Klare Worte sind im Fahrerlager eine Seltenheit. Meist dauert es Stunden, um aus den Tonnen heißer Luft ein paar Mikrogramm Information herauszufiltern.

Doch in Hockenheim habe ich ein kleines Wunder erlebt. Da hat tatsächlich jemand etwas gesagt. Freiwillig! Und noch dazu über Schumi. Und gar nicht mal etwas nettes. Deswegen kann ich diesen Kommentar niemandem vorenthalten, obwohl er auszugsweise bereits im Red Bulletin vom Rennsonntag erschienen ist. Die Rede ist von Johnny Herbert, dem ehemaligen Teamkollegen von Michael bei Benetton. Aber lest selbst:

"Für mich war die Zeit bei Benetton gemeinsam mit Michael ein Schock. Man hat mich ins Team geholt und mir versprochen, ich könnte dort Weltmeister werden. Das war auch mein Anspruch. Michaels erste Reaktion auf meine Ankunft war: "Wenn Johnny dieses Spiel mit mir spielen möchte, bitte sehr. Ich bin bereit!" Nicht, dass wir auch mal herzlich miteinander gelacht hätten, aber er war als Teamkollege unglaublich eigensinnig. Er hat dir die Luft zum Atmen weggenommen. Im besten Fall hat er alles, was er dir wegnahm kaputt gemacht und dir dann zurückgegeben.

Als wir unseren ersten Test mit dem neuen Auto in Jerez hatten, waren wir für vier Tage gebucht. Michael sollte zwei und ich zwei Tage fahren. Kurzum, er ist dreieinhalb Tage gefahren und sie haben mich völlig links liegen lassen.

Aber das eigentliche Problem war Flavio Briatore, der damals unser Teamchef war. Von ihm hörte ich nur: Du kannst das nicht machen, du kriegst jenes nicht. Ich dachte, wenn das ein Team sein soll, dann läuft hier was grundlegend schief. Es war einfach Michaels Team. Punkt. Aus. Und jeder im Team von Ross Brawn abwärts sagte täglich: "Michael ist der Beste auf der Welt". Für einen Teamkollegen kann man sich wohl einen besseren Arbeitsplatz vorstellen.

Ich habe bei Benetton zwei Rennen in Silverstone und Monza gewonnen, ich saß im besten Auto der Welt. Aber ich war froh, als ich danach die Flucht ergreifen konnte.

Man kann Michael nun für einen völlig selbstsüchtigen Egomanen halten. Aber der Erfolg gibt ihm Recht. Alles, was er so angestellt hat, sei es das Parkmanöver in Monaco, die Rempeleien gegen Hill oder Villeneuve, ist bei dem riesigen Erfolg wohl gerechtfertigt. Ich sehe keinen, der je ernsthaft solchen Erfolg haben könnte, auch nicht Kimi oder Fernando.

Wir sehen einander heute noch ab und zu, aber wir haben uns nicht viel zu sagen. Ich bin mir sicher, dass er diese Zeilen auch nicht allzu gerne liest. Aber nochmals: Bei so vielen Siegen verblasst alles andere dagegen. Ich könnte mir gut vorstellen, dass er noch ein Jahr anhängt, egal ob er heuer Weltmeister wird oder nicht. Der Siegeswille ist da, und die 100-Siege-Marke reizt ihn mehr, als er es je öffentlich zugeben würde.

Und wenn er mal zurückgetreten ist, dann macht er sicher etwas mit genau dem gleichen Einsatz. Er ist ja ziemlich fußballverrückt. Ich traue es ihm sogar zu, eines Tages deutscher Bundestrainer zu werden."