Nach einer langen Winterpause eröffnen wir die Saison der sieben S mit den Schlüsselfaktoren für den Großen Preis von Bahrain. Wer startet wo? Wie könnte der Start verlaufen? Wie müssen die Autos abgestimmt sein? Wie wird das Wetter? Und welche Spannungsmomente erwarten uns? Lesen Sie selbst...
1. S wie Startaufstellung
Zum ersten Mal seit einigen Jahren beziehen heute 22 Fahrer in 11 Startreihen ihre Positionen. Während ganz hinten der Finne Kimi Räikkönen seinem erneuten Pech nachtrauert, stehen ganz vorne die beiden Ferrari von Michael Schumacher und Felipe Massa. Damit besetzen zum ersten Mal seit Ungarn 2004 zwei rote Boliden die erste Startreihe.

Dahinter kommen die beiden Favoriten Jenson Button für Honda und Fernando Alonso für Renault. Erst in Reihe 3 findet sich mit Juan Pablo Montoya der beste McLaren-Pilot wieder. Neben ihm startet Rubens Barrichello. Die Top10 komplettieren Mark Webber, Christian Klien, Giancarlo Fisichella und Nick Heidfeld.
2. S wie Start
Wie üblich stellt der Start einen entscheidenden Moment des Rennens dar: Und das nicht nur, weil es der erste Start dieses Jahres ist. Angesichts der Rückkehr der Reifenwechsel, könnten die Überholmanöver auf den Start und die Boxenstopps beschränkt werden. Umso wichtiger ist es gleich zu Beginn einige Plätze gut zu machen.
Michael Schumacher plant unterdessen die beiden Spitzenplätze zu verteidigen. Jenson Button und Fernando Alonso werden es sich hingegen auf die Fahnen geschrieben haben, ihrem jeweiligen Ruf als Raketenstarter gerecht zu werden und das Ferrari-Duo zu sprengen oder sie sogar am Start zu überholen.

Einige Reihen weiter hinten, könnten die Toro Rosso Piloten das erhöhte Drehmoment ihrer V10-Motoren nutzen und einige Fahrer am Start kassieren. BMW-Motorsportdirektor Mario Theissen befürchtete zumindest vor dem Qualifying, dass die Toro Rosso beim Start durchaus zwei Plätze gutmachen könnten.
Das gleiche Ziel verfolgen Ralf Schumacher und vor allem Kimi Räikkönen. Dieser nimmt seinen unverschuldeten Fehlstart in das neue Qualifying gelassen hin: "Ich habe ja Erfahrung darin, mich von hinten nach vorne zu kämpfen", scherzte der ansonsten wortkarge Ice Man. Im letzten Jahr hat er einige Male bewiesen, wie gut er sich nach Motorwechseln und Strafversetzungen nach vorne kämpfen kann.
3. S wie Setup
Der Bahrain International Circuit fordert die Motoren stark. Mit 70 Prozent Vollgasanteil gehört die Strecke zu den fünf anspruchsvollsten der Saison. Bei der zu erwartenden Hitze tritt der Effekt des so genannten "Acoustic Offset" auf. Das bedeutet, dass mit höheren Temperaturen auch das Drehzahlniveau steigt, bei dem die Motoren ihre maximale Leistung entwickeln. Pro 10 Grad Celsius gehen die Techniker von einem Ansteigen des Leistungszenits um 300 Touren aus.

Dieser Effekt wurde bislang weitgehend durch die variablen Ansaugkanäle ausgeglichen. Da die seit dieser Saison nicht mehr erlaubt sind, müssen die Teams die Außentemperaturen sehr viel akkurater vorhersagen und in die Auslegung der jeweiligen Ansaugtrakte mit einberechnen. Die Länge der Ansaugtrichter muss exakt berechnet werden, um die maximale Leistungsausbeute zu erzielen.
Die größte Gefährdung für das Innenleben der Triebwerke besteht im Ansaugen von Sandpartikeln, was sich verheerend auf Kolben, Kolbenringe und Ventile auswirken würde. Deshalb setzen die Teams spezielle Luftfilter ein. Auch wenn deren Materialien etwas an Leistung kosten, überwiegt der positive Effekt für den Schutz des Motors.
Wie bei jedem Hitzerennen kommt auch in Bahrain der Motorkühlung größte Bedeutung zu. Ein V8-Triebwerk stellt wegen der geringeren Leistungsabgabe in dieser Hinsicht zwar theoretisch niedrigere Ansprüche als ein V10. Dafür liegt die durchschnittliche Drehzahl über eine Runde sowie der Volllastanteil signifikant höher. Wie immer stellt das optimale Kühlniveau einen Kompromiss aus der mindestens erforderlichen Kühlleistung und möglichst geringen aerodynamischen Einbußen durch größere Kühlöffnungen dar.
Aber nicht nur die Motoren leiden in Sakhir. Auch die Bremsen werden übermäßig stark gefordert - die Strecke ist nach Kanada der härteste Kurs zu den Bremsen. Drei Mal pro Runde verzögern die Fahrer aus über 300 km/h bis in den ersten oder zweiten Gang. Überdies folgen zwischen den Kurven 4 und 13 die Richtungswechsel extrem schnell aufeinander, so dass die Bremsen kaum Zeit bekommen abzukühlen. Dies kann zur Oxidation der Bremsscheiben führen. Um das zu verhindern, werden in Bahrain die größten Kühllufteinlässe der gesamten Saison gefahren.

Um beim Beschleunigen am Ausgang der langsamen Kurven ein Übersteuern zu vermeiden, muss das Auto gut ausbalanciert sein. Dasselbe gilt für die Stabilität in Bremszonen, besonders beim Anbremsen der Kurven 10 und 13, wo die Piloten noch während des Bremsens einlenken. Die Herausforderung besteht darin, beim Setup einen Kompromiss zu finden zwischen stabiler Balance in schnellen Kurven und tendenziell "weicher" Aufhängung in den langsamen Abschnitten, wo mechanischer Grip gefragt ist. Um dies zu erreichen, werden Gummiblöcke verwendet, die den Einfederweg des Autos begrenzen. Bei hohen Geschwindigkeiten - wenn der aerodynamische Abtrieb das Auto herunterdrückt - "sitzt" das Chassis fest auf diesen Gummis. Bei geringeren Geschwindigkeiten hat die Aufhängung dagegen genügend Spielraum zum Arbeiten.
4. S wie Strategie
Seit diesem Jahr sind sie wieder da: Die Reifenwechsel. An sich stellt der Kurs keine besonderen Anforderungen an die Reifen, doch die Ingenieure beobachten den Verschleiß der Hinterreifen sehr genau, da diese beim Beschleunigen nach langsamen Kurven über die Distanz stark gefordert werden.
Da den Teams insgesamt nur 7 Reifensätze für das gesamte Wochenende zur Verfügung stehen, mussten die Fahrer während der Trainings und des Qualifyings mit ihren Pneus haushalten, wenn sie im Rennen noch genügend frische Gummis zur Verfügung haben wollen.
Dieser Rundegeiz brachte aber auch Nachteile mit sich: "In den freien Trainingssitzungen gestern und heute wurde so wenig gefahren, dass wir viel weniger Informationen als früher haben", sagt Renault-Chefrenningenieur Pat Symonds. "Wer fährt schwer los, wer leicht? Völlig unmöglich, das akkurat vorherzusagen."

Wie alle Teams rechnet Renault, dass seine Fahrer auf einer "guten" Strategie unterwegs sind. Wie viele Stopps die Teams einlegen werden, ist daher nur schwer zu sagen. Sowohl zwei als auch drei Stopps erscheinen möglich. "Fest steht aber vor allem, dass das Rennen völlig offen ist, und das gilt sogar, ohne dass wir die Frage der Zuverlässigkeit in den ersten Saisonrennen berücksichtigen."
5. S wie Sonntagswetter
Auf das erste Regenrennen der Saison braucht heute niemand zu setzen. Die Wüste von Bahrain bleibt am Renntag zu 100% von Regenschauern verschont. Dafür werden zum Start um 14:30 Uhr Ortszeit Temperaturen um die 22 Grad erwartet. Der bereits heute böige Wind kann bis zu 33 km/h erreichen und die Luftfeuchtigkeit wird den Wetterfröschen zufolge über 40% betragen. Die Fahrer können sich schon einmal auf ein heißes Rennen und die Motoren auf eine heiße Schlacht vorbereiten.
6. S wie Speed
Mit seinen langen Geraden bietet der Bahrain International Circuit durchaus gute Stellen für Überholmanöver. Dabei haben Piloten wie Christian Klien oder Kimi Räikkönen im Vorjahr - übrigens bei einem der spannendsten Rennen der Saison - bewiesen, dass man auf dem BIC entgegen dem allgemeinen Trend sehr wohl überholen kann.
Dies wird sich auch mit den etwas leistungsschwächeren V8-Triebwerken nicht ändern. Ein Blick auf die Top-Speed-Tabelle zeigt, dass gleich vier verschiedene Teams und Motorenhersteller unter den Top-4 der Geschwindigkeitswertung im Qualifying lagen. Die Top-Speed-Könige sind weiterhin die Renault, aber Ferrari und BMW liegen beinahe gleichauf.
| Platz | Fahrer | Top-Speed |
| 1. | Fernando Alonso / Renault | 305,0 |
| 2. | Michael Schumacher / Ferrari | 304,8 |
| 3. | Jacques Villeneuve / BMW | 303,7 |
| 4. | Juan Pablo Montoya / Mercedes | 303,4 |
| 5. | Giancarlo Fisichella / Renault | 302,9 |
| 6. | Tonio Liuzzi / Cosworth V10 | 300,3 |
| 7. | Jenson Button / Honda | 300,1 |
| 8. | Felipe Massa / Ferrari | 299,5 |
| 9. | Nick Heidfeld / BMW | 299,5 |
| 10. | Mark Webber / Cosworth | 298,9 |
| 11. | Kimi Räikkönen / Mercedes | 298,4 |
| 12. | Nico Rosberg / Cosworth | 298,4 |
| 13. | Scott Speed / Cosworth V10 | 298,0 |
| 14. | Ralf Schumacher / Toyota | 297,9 |
| 15. | Rubens Barrichello / Honda | 297,8 |
| 16. | Christian Klien / Ferrari | 297,0 |
| 17. | David Coulthard / Ferrari | 295,4 |
| 18. | Christijan Albers / Toyota | 294,8 |
| 19. | Tiago Monteiro / Toyota | 293,8 |
| 20. | Jarno Trulli / Toyota | 293,0 | 21. | Yuji Ide / Honda | 284,2 |
| 22. | Takuma Sato / Honda | 283,5 |
7. S wie Spannung
Ferrari ist zurück an der Spitze, Renault und Honda liegen als Favoriten der Wintertests direkt dahinter und McLaren Mercedes scharrt mit den Füßen. Davon abgesehen würden auch BMW Sauber, Red Bull Racing & Co gerne mit einem guten Ergebnis in die neue Saison starten.
Und dann wäre da noch die Scuderia Toro Rosso, die zwar im Qualifying nicht so stark in Erscheinung getreten ist, im Rennen aber durchaus wieder eine Überraschung darstellen könnte. Mario Theissen und Norbert Haug trauen den Jungbullen sogar einen Podestplatz zu! Damit rechnet Theissen noch nicht einmal für sein BMW Sauber Werksteam.
Aber nicht nur das unbekannte Kräfteverhältnis sorgt im ersten Saisonrennen für jede Menge Spannungsmomente. Die ungewisse Standfestigkeit der neuen V8-Motoren bei einem so anspruchsvollen Rennen wie auf dem Wüstenkurs, könnte gerade zu Saisonbeginn eine hohe Ausfallquote und damit viele Überraschungen mit sich bringen. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass die überlebenden V8 eine Woche später auch noch die Hitzeschlacht von Malaysia überstehen müssen!



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