Für Gabriel Bortoleto steht die Rückkehr mit der Formel 1 nach Brasilien an diesem Wochenende unter dem Zeichen der Traumabewältigung. Im Vorjahr war der Audi-Fahrer nach einer hervorragenden Rookiesaison beim Heimspiel in Interlagos komplett von der Rolle. Highspeed-Crash im Sprint, im Rennen das Aus in Runde eins. Der Druck vor dem heimischen Publikum zwang den Paulista in die Knie. Zwölf Monate später soll ihm das nicht noch einmal passieren.
"Es bedeutet mir sehr viel, gerade nach dem vergangenen Jahr. Das war natürlich kein ideales Wochenende. Mein Unfall hier war sehr heftig, und wenn du bei deinem ersten Heimrennen so einen Crash hast, ist das nie schön – noch dazu vor deinem ganzen Land", sagt der 22-Jährige, der 2025 als gefallener Held aus seiner Heimatstadt Sao Paulo abreiste. Die Lehren aus diesem Versagen waren eindringlich.
Gabriel Bortoletos Formel-1-Wochenende von Monstercrash im Sprint ausgehebelt
"Wahrscheinlich, mit meinen Emotionen umzugehen, wenn ich in meinem eigenen Land fahre", so Bortoleto, der 2025 seit acht Jahren der erste brasilianische Stammfahrer in der Formel 1 war und von diesem Gefühl übermannt wurde. "Normalerweise kann ich damit ziemlich gut umgehen. Du fährst überall auf der Welt Rennen, aber normalerweise nicht vor Hunderttausenden Brasilianern, die dir an der Strecke zuschauen. Wenn du dann dort im Auto sitzt, fühlt sich das einfach anders an."
Im Sprint crashte er in der letzten Runde mit 57 g bei der Anfahrt auf Turn 1, als er hinter Alex Albon auf teilweise noch feuchter Strecke aus dem Windschatten zog und beim Schließen des DRS die Kontrolle verlor. Das Team baute sein Auto für das Rennen wieder auf. Im Zweikampf mit Lance Stroll kam er in der ersten Runde von der Strecke ab und schlug ein. Rückblickend war es für ihn das ein Resultat seiners Übereifers.
"Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich glaube, meine Emotionen haben im vergangenen Jahr vielleicht ein bisschen zu sehr die Kontrolle übernommen. Einige Dinge, die ich gemacht oder versucht habe, haben vielleicht nicht funktioniert", erklärt er. "Aber daraus habe ich gelernt. Hoffentlich kann ich dieses Jahr ein bisschen mehr fahren und das Ganze auch etwas mehr genießen."
Rafael Camara leistet Gabriel Bortoleto in Interlagos Gesellschaft
Dieses Jahr lasten die Hoffnungen der brasilianischen Fans auch auf seinen Schultern. Mit der Blitz-Beförderung von Rafael Camara ins Haas-Cockpit infolge der Entlassung von Esteban Ocon stehen erstmals seit Felipe Massa und Felipe Nasr 2016 wieder zwei Brasilianer im Grid. "Ich würde nicht sagen, dass es einsam war. Es gibt schließlich noch 21 andere Fahrer. Sie kommen zwar nicht aus demselben Land wie ich, aber mit vielen von ihnen fahre ich schon mein ganzes Leben lang Rennen", sagt Bortoleto.
Auf die Ankunft seines alten Weggefährten aus Go-Kart-Tagen freut er sich aber besonders: "Ich finde es sehr gut, dass Rafa jetzt in der Formel 1 ist. Er hat es verdient. Für mich sollte es in der Formel 1 darum gehen, die talentiertesten Fahrer im Feld zu haben. Meiner Meinung nach gehört er hierher. Es ist schön, noch einen Brasilianer dabei zu haben – jemanden, mit dem ich auch über Dinge sprechen kann und der meine Welt innerhalb der Formel 1 versteht."
Spezialhelm für Interlagos: Hommage an Ayrton Sennas ersten F1-Sieg in Brasilien
Bei seinem zweiten Heimrennen in der Formel 1 spielen die Emotionen für Gabriel Bortoleto aber natürlich trotzdem wieder eine Rolle. Er hat sich für das 20. von 23 Saisonrennen ein spezielles Helmdesign kreieren lassen, bei dem Ayrton Senna im Fokus steht. "Das Einzige, was ich ihnen gesagt habe, war, dass ich Senna zu Ehren dieses großartigen Rennens vor 35 Jahren Tribut zollen möchte", so der Audi-Pilot.
Im Jahr 1991 gewann Ayrton Senna im McLaren-Honda MP4/6 im achten Anlauf endlich seinen Heim-Grand-Prix. Die letzten Runden musste er dabei mit einem kaputten Getriebe überstehen, das im sechsten Gang feststeckte. "Ich habe das Rennen nicht komplett gesehen, aber ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie er das geschafft hat. Das muss unglaublich schwierig gewesen sein. Es zeigt einfach, was er während seiner gesamten Karriere geleistet hat. Er hat so viele außergewöhnliche Dinge geschafft, bei denen man teilweise bis heute kaum erklären kann, wie er das damals gemacht hat", sagt Camara.
Beide wurden über zehn Jahre nach Sennas Tod geboren, doch in Brasilien ist der Volksheld immer noch allgegenwärtig. "Er ist mein Idol. Ich bin damit aufgewachsen, zu Hause Geschichten über ihn zu hören. Mein Vater war definitiv einer seiner größten Fans. Wenn du jeden Tag zu Hause von jemandem hörst, wird diese Person für dich irgendwann zu einem Helden", so Bortoleto. "Deshalb haben wir ihn auf den Helm genommen, mit diesem berühmten Bild, auf dem er die Trophäe hochhält. Es ist wirklich schön und hoffentlich bringt es mir an diesem Wochenende Glück."



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