Keine Strecke kennen die 11 Teams so gut wie den Circuit de Catalunya. Dennoch hält der spanische Kurs immer wieder Überraschungen für sie bereit. Bevor um 14:00 Uhr die Ampeln ausgehen, verraten wir Ihnen, welche Schlüsselfaktoren das Rennen entscheiden könnten.

1. - S wie Startaufstellung

Zwei Renault stehen ganz vorne in der Startaufstellung - gefolgt von zwei Ferrari. Doch während sich Fernando Alonso über seine Heim-Pole freute, schien man bei Ferrari von der 'Niederlage' wenig beeindruckt zu sein. Im Gegenteil: Die Roten strotzten nur so vor Zuversicht.

Michael Schumacher rechnet mit Siegchancen., Foto: Sutton
Michael Schumacher rechnet mit Siegchancen., Foto: Sutton

"Wenn man unsere Strategie und die Reifensituation betrachtet, dann ist die zweite Reihe eine sehr gute Ausgangsposition", sagte beispielsweise Felipe Massa. "Ich bin unter den gegebenen Umständen sogar noch wesentlich zuversichtlicher als am Nürburgring." Da holte er hinter Michael Schumacher und Fernando Alonso seinen ersten Podestplatz. Diesmal soll es, wenn alles nach Plan läuft, zumindest einen Platz nach oben gehen - und zwar vor den Spanier.

Hinter den beiden Renault- und Ferrari-Reihen, beziehen Rubens Barrichello und Ralf Schumacher in Reihe 3 Aufstellung. Eine Reihe weiter hinten, drehen Jarno Trulli und Jenson Button das Bild um: Hier startet der Toyota vor dem Honda.

2. - S wie Start

Zwei Renault in der ersten Startreihe: Angesichts der bekannten Raketenstarts der Gelb-Blauen bedeutet dies ein klares Bild für die erste Kurve. Doch noch wichtiger könnte die Rolle von Giancarlo Fisichella werden. Der Italiener könnte seinem Teamkollegen einen großen Gefallen erweisen, wenn er Michael Schumacher so lange wie möglich einbremst.

"Wenn ich am Start gleich an ihm vorbei fahre, ist es kein Problem", sagt Schumacher über die Möglichkeit einer fahrenden Schikane mit der Startnummer 2. Ansonsten könnte ihm der Italiener schon Probleme bereiten. "Es liegt ganz daran, wie schnell Fisichella im Vergleich zu Alonso fährt", betont er. "Bisher konnte er die gleichen Zeiten fahren. Wenn er morgen plötzlich langsamer fahren und ich hinter ihm fest hängen würde, könnte es amüsant werden."

Dass die beiden Renault einen sehr guten Start haben werden, daran zweifelt Massa nicht, daran, dass sie den Ferrari eventuell wegfahren könnten, aber schon: "Ich glaube es nicht, dafür sind unsere Reifen zu gut."

3. - S wie Setup

Der Mix aus Highspeed-Kurven, einer langen Gerade und einer abrasiven Fahrbahnoberfläche machen die Strecke zu einer der technisch anspruchsvollsten überhaupt - ein kompletterer Kurs ist kaum vorzustellen. Trotz des großen Vorwissens der Teams ist das Finden des richtigen Setup-Kompromisses deshalb immer eine außerordentlich komplexe Aufgabe.

Der Schlüsselfaktor dieses Kurses heißt aerodynamische Effizienz. Die Strecke weist jede Art von Kurve auf, und jeder Geraden geht eine schnelle Kurve voraus. Aus diesem Grunde fahren die Teams trotz der langen Geraden mit hohem Abtrieb, da Kurvenspeed und ein sauberer Kurvenausgang wichtiger sind als die Höchstgeschwindigkeit, die von den steileren Flügeln begrenzt wird.

Bei der Abstimmung der Aufhängungs-Elemente lautet die Aufgabe wie immer, einen guten Kompromiss zu finden - der sich hier allerdings noch komplexer darstellt. Die Fahrer sollen ein gut ausbalanciertes, wendiges Auto haben. Das spricht für eine relativ steif abgestimmte Front, um agile und präzise Richtungswechsel zu ermöglichen. Das Heck dagegen ist etwas weicher, um eine bestmögliche Traktion beim Herausbeschleunigen aus den langsamen Kurven zu ermöglichen. Die Bodenfreiheit ist in Spanien ungemein wichtig. Der ebene Asphalt erlaubt es, die Autos relativ tief zu legen, um so die Aerodynamik optimal zum Arbeiten zu bringen.

Toyota war im Qualifying gut unterwegs., Foto: Sutton
Toyota war im Qualifying gut unterwegs., Foto: Sutton

Der Circuit de Catalunya ist bekannt dafür, die Reifen besonders hart zu fordern. Das liegt zum einen an den vielen schnellen und lang gezogenen Kurven. Die Reifen müssen über lange Zeiträume große Lasten aufnehmen. Dies gilt besonders für den linken Vorderreifen, der in allen schnellen Kurven die meiste Arbeit leisten muss. Das wichtigste Auswahlkriterium der Pneus für das Rennen wird daher der Grad ihres Leistungsabbaus sein. Um diesen Effekt zu mindern, sind auch Setup-Änderungen wie eine Verringerung des negativen Sturzes an der Vorderachse denkbar.

Barcelona zählt nicht zu den typischen Motorenstrecken, da die Triebwerke an keinem Punkt des Kurses außergewöhnlichen Belastungen unterliegen. Es kommen relativ wenige Beschleunigungsvorgänge aus niedrigen Drehzahlen vor. Das Hauptaugenmerk liegt auf einer progressiven Leistungsentfaltung und guter Fahrbarkeit, da sich dadurch auch das Handling verbessert und die Lebensdauer der Reifen erhöht. Die Drosselklappen sind für 69 Prozent einer Runde voll geöffnet.

Durch die Länge der Zielgeraden ist die Wahl der optimalen Übersetzungen nicht unkompliziert. Der siebte Gang muss so lang ausgelegt sein, dass der Motor auch bei Rückenwind oder im Windschatten eines Gegners nicht überdreht. Auf der anderen Seite kann Gegenwind erheblich Top-Speed kosten. Die Auswahl der Achsübersetzung gehört zu den wichtigsten Aufgaben während des Trainings.

4. - S wie Strategie

Nach Imola und dem Nürburgring blüht der F1-Welt in Barcelona der dritte Taktik-GP in Folge. "Man möchte immer so weit wie möglich vorne stehen", gab Ross Brawn nach dem Qualifying zu, "aber die Autos sind sehr gut und unsere Reifen sollten im Rennen sehr stark sein."

Diese Meinung war bei Ferrari - und nur bei Ferrari - weit verbreitet. "Die zweite Startreihe ist für uns kein großes Problem. Wir wissen, dass wir im Rennen stark sein werden", fügte Michael Schumacher hinzu. Und auch Felipe Massa sagte voller Überzeugung: "Mit gebrauchten Reifen, im Renntrim, ist niemand so schnell wie wir. Wir haben bei Bridgestone geringere Probleme mit dem Reifenverschleiß als wir erwartet haben, bei Michelin hat man dagegen größere."

Also alles Friede, Freude, Eierkuchen? Alex Wurz glaubt die Aussagen der Roten nicht zu hundert Prozent. "Da werden halt manchmal die Medien gezielt zur Verunsicherung und Verwirrung des Gegners benützt", konnte der Williams-Tester dem Optimismus der Italiener nicht zustimmen. "Renault ist die treibende Kraft an diesem Wochenende. Es ist aber eine irrsinnig starke Leistung von Ferrari, dass sie mit Michelin mithalten können." Denn Wurz geht davon aus, dass das Kräfteverhältnis auf dem Reifensektor sich seit dem letzten Sonntag gedreht hat. "Während Bridgestone am Nürburgring einen eindeutigen Vorteil hatte, hat sich hier das Bild geändert: Der Reifenkrieg tobt und wir müssen diesmal Renault ein Kompliment aussprechen."

Flavio Briatore sieht das genauso: "Ferrari ist unglaublich. Die Michelin-Reifen funktionieren hier sehr gut und Bridgestone scheint nur bei Ferrari zu funktionieren", machte auch er die Anomalie aus. "Das ist sehr, sehr seltsam. In Deutschland war Bridgestone viel, viel besser - aber diesmal sind wir es. Allerdings nicht besser als Ferrari - das Bridgestone-Ferrari-Paket ist anders."

Nur Christian Danner glaubt außerhalb des Ferrari-Lagers an eine rote Überlegenheit. "Ich bin mir ziemlich sicher, dass es eine Strategiefrage ist", spielt er auf die schnellen Rundenzeiten der Renault an. "Bei der spritbereinigten Zeit sehe ich Renault nicht vorne. Sie fahren hier leichter und haben sich von Ferrari dahin drängen lassen, wo man sie haben wollte."

5. - S wie Sonntagswetter

Die Fans erhoffen sich einen Heimsieg., Foto: Sutton
Die Fans erhoffen sich einen Heimsieg., Foto: Sutton

Leicht bewölkt, aber jederzeit trocken: So erwarten die Wetterfrösche die Situation am sechsten Rennsonntag der Saison 2006. Der obligatorische Wind, gehört auf dem Circuit de Catalunya natürlich dazu. Die Höchsttemperaturen sollen zwischen 20 und 22 Grad liegen.

6. - S wie Speed

Barcelona weist die längste Gerade des Rennkalenders auf, aber Überholmanöver sind auf dem Circuit de Catalunya so gut wie unmöglich. "Das Überholen ist hier noch schwieriger als am Nürburgring - weil man noch schlechter dicht an ein anderes Auto heran fahren kann, dann zu viel Abtrieb verliert", schildert Felipe Massa. "Das Überholen wird wohl an der Box stattfinden müssen."

Entsprechend helfen die abermals hohen Top-Speed-Werte der Scuderia nur bei den Rundenzeiten - aber nicht bei aktiven Positionswechseln. Dennoch ist erstaunlich, dass Fernando Alonso ganze sechs km/h langsamer als Giancarlo Fisichella unterwegs war. Anscheinend hat der Spanier seinen R26 mit mehr Flügel ausgestattet - wohl wissend, dass er auf seiner Heimstrecke nicht überholt werden kann.

Am Ende des Feldes beschwerte sich MF1-Boss Colin Kolles wieder einmal über die hohen Geschwindigkeiten der limitierten Cosworth V10 von Toro Rosso. Diese wären viel zu schnell und würden Midland somit zu viel Zeit auf der Geraden abnehmen. Interessanterweise klagten die STR-Piloten über einen zu geringen Top-Speed. Noch interessanter: Selbst Takuma Sato im vier Jahre alten Super Aguri war auf der Geraden schneller als die M16 von Monteiro und Albers - nur am limitierten V10 der Jungbullen kann es also auch nicht liegen, dass Midland so weit abgeschlagen ist; am Toyota-Motor allerdings auch nicht, der brachte Ralf und Jarno in die Top10...

Platz Fahrer Top-Speed
1. Felipe Massa / Ferrari 319,7
2. Michael Schumacher / Ferrari 314,1
3. Giancarlo Fisichella / Renault 311,2
4. Jacques Villeneuve / BMW 308,7
5. Nick Heidfeld / BMW 308,5
6. Rubens Barrichello / Honda 308,2
7. Ralf Schumacher / Toyota 307,6
8. Jarno Trulli / Toyota 307,5
9. Fernando Alonso / Renault 304,8
10. Scott Speed / Cosworth V10 304,4
11. Christian Klien / Ferrari 303,8
12. Kimi Räikkönen / Mercedes 303,7
13. Nico Rosberg / Cosworth 303,1
14. Juan Pablo Montoya / Mercedes 302,8
15. Mark Webber / Cosworth 301,6
16. Jenson Button / Honda 301,5
17. Takuma Sato / Honda 301,4
18. Tonio Liuzzi / Cosworth V10 300,5
19. Taigo Monteiro / Toyota 295,6
20. Christijan Albers / Toyota 291,4
21. Franck Montagny / Honda 289,7
22. David Coulthard / Ferrari 258,8

7. - S wie Spannung

Wer gewinnt den Großen Preis von Spanien? Schafft Fernando Alonso seinen ersten Heimsieg? Alex wurz sagt ja. Christian Danner nein. "Ich glaube, dass Michael gewinnt", sagte der Ex-GP-Pilot. "Ferrari ist im Renntrimm exorbitant schnell und hat einen irrsinnig beständigen Reifen."

Der Edeltester sieht das anders: "Es wird ein spannender Kampf zwischen Alonso und Schumacher." Alonso habe jedoch das Glück, dass Fisichella zwischen den beiden stehe. "Es ist extrem knapp zwischen Ferrari und Renault - sie fahren in einer eigenen Liga und alle anderen sehen im Vergleich dazu alt aus."

Die Franzosen selbst stapeln noch etwas tief. "Den Ferrari ist offensichtlich ein großer Schritt nach vorne gelungen. Ich gehe fest davon aus, dass sie auch im Rennen sehr schnell sein werden", verriet Fisichella. "Wir müssen die richtige Strategie finden, um sie zu schlagen."

Fernando Alonso sieht das genauso: "Michael Schumacher ist erneut außerordentlich stark. Wir konzentrieren uns auf unsere Arbeit und unser Auto und bleiben dabei realistisch: Sollten die Roten ab und an schneller sein als wir, dann gebe ich mich auch mit einem zweiten Rang zufrieden. Doch darum wird es hier mit Sicherheit nicht gehen."