Vor dem Deutschland GP dürften zwei Dinge nur schwer zu finden sein: Fans in den Wäldern von Hockenheim, die weder rote Kappen noch viele Bierdosen in ihrer Reichweite haben, und Experten, welche nicht die Reifen als größten Schlüsselfaktor anpreisen.

Diesmal trifft das allerdings nicht nur wegen des Reifenwettbewerbs zu: "Aufgrund der rauen Streckenoberfläche stellt Hockenheim für uns ein anspruchsvolleres Event dar als Magny-Cours", erklärt Nick Shorrock, Direktor der Formel 1-Aktivitäten von Michelin. "Der grobporige Asphalt fordert die Reifen stark. In Hockenheim kommt es zwar nicht so leicht zum gefürchteten Körnen wie in Magny-Cours, aber die Gummimischung muss hohe Temperaturen aushalten und darf keine Tendenz zur Blasenbildung zeigen. Vor allem die hinteren Pneus werden hohen Belastungen ausgesetzt. Die Rennwagen erreichen in den langen geschwungenen Kurven Geschwindigkeiten von über 300 km/h. Zudem beschleunigen die Fahrer mehrfach pro Runde hart aus engen Kurven heraus, wie zum Beispiel in Turn 6 und Turn 13."

Sich auf derartige Bedingungen optimal vorzubereiten stellt einen intensiven Prozess dar. "Wir evaluierten die Reifen für Hockenheim von Anfang bis Mitte Juli", so Shorrock weiter. "Wir testeten sechs Gummimischungen und sieben Reifenkonstruktionen. Die Analyse dieser Versuche wird uns auch bei der Vorbereitung auf die bevorstehenden Grands Prix helfen. Beide Jerez-Sessionen erwiesen sich dabei als sehr arbeitsreich und überaus wertvoll. Unser Anspruch hat sich nicht geändert: Damit unsere Partnerteams ihre individuellen Saisonziele erreichen können, wollen wir ihnen mit Rennreifen zur Seite stehen, mit denen sich die volle Leistungsfähigkeit der Formel 1-Monoposti abrufen lässt. Dafür haben wir auch in der Hitze der vergangenen Wochen weder bei Testfahrten noch in unseren Entwicklungslaboren einen Schongang eingelegt, sondern mit Hochdruck an unterschiedlichsten Simulationsprogrammen gearbeitet."

Das war auch nötig: Denn obwohl Giancarlo Fisichella darauf verwies, dass Michelin auch in der "Hitze" von Kanada stark gewesen sei, ließen die Franzosen in Indy und Magny Cours mächtig Federn. Die Weiterentwicklung der Pneus stellt nicht nur ein sehr aufwändiges Unterfangen dar, sie verlangt auch stetig nach Innovationen, um einen kontinuierlichen Prozess zu ermöglichen.

"In diesem Bereich zeigt sich Michelin in der Saison 2006 besonders aktiv - mehr noch als in den vergangenen Jahren", verrät Shorrock und nennt Zahlen: "Zu den bisherigen elf Grands Prix haben wir insgesamt 40 verschiedene Mischungen mitgebracht - doppelt so viel wie zum gleichen Zeitpunkt im Vorjahr. Um diese Versionen herauszuarbeiten, schickten wir sogar mehr als 200 Varianten mit unterschiedlichen Laufflächen-Qualitäten und Konstruktionen in den Versuch. Das ist ein klares Zeichen, wie entschlossen wir in unserer Abschiedssaison agieren. Der Grand Prix von Deutschland ist eines von sieben noch ausstehenden Rennen, und wir werden weiterhin alles geben, um unseren Partnern auch weiterhin die bestmöglichen Produkte anbieten zu können."

Schließlich möchte man mit dem WM-Titelgewinn aus der Formel 1 ausscheiden - denn ab 2007 ist Bridgestone Alleinunterhalter in der Königsklasse. Zuvor erwartet Motorsportdirektor Hiroshi Yasukawa aber einen "harten Kampf" gegen den scheidenden Kontrahenten, beginnend in Hockenheim. Dort stellen die Japaner ihren Partnerteams "mittelweiche bis weiche" Reifenmischungen zur Verfügung. Das Ziel ist es natürlich die Siegesserie von Michael Schumacher fortzusetzen, aber auch Toyota zeigte zuletzt gute Ansätze, die sie bei ihrem Heimrennen sicher fortführen wollen.