Mit Gabriel Bortoleto und Rafael Camara sind am Wochenende beim Grand Prix von São Paulo erstmals seit zehn Jahren wieder zwei Brasilianer in der Formel 1 am Start. Vor ihm gaben bereits sechs Brasilianer ihr Debüt beim Brasilien-GP, darunter unter anderem der legendäre Ayrton Senna. Für den Nachfolger des bei Haas rausgekickten Esteban Ocon kommt das Debüt vor seinen Landsleuten völlig überraschend. Entsprechend knapp fällt die Vorbereitung aus. Die Rennstrecke in Interlagos ist ihm trotz Heimvorteil völlig unbekannt. Einzig der Ferrari-Simulator rettet ihn vor dem Sprung ins ganz kalte Wasser.
"Ich hätte niemals erwartet, mein erstes Formel-1-Rennen ausgerechnet hier in Brasilien zu bestreiten. Wir sind schon fast am Ende der Saison, deshalb rechnet man nicht wirklich damit, hier sein erstes Rennen zu fahren", erklärt der 21-Jährige, der eigentlich fest davon ausgegangen war, sich in den letzten Monaten des Jahres voll und ganz auf seinen Titelkampf in der FIA Formula 2 konzentrieren zu können. Nach der Entlassung von Esteban Ocon ging es Schlag auf Schlag. "Die Vorbereitung war natürlich nicht die normale Vorbereitung, sagen wir es so. Ich war bereits hier in Brasilien, als ich die Nachricht bekommen habe."
Brasilianischer Formel-1-Neuling tauscht Ferrari-FP1 gegen Haas-Renncockpit
Camara ist der 34. brasilianische Fahrer in der Geschichte der Formel 1. Erstmals seit 2016, als Felipe Massa und Felipe Nasr die Fahnen der Motorsportnation in der Königsklasse hochhielten, ist das Land wieder mit zwei Teilnehmern vertreten. Im Gegensatz zum Großteil der bisherigen brasilianischen F1-Vertreter stammt er allerdings nicht aus dem Raum São Paulo. Geboren in Recife im brasilianischen Bundesstaat Pernambuco, ist er der erste Formel-1-Fahrer aus dem Nordosten des Landes.
Die Traditionsrennstrecke von Interlagos ist für ihn aber nicht nur deshalb völliges Neuland. Bereits 2018 trat Camara in der CIK-FIA Kart-Weltmeisterschaft an, 2022 ging es in die Formel 4 nach Europa. "Es wird das erste Mal sein, dass ich hier fahre – und dann gleich in einem Formel-1-Auto. Es ist schon ziemlich lange her, dass ich überhaupt in Brasilien Rennen gefahren bin. Das letzte Mal war, glaube ich, im Go-Kart hier in São Paulo", so der Rookie.
Sein großes Glück: Ferrari hatte für das Wochenende auf dem Autodromo Jose Carlos Pace schon mit ihm geplant. "Ich habe noch Simulatorarbeit bei Ferrari gemacht, denn ich sollte hier das FP1 fahren", sagt Camara, der wie sein Teamkollege Oliver Bearman seit 2022 zur Ferrari Driver Academy gehört. "Das war einige Tage, bevor ich nach Brasilien gekommen bin. Ich bin hier zwar noch nie gefahren, aber wir hatten die Simulator-Session, deshalb denke ich, dass es mit drei Trainingssessions schon passen sollte. Darauf kann man dann aufbauen."
Rafael Camara gibt sich vor erstem Formel-1-Rennen abgeklärt
Seinen Platz im Ferrari SF-26 von Charles Leclerc übernimmt im 1. Freien Training stattdessen Dino Beganovic. Für Camara und Haas ist das F1-Debüt ein vorgezogener Shakedown für 2027, nachdem Camara von Haas erst Mitte Oktober als zukünftiger Teamkollege von Oliver Bearman bekanntgegeben wurde. Bei einem TPC-Test im Haas VF-25 in Portimão hatte er sich im August beim Shootout um das Cockpit durchgesetzt. Den VF-26 ist er allerdings noch nie gefahren.
"Es wird definitiv kein einfaches Wochenende. Es gibt sehr viele Dinge zu lernen, an die ich mich anpassen muss. Ich möchte das Wochenende einfach so beenden, dass ich mit mir zufrieden sein kann", sagt er. "Es wird mein erstes Mal mit diesem Auto sein, deshalb gibt es sehr viele Dinge zu verstehen und einen ganzen Prozess, den ich durchlaufen muss. Ich möchte es einfach genießen und das Beste aus dieser Situation machen."
Die Aufmerksamkeit in Brasilien versucht er dabei so gut wie möglich auszublenden. "Ich möchte keine großen Erwartungen schüren", so Camara, der sich mit dem Interesse an seiner Person nicht beschäftigt: "Ich denke, das sollte kein Problem sein. Was andere Leute sagen oder was dort draußen passiert, war für mich eigentlich noch nie ein großes Thema. Ich versuche immer, mich auf mich selbst und auf die Dinge zu konzentrieren, die ich kontrollieren kann. Was außerhalb dessen passiert, liegt nicht wirklich in meiner Hand."
Muss Rafael Camara seinen Formel-2-Titel für die nächsten F1-Rennen opfern?
Als amtierender Meister der FIA Formula 3 stieg Camara erst diese Saison ins Unterhaus der Königsklasse auf. Vor den letzten beiden Rennwochenenden in Katar und Abu Dhabi führt er die Gesamtwertung mit sieben Punkten vor Red Bull-Junior Nikola Tsolov an. Doch was wird jetzt nach der vorzeitigen Beförderung in die Formel 1 aus seinen Chancen auf den Formel-2-Titel? "Ich denke, das ist etwas, worüber wir nach diesem Wochenende sprechen werden und dann schauen wir, wie es in Zukunft weitergeht. Im Moment möchte ich darüber eigentlich nicht wirklich diskutieren", blockt er bei diesem Thema ab.
Gabriel Bortoleto rät seinem Landsmann, so kurz vor dem Ziel in der Formel 2 nicht hinzuschmeißen. "Einen Titel wie den in der Formel 2 – und auch in der Formel 3 – hinter seinem Namen stehen zu haben, gerade wenn man bedenkt, dass das nur wenige Fahrer im ersten Jahr geschafft haben, ist etwas, auf das man sehr stolz sein kann", so der Audi-Fahrer, dem selbiges gelang. "Natürlich ist es wichtig, in der Formel 1 zu fahren. Aber wenn du bereits einen Vertrag für die nächste Saison unterschrieben hast, wie es bei ihm der Fall ist und damals auch bei mir war, als ich noch um meine Meisterschaft gekämpft habe, dann finde ich den F2-Titel schon ziemlich cool. Ich bin froh, dass ich damals in der Formel 2 geblieben bin und mein Ding durchgezogen habe."
Oliver Bearman freut sich nach Ocon-Rausschmiss auf neuen Teamkollegen
Für Oliver Bearman lief das Formel-1-Debüt 2024 ähnlich ab. In Saudi-Arabien sprang er kurzfristig für Carlos Sainz ein, der wegen einer Blinddarm-OP ausfiel. Allerdings hatte er auf dem schwierigen Stadtkurs von Jeddah nur ein FP3, um sein erstes Grand-Prix-Wochenende zum Erfolg zu führen. "Ich glaube, es wird sehr hilfreich sein, Ollie dabei zu haben. Er hat bereits sein erstes Jahr absolviert und immer einen guten Job gemacht. Von ihm kann ich definitiv lernen. Ich kann mir anschauen, was er macht, daraus Dinge für mich herausziehen und versuchen, sie selbst umzusetzen", sieht Camara im Teamkollegen die richtige Messlatte.
Für den wiederum ist der Shooting-Star der Formel 2 der optimale Sparringspartner. "Als ehrgeiziger Mensch und Rennfahrer willst du jemanden neben dir haben, der dich auf das nächste Level treibt. Das ist definitiv der beste Weg, um das Maximum aus dem Team herauszuholen", so der Brite. "Es ist natürlich ungewohnt, Esteban nicht hier zu haben, und die Situation ist für alle Beteiligten schwierig. Er tut mir wirklich leid. Aber die Situation ist kompliziert und die Dinge haben sich verändert. Das Positive ist jetzt zumindest, dass wir Rafa bei diesen Rennen im Auto haben und uns dadurch als Team gleichzeitig auf das nächste Jahr vorbereiten."



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