"Wenn du freie Fahrt hättest, wie viel schneller könntest du sein?" – Die Antwort von Isack Hadjar auf die Frage seines Renningenieurs Richard Wood während des Aserbaidschan GP ließ aufhorchen: "Nur zwei oder drei Zehntel, aber ich bin glücklich dort, wo ich bin, ehrlich gesagt. Sonst verlieren wir nur Zeit."
Wie bitte?? Fast jeder Formel-1-Pilot hätte an dieser Stelle reflexartig beteuert, deutlich schneller als der Teamkollege fahren zu können - völlig ungeachtet dessen, ob es der Realität entspricht. Von Hadjar, der in der Formel 2 als Hitzkopf bekannt wurde, folgte kurz darauf lediglich ein kühles: "Ich habe Pace, nur für den Notfall."
Solche Aussagen wird man niemals aus dem Mund eines Max Verstappen hören. Gleichzeitig sind es jedoch genau jene Qualitäten, die Red Bull Racing von dessen Teamkollegen erwartet. "Es war überragend, was Isack an diesem Wochenende gezeigt hat - wirklich überragend. Es zeigt, wie clever der Junge fährt, wie viel mentale Kapazität er beim Fahren entwickelt und wie gut er seine Emotionen im Griff hat", lobte Teamchef Laurent Mekies seinen zweiten Fahrer überschwänglich.

Verständlich. Aus Sicht von Red Bull Racing hätte man es mit Hadjar nicht besser treffen können - was nicht zuletzt seine jüngste Vertragsverlängerung unterstreicht. In der Vergangenheit spekulierten wir Journalisten zu diesem Zeitpunkt der Saison regelmäßig darüber, wer künftig an der Seite von Verstappen im zweiten Cockpit sitzen würde. Doch 2026 ist die Dynamik eine andere, was maßgeblich an Hadjar liegt. Abgesehen von seiner verletzungsbedingten Pause blieb es rund um den 22-Jährigen in dieser Saison bemerkenswert ruhig.
So seltsam es klingen mag: Im Red-Bull-Universum ist das das größte Kompliment, das man einem Piloten machen kann. Es erfordert eine immense mentale Stärke, sich von Verstappen nicht zerstören, vernichten oder auffressen zu lassen. Allessamt Beschreibungen, die mit Verstappens früheren Teamkollegen Pierre Gasly, Alex Albon, Liam Lawson oder Yuki Tsunoda einhergingen. Hadjar hingegen scheint verstanden zu haben, wie er sich innerhalb jener Parameter bewegt, die in Milton Keynes erwartet werden. Im Qualifying gilt ein Rückstand von maximal drei Zehntelsekunden auf Verstappen als Zielwert.
Zieht man den Durchschnitt der bisherigen Saison heran - unter Berücksichtigung von Startplatzstrafen (wie etwa in Miami oder Belgien) - liegt Hadjars Abstand bei rund zwei Zehnteln. In Aserbaidschan gelang ihm in Q3 sogar ein historischer Vorsprung von 0,581 Sekunden auf Verstappen. Das letzte Mal, dass ein Teamkollege Verstappen im Qualifying mehr als eine halbe Sekunde abnahm, liegt sieben Jahre zurück (Kanada 2019). Auch wenn Verstappen in Baku mit der Motorleistung kämpfte, kann Hadjar in dieser Saison noch weitere interne Qualifying-Erfolge vorweisen.
Noch wichtiger für Red Bull: An allen Rennwochenenden, an denen Hadjar bis zu seiner Verletzung teilnahm, schaffte er es ins Q3. Er liefert ab, wenn Verstappen aus technischen oder strategischen Gründen keine Punkte einfahren kann – wie etwa Monaco, wo Hadjar den RB22 nach einem frühen PU-Schaden Verstappens souverän auf das Podium stellte. In Baku unterstrich er letztlich den für Red Bull entscheidenden Faktor: Er akzeptiert seine Rolle als Verstappens Wingman.
Ein kurzes Funkkommando in Baku - "Verstappen ist das Auto hinter dir. Denk dran, Rennzeit ist unsere Priorität" - genügt, und Hadjar setzt die Vorgabe um. Wie schwer ihm das mitunter fallen mag, ließ sich daran erahnen, wie nah er Verstappen auf der Start-Ziel-Geraden zeitweise kam. Doch das Ergebnis stimmt: Red Bull Racing feierte in Baku das erste Doppelpodium seit April 2024.



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