Seit dem Großen Preis von Mexiko hängt der Haussegen bei Ferrari mächtig schief. So mancher Experte im F1-Paddock glaubt, dass das Pulverfass in Rot demnächst explodieren könnte. Laut Christian Danner, der Charles Leclerc und Lewis Hamilton in die "Nicht-Nett-Schublade" steckt, braucht Ferrari lediglich eine starke Hand in der Teamführung - ähnlich wie einst Niki Lauda bei Mercedes. Dem Ferrari-Duo macht der ehemalige F1-Pilot keine Vorwürfe.

"Man kann keinen Fahrer dafür bestrafen, dass er attackiert – das ist schließlich der Sinn der Sache", sagt Danner. Das sieht auch Carlos Sainz so, der von 2021 bis 2024 an der Seite von Leclerc bei der Scuderia fuhr, ehe er durch den siebenfachen Weltmeister Lewis Hamilton ersetzt wurde. "Das gehört einfach zur Formel 1 dazu. Wenn du Teamchef bist und weißt, dass du zwei großartige Fahrer hast, wirst du dieses Problem immer haben. Ich glaube nicht, dass man diese beiden Jungs jemals zu 100 % beruhigen und erwarten kann, dass sie eine Chance auf einen Rennsieg ungenutzt lassen", meinte der Spanier.

Ferrari-Duo im Zweikampf beim Heimrennen
Beim Heimrennen in Monza lieferte sich das damalige Ferrari-Duo ein beinhartes Duell, Foto: IMAGO/HochZwei
Charles Leclerc gegen Carlos Sainz in Monza
Die Ferrari-Führung sah diese Bilder nicht gern, griff aber auch nicht ein, Foto: IMAGO/PanoramiC

Formel-1-Teamkollegen: Sainz hält Zoff für unvermeidbar

In den gemeinsamen vier Jahren kam es auch zwischen Carlos Sainz und Charles Leclerc auf der Strecke immer wieder zu hitzigen Momenten. Beim Großen Preis von Spanien 2024 beschuldigte Sainz den Monegassen beispielsweise, "zu viel zu jammern", nachdem er bei einem Überholmanöver Leclerc touchiert hatte. Noch deutlicher eskalierte die Situation beim Las Vegas GP 2024: Leclercs Funkverkehr nach dem Rennen bestand aus einem Schwall von Fluchwörtern, die von den TV-Verantwortlichen überpiepst werden mussten. Was war passiert?

Nach einem Overcut beim zweiten Boxenstopp schob sich Leclerc kurz vor seinen Teamkollegen Sainz. Um die Reifen auf der Outlap nicht direkt wieder durch einen teaminternen Zweikampf zu überlasten, mahnte die Box zur Vorsicht. Über Funk versicherte man dem Monegassen: "Wir haben Carlos gesagt, dass er nicht überholen soll. Er wurde angewiesen, dich nicht unter Druck zu setzen." Doch Sainz setzte auf der Gegengeraden direkt zur Attacke an und zog vorbei. Leclerc schimpfte wutentbrannt am Funk: "Vielleicht solltet ihr es ihm mal auf Spanisch sagen!"

Die Kommunikation mit Sainz war allerdings zweideutig verlaufen: Er hatte lediglich die Anweisung erhalten, seinen Teamkollegen "nicht unter Druck zu setzen" - ein explizites Überholverbot wurde ihm gegenüber nicht ausgesprochen. Trotz der Härte auf der Strecke betont Sainz das grundlegende Fundament zwischen den beiden: "Ich habe Charles immer respektiert, und er hat mich auch immer respektiert. Wir hatten nie schwerwiegende Kollisionen oder dergleichen. Wir haben uns einfach harte Duelle geliefert."

Die Frage nach dem Respekt warf auch Teamchef Fred Vasseur nach der Eskalation zwischen Hamilton und Leclerc in Mexiko auf. Mehr dazu in diesem Artikel:

Auch beim Ferrari-Heimrennen in Monza 2023 schenkten sich die beiden nichts: Mehrere aggressive Attacken von Leclerc führten zu ebenso harten Defensivmanövern von Sainz. Damals ignorierte ein aufgeheizter Leclerc die Bitten aus der Boxengasse, möglichst ohne Risiko zu agieren, und fuhr Sainz in der letzten Runde beim Anbremsen der ersten Kurve beinahe ins Heck. Für Sainz sind solche Vorfälle im Kampf an der Spitze unvermeidbar.

Leclerc vs. Hamilton - Danner: "Grund-Frust gegen Riesen-Ego" (10:37 Min.)

Das Formel-1-Dilemma mit zwei Top-Fahrern

"Mir fällt kein F1-Team mit zwei starken Fahrern an der Spitze ein, bei dem es im Kampf um Siege keine Reibereien gab. Man kann sich eben aussuchen, ob man einen klaren zweiten Fahrer als Nummer zwei will oder ob man zwei starke Fahrer haben möchte, die diese Reibereien eben mit sich bringen. Meiner Meinung nach kann man das eine nicht ohne das andere haben, und das wird sich auch nie ändern", betonte der Spanier. Ein viel größeres Problem sei bei Ferrari das Umfeld mit dem enormen Medienrummel und den hochemotionalen Fans.

"Ich kann mich erinnern, dass ich ein bisschen darunter gelitten habe, wenn mich Hardcore-Fans von Charles beleidigten oder mir Schlechtes gewünscht haben. Es gab auch einige italienische Medien, die schrieben, ich sei nicht gut genug", erinnert sich Sainz an seine Zeit in Maranello. Doch egal wie emotionsgeladen es auf und abseits der Strecke zuging: Zwischen ihm und Leclerc hätten sich die Wogen stets noch am selben Abend geglättet, sobald man sich "mit klarem Kopf angerufen" habe. "Wir haben es immer geschafft, eine Lösung und einen gemeinsamen Weg zu finden", unterstrich Sainz.

Vor dem Brasilien GP wurden Leclerc und Ehefrau Alexandra Eltern! Wie das Baby heißt, erfährst du in diesem Artikel. Wir gratulieren Familie Leclerc herzlichst: