Denis, wie lautet Ihre erste Zwischenbilanz nach drei Grands Prix unter dem neuen V8-Motorenreglement?

Denis Chevrier: Nun, bis zum Ende der vergangenen Saison stellte eine hohe Zuverlässigkeit im Motorenbereich für alle Teams mehr oder minder eine Selbstverständlichkeit dar. Durch das neue Motorenreglement stieg die Zahl der Triebwerkswechsel und der -schäden während der Grand Prix-Wochenenden wieder deutlich an. Dazu zählen leider auch die Probleme von Giancarlo beim Großen Preis von Bahrain. Nur wenige Teams blieben gänzlich von derartigen Schwierigkeiten verschont. Diese Statistik verdeutlicht, wie schwierig es war, sich auf die neuen Regeln einzustellen. Die strategische Bedeutung der Triebwerke war während der ersten Läufe der neuen Saison wohl wichtiger als jemals zuvor.

Warum kam es zu so vielen Problemen?

Denis Chevrier: Bei den Achtzylindern handelt es sich noch um eine junge Motorengeneration, und ich denke, dass kein Team seine Entwicklungsarbeit bis zum Saisonstart wirklich vollständig abgeschlossen hatte. Wir von Renault F1 haben über den Winter zahllose Testkilometer abgespult und dabei intensiv nach Lösungen für alle auftretenden Probleme gesucht. Beim Saisonauftakt befanden wir uns dadurch in einer besseren Position als viele unserer Konkurrenten. Alle Teams arbeiten derzeit noch daran, sämtliche Probleme zu lösen, die bei der Einführung eines neuen Motorenkonzepts unweigerlich auftreten. Keiner kann derzeit von sich behaupten, sämtliche Kinderkrankheiten auskuriert zu haben.

kleine Kinderkrankheiten auch am RS26, Foto: RenaultF1
kleine Kinderkrankheiten auch am RS26, Foto: RenaultF1

Wo steht der Renault RS26-V8 in punkto Leistung im Vergleich zur Konkurrenz?

Denis Chevrier: Nach unseren Analysen liegen die Motoren der einzelnen Teams leistungsmäßig dicht zusammen. Es gibt hier und dort Unterschiede, zum Beispiel bei den Drehzahlen. Aber generell lässt sich sagen, dass es im gesamten Feld keinen "schlechten" V8 gibt. Die Herausforderung liegt nun für alle darin, die Leistungsfähigkeit der noch jungen Motoren zu steigern, ohne dabei Kompromisse in puncto Zuverlässigkeit einzugehen. Das ist keine leichte Aufgabe.

Worauf kommt es bei der Entwicklung eines V8-Triebwerks besonders an?

Denis Chevrier: Es sehr viel schwieriger Leistung zu finden als bei einem V10-Aggregat – vor allem zu diesem frühen Zeitpunkt in der Entwicklung. Gleichzeitig liegen die Teams in der Formel 1 in dieser Saison viel enger zusammen, so dass der Entwicklung besondere Bedeutung zukommt. Mehrere Teams befinden sich auf dem gleichen Level. Wer zuerst Oberhand bekommt, könnte damit über den vielleicht entscheidenden Vorteil verfügen. Wir dürfen also zu keinem Zeitpunkt nachlassen, sondern müssen die Weiterentwicklung mit unverändertem Einsatz und den gleichen Ressourcen vorantreiben wie in den vergangenen Jahren.

Worin liegt das Geheimnis für den Erfolg von Renault F1 in den ersten drei Grands Prix?

Denis Chevrier: Ich denke, es ließ sich erkennen, dass wir besser vorbereitet waren als einige unsere Konkurrenten. Wir sind sehr stolz darauf, sowohl das letzte Rennen der V10-Ära als auch den ersten Grand Prix der V8-Epoche gewonnen zu haben. Die Analyse der ersten drei Saisonläufe brachte übrigens Interessantes zu Tage. Wir wissen jetzt, dass die Performance über eine schnelle Runde nicht unbedingt zu unseren ganz großen Stärken zählt. Im Qualifying liegen wir auf Augenhöhe mit verschiedenen anderen Teams. Über eine Renndistanz scheinen wir jedoch über einen Vorteil zu verfügen.

Woher kommt dieser Vorteil?

Denis Chevrier: Wir haben Chassis und Motor entwickelt, um Rennen zu gewinnen – und nicht um nur um die Pole Position zu fahren. Aus Motorensicht sind wir vielleicht in der Lage, über einen längeren Zeitraum mit höheren Drehzahlen zu fahren. Vor allem aber gibt unser Renault R26 den Fahren das nötige Vertrauen, um von der ersten bis zu letzten Runde voll anzugreifen. Wir wissen, dass es unter den neuen Regeln schwer ist, sich über eine einzelne Runde einen entscheidenden Vorteil gegenüber der Konkurrenz herauszufahren. Umso wichtiger ist es, sich über den gesamten Rennverlauf am Limit bewegen zu können.

In Imola kommt erstmals der RS28-V8 in der B-Spezifikation zum Einsatz. Worin liegen die Unterschiede?

Denis Chevrier: Der neue Motor stellt einen normalen Evolutionsschritt in unserer Entwicklung dar. Die Ziele lauteten, über eine Erhöhung der Maximaldrehzahl sowie eine Optimierung der Zylinderfüllung und der Verbrennung mehr Leistung zu gewinnen. Wir erwarten, dass wir im Qualifikations-Trimm mehrere Zehntelsekunden pro Runde gewinnen. Die abschließenden Prüfstandtests vor dem Grand Prix werden uns erlauben, genau zu bestimmen, wie viel zusätzliche Leistung uns während des Rennens zur Verfügung stehen wird.

Werden in Imola beide Piloten den neuen Motor fahren?

Denis Chevrier: Nein, nur Giancarlo wird in diesen Genuss kommen. Sein Ausfall in Bahrain brachte ihn aus dem normalen Zwei-Wochenenden-Rhythmus. Daraufhin entschieden wir uns, das Debüt der B-Spezifikation vorzuziehen, das eigentlich für Rennen fünf geplant war. Wir beschleunigten alle notwendigen Prozesse, um diesen wichtigen Schritt gehen zu können. Die frühere Premiere hat allerdings wahrscheinlich zur Folge, dass wir das Triebwerk etwas konservativer einsetzen, um keine Kompromisse in punkto Zuverlässigkeit einzugehen. Fernando wird den RS26-B erstmals beim Grand Prix von Europa auf dem Nürburgring fahren, so wie es auch ursprünglich geplant war.