Leise ist er, der Schnee. Nur von Rieseln kann hierzulande keine Rede sein. Der Blick über den Schreibtisch zum Fenster hinaus offenbart ein Bild, das in Ansätzen an einen Fernseher mit Empfangsstörungen erinnert: Das komplette Sichtfeld ist von einem unaufhörlich gen Boden strömenden weißen Flockenmeer überzogen.
Die Straßen? Weiß. Die Autos? Weiß. Die Häuserdächer? Schneeweiß. Hätte sich Aguri Suzuki wie einst Toyota für eine deutsche Heimat seines japanischen Rennstalls entschieden, dann würde man seine weißen Autos unter freiem Himmel mangels farblich hervorgehobener Sponsorenflächen schon nach wenigen Minuten nicht mehr ausmachen können.

Bei so viel Schnee ist es nur gut, dass es schon bald nach Bahrain geht. Jedenfalls dann, wenn das winterliche Wetterchaos nicht zu einer Absage aller Flüge in die rettende Wüste führt. Einmal im Insel-Königreich angekommen, sind zwar Hotelzimmer so teuer wie andernorts Kleinwagen und so rar wie hier und heute eine vom Schnee befreite Fahrbahn, doch das Schlimmste was einem dort drohen kann, ist ein Sand- und kein Schneesturm.
Den Red Bull-Verantwortlichen dürften weder unliebsame Sandkörner noch aufdringliche Schneeflocken ein Dorn (oder besser gesagt eine Dose) im Auge sein: Denn bei RBR geht es 2006 hoch hinaus!
Damit sind aber nicht die ehrgeizigen Pläne und Zielsetzungen der beiden Red Bull-Teams gemeint. Mit dem Update der heiß geliebten Energy Station auf angeblich drei Etagen sowie der Errichtung des "Tree House" genannten Büro-"Komplexes" auf den Dächern zweier Renn-Trucks, stehen die Bullen spätestens ab dem Europa-Auftakt im wahrsten Sinne des Wortes über allem und allen anderen.
Die F1-Teams tendieren heutzutage aber nicht nur an der Rennstrecke zu Energy Stations, Tree Houses und Motorhome-Palästen wie dem McLaren Communication Centre. Auch bei den Fabriken herrscht ein Trend zu monumentalen Bauwerken vor.
Während sich Super Aguri mangels finanzieller Mittel in der alten Arrows-Fabrik einmieten und zur Verschönerung der verstaubten Hallen womöglich ein deutsches TV-Team einer der inflationär im Programm auftretenden Heimwerkersendungen anfordern musste, hat sich Ron Dennis schon vor einiger Zeit den Traum vom Eigenheim erfüllt.
Auf das ehemals Paragon getaufte McLaren Technology Centre folgt jetzt die Fulcum. Was sich anhört wie ein falsch buchstabierter Kampfjet, soll möglicherweise eines Tages die neue Heimat des Prodrive F1-Teams von David Richards werden.

Möglicherweise? Ja, möglicherweise. Denn wer weiß schon heute, ob er in zwei oder drei Jahren tatsächlich einen F1-Rennstall gründen möchte? Also lässt man vorsorglich schon jetzt eine F1-taugliche Fabrik bauen. Besonders interessant an dieser wahrhaftigen Investition in die Zukunft, ist die Tatsache, dass Richards 2008 nur in die F1 einsteigen will, wenn Max Mosley mit seinem Kostensenkungskreuzzug erfolgreich sein sollte. Das Motto der Fulcum lautet demnach: Erst bauen, dann schauen.
Das einschlägige Motto der Wintertests ist hingegen schon seit Jahrzehnten: Ab in den Süden! In diesem Jahr halfen aber auch Tests auf den entlegendsten Strecken Südspaniens nichts. Der Regen und sogar Schnee holten die Teams überall ein - egal ob in Jerez, Valencia, Barcelona, Mugello oder Fiorano.
Angesichts dieser (Un)Wetterverhältnisse in Südeuropa war es alles andere als ein großer Schock, dass MF1 Racing und Super Aguri bei ihrem letzten Shakedown ebenfalls mit Wassertropfen und Schneeflöckchen zu kämpfen hatten. In Silverstone ist schlechtes Wetter eben immer in der Streckenmiete inbegriffen.
Mit solchen Widrigkeiten müssen sich die erstmals seit 2002 elf F1-Teams unter der heißen Sonne des Mittleren Ostens am nächsten Wochenende nicht herumplagen. Den Zurückgebliebenen in der verschneiten Heimat bleibt derweil zu wünschen, dass Frau Holle irgendwann die Arme schwer werden oder Max ihr aus Kostensenkungsgründen ein Schneelimit auferlegt.



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