 vor. "Ich habe mich beim Rausfahren fast gedreht - das war das Hauptproblem", klagte Ralf. "Wir waren langsamer als wir erwartet hatten. Das ist extrem ärgerlich, denn wir hätten beide in die Top10 reinrutschen können." So steht nur Jarno Trulli in den Top10 - einen Platz hinter Nico Rosberg auf Platz 9.

2. - S wie Start

Kein Ärger, keine fliegenden Headsets - nach dem Qualifying mochten sich alle. -, Foto: Sutton
Kein Ärger, keine fliegenden Headsets - nach dem Qualifying mochten sich alle. -, Foto: Sutton

Auch wenn Lewis Hamilton im letzten Jahr in der GP2 gezeigt hat, wie und wo man in Istanbul überholen kann, wird der Start erneut eine entscheidende Rolle spielen. "In den vergangenen Jahren waren die Starts auf der sauberen Seite besser", erinnert sich Kimi Räikkönen. "Das kann hier einen Unterschied ausmachen."

An der Spitze stehen beide Ferrari auf der sauberen Seite, beide McLaren auf der schmutzigen. "Hoffentlich holen wir trotzdem etwas heraus", hofft Lewis Hamilton. Dessen Teamkollege Fernando Alonso kann Räikkönens Erinnerung sowieso nicht ganz zustimmen: "Vor zwei Jahren ist Fisichella hier als Zweiter gestartet und hat Kimi überholt. Vielleicht ist diese Seite nicht so schlecht."

Darauf hofft auch Nick Heidfeld. "Ein Problem ist, dass mein Startplatz auf der dreckigen Fahrbahnseite liegt", sagt auch er. "Auf der sauberen Seite hatte ich meistens super Starts und habe einen Platz gut gemacht, auf der dreckigen Seite habe ich in letzter Zeit aber auch schon ein paar Mal einen Platz verloren. Dennoch: Wenn der Start keine absolute Katastrophe wird, will ich Fünfter werden."

3. - S wie Schlüsselstellten

Der Istanbul Park bietet ein anspruchsvolles Layout, das langsame Kurven, lange Geraden und wechselnde Kurvenradien verbindet - und natürlich die bereits heute legendäre Kurve 8, eine der schwierigsten Passagen des ganzen Jahres. "Es ist eine interessante Streckenführung", gesteht Alex Wurz motorsport-magazin.com. "Es gibt relativ viele Aufs und Abs - das macht es interessant."

Die erste Schikane sei ähnlich wie in Brasilien mit einem blinden Bremspunkt versehen. "Dann gibt es die berühmte Kurve 8 mit drei Scheitelpunkten, wo du für über sechs Sekunden viereinhalb g Querbeschleunigung hast - das ist für den Fahrernacken irrsinnig anstrengend, und brutal hart für Reifen und Material." Auf wenig Gegenliebe stoßen bei den Fahrern die letzten Kurven. "Die drei Mickey Mouse Kurven vor Start und Ziel sind schwierig zu fahren", sagt Wurz. "Sie sind sehr rutschig, man findet hier nie eine sehr gute Linie. Beim Setup muss man immer einen Kompromiss eingehen. Das macht die Strecke aus."

4. - S wie Setup

Istanbul verlangt den Autos alles ab. -, Foto: Sutton
Istanbul verlangt den Autos alles ab. -, Foto: Sutton

Der aus 14 Kurven bestehende Istanbul Park ist typisch für die modernen Rennstrecken aus der Feder von Hermann Tilke. Genau wie Bahrain und Shanghai weist er eine extrem lange Gerade auf, so dass die Endgeschwindigkeit der Formel 1-Boliden zu den wichtigsten Erfolgsfaktoren zählt. Im Sinne einer optimalen Rundenzeit würden die Teams eigentlich mit mehr Abtrieb fahren, als sie es tun - doch der mögliche Zeitgewinn in den schnellen und mittelschnellen Kurven würde sich wegen der mangelnden Höchstgeschwindigkeit als Pyrrhus-Sieg erweisen. Ab Turn 10 benötigen die Piloten viel Speed, um Gegner überholen zu können oder ihre Position auf der Geraden zu verteidigen. Als Kompromiss wählen die Teams ein Setup mit niedrigem bis mittlerem Abtriebsniveau.

Die Asphaltoberfläche ist eben und die Kerbs nicht besonders aggressiv. Beides erlaubt den Ingenieuren, eine relativ steife Fahrwerksabstimmung und geringe Bodenfreiheit zu wählen. Erstere gewährleistet präzise Richtungswechsel in den technisch anspruchsvollen Passagen sowie hohe Stabilität in Highspeed-Kurven, letztere steht für eine optimale Wirkung der Aerodynamik. Eine Ausnahme bildet Turn 8, wo mehrere Bodenwellen in der Fahrbahn Unruhe ins Auto bringen und Übersteuern provozieren können. In der Regel ändern die Piloten lieber ihre Linie, um den Unebenheiten auszuweichen, als einen weiteren Kompromiss beim Setup einzugehen.

Über eine ganze Runde betrachtet, sind die Anforderungen an das Bremssystem nicht besonders hoch - die Bremszone vor Turn 12 allerdings gilt als bevorzugte Überholmöglichkeit. Die Piloten müssen daher in der Lage sein, auch im Zweikampf hier mit vollem Vertrauen aufs Pedal zu steigen. Ein Verbremser an dieser Stelle kostet viel Zeit beziehungsweise Positionen. Wie die meisten der modernen Grand Prix-Kurse stellt der Istanbul Park hohe und sehr verschiedenartige Anforderungen an die Motoren. Rund 67 Prozent einer Runde sind die Drosselklappen voll geöffnet, was deutlich über dem Durchschnittswert der Saison liegt. Überdies weist der Kurs zwischen den Kurven 10 und 12 eine 16 Sekunden lange Vollgaspassage auf. Das Triebwerk sollte zudem ein gutes Ansprechverhalten haben und aus niedrigen Drehzahlen bis zum Limit von 19.000 Touren kraftvoll hochdrehen. Auch hier verlangt Kurve 8 wieder nach etwas mehr: Um in dieser ultraschnellen Passage die Balance des Autos nicht zu gefährden, muss die Leistungsabgabe bei hohen Drehzahlen sehr fein zu dosieren sein.

5. - S wie Strategie

Die Frage ist immer wieder die gleiche - auch für Nick Heidfeld. Warum war er im Qualifying heute langsamer als sein Teamkollege Robert Kubica? "Die Antwort ist auch immer die gleiche", erwidert er. "Das wird sich erst im Rennen erklären." Mario Theissen wollte sich mit einem Schmunzeln unter dem Schnäuzer, wie immer, nicht zur Strategie äußern: "Lassen Sie sich überraschen." Die drei Zehntel Unterschied werden sich also wohl auf der Stoppuhr beim Tankstopp auswirken.

Wer zeigt am Ende wem die Zunge? -, Foto: Sutton
Wer zeigt am Ende wem die Zunge? -, Foto: Sutton

Bei den Top-4 geht Ron Dennis fest davon aus. "Die Startaufstellung spiegelt die unterschiedlichen Tankstrategien wieder", sagt er. "Unsere Fahrer haben verschiedene Richtungen gewählt, aber beide tolle Leistungen gezeigt." Dieses Lob gestand sich Felipe Massa nach seiner Pole selbst zu. "Ich denke, ich verdiene sie - ich bin sehr stolz auf die Runde." Ist Felipe vielleicht viel leichter als Räikkönen, der ohne seinen Fehler auf Pole gefahren wäre? Manche Aussagen lassen darauf schließen, andererseits waren die Spritunterschiede bei Ferrari in dieser Saison selten sehr groß.

Wie üblich spielt nicht nur die Spritmenge eine wichtige Rolle. "Es wird heiß und daher nicht ganz einfach für die Reifen", betont Robert Kubica. "Der Unterschied zwischen den weicheren und den härteren Reifen ist nicht allzu groß." Das hatte sich schon am Freitag im Freien Training angedeutet. "Die weicheren sind auf der ersten Runde schnell, die härteren sind langfristig schneller und konstanter." Aber wie sieht es auf der Distanz aus? "Niemand weiß momentan genau, wer der Schnellste sein wird", sagt Fernando Alonso. "Der längste Run gestern war acht oder neun Runden. Keiner hat eine Ahnung, wie sich die Autos bei Runs von 25 Runden verhalten."

6. - S wie Sonntagswetter

Die Wetteraussichten für das Rennen sind hingegen bekannt: es wird verdammt heiß. Nicht so heiß wie in Malaysia, aber heiß genug, dass die Fahrer und Motoren kräftig ins Schwitzen kommen. "Es sollen 35 Grad im Schatten werden", sagte Mario Theissen schon am Freitag. "Auf der Strecke sind das 20 Grad mehr. Darauf muss man sich bei der Kühlung einstellen." Bei BMW Sauber ist das jedoch keine Schwerstarbeit. "Das sollte uns keine Probleme bereiten. Die Temperaturen sind im grünen Bereich", verriet Theissen. "Das Auto ist sehr temperaturfreundlich - wir müssen keine besonderen Kompromisse bei der Aerodynamik eingehen. Das könnte ein Vorteil sein bei hohen Temperaturen."

7. - S wie Spannung

Die Top-4 innerhalb von zweieinhalb Zehnteln, ein munterer Schlagabtausch in den Schlusssekunden des Qualifyings - "herrlich, genau so gehört es", freut sich Christian Danner. "Alle eng beieinander, kurz vor Schluss waren die ersten Drei praktisch zeitgleich - super." Genauso wird es laut Danner im Rennen weitergehen. "Kimi dürfte etwas schneller sein, als er momentan ausschaut. Das wird sicher wunderbar."

Dahinter lauert BMW Sauber auf einen Fehler bei den großen Vier. Ohne Mithilfe von Ferrari und McLaren erwartet man zwar keinen Podiumsplatz, "aber wer weiß, was im Rennen passiert?", fragt Theissen. Fernando Alonso hat das Rennen auch von Platz 4 noch nicht aufgegeben. Er will unbedingt vor Hamilton ins Ziel kommen, um in der WM Punkte gutzumachen. "Mein Teamkollege ist sieben Punkte vor mir und ich muss Punkte aufholen. Es ist nicht gut, die Aufholjagd zu beginnen, indem ich hinter ihm starte." Danner sieht den Weltmeister trotzdem noch nicht geschlagen. "Mich kann niemand davon abbringen, dass ich ihm generell und überall alles zutraue. Nicht, weil er das Rennfahren neu erfunden hat, sondern weil er in den letzten beiden Jahren in den unmöglichsten Situationen immer das Beste herausgeholt hat." Dann kann der Türkei GP ja kommen.