Oliver Bearman ist für die Formel-1-Saison 2027 bei Haas gesetzt. Der Ferrari-Junior ist offiziell zwar noch nicht bestätigt, er soll aber über eine Option für das kommende Jahr verfügen, seine Leistungen sind fraglos stark und ein besseres Cockpit befindet sich für ihn ohnehin nicht auf dem Markt. Der Verbleib ist also nur eine Formalität.
Interessanter wird es bei der Suche des US-Teams nach einem Teamkollegen für den Briten. Denn im Gegensatz zu Bearman ist man bei Haas von den Leistungen von Esteban Ocon schon seit der zweiten Hälfte des letzten Jahres alles andere als angetan. Gerüchte um eine vorzeitige Ablöse im Mai erwiesen sich zwar als Humbug, aber nach dem Ende der laufenden Saison ist es alles andere als sicher, ob er weitermachen darf.
Fünfkampf um einen Formel-1-Stammplatz bei Haas
Haas befindet sich aktuell noch in einem länger angelegten Evaluierungsprozess für das zweite Cockpit und nutzt dafür fleißig TPC-Ausfahrten. Wer die besten Karten hat, lässt sich Teamchef Ayao Komatsu nicht entlocken. Im Rahmen des Madrid-GPs nannte er allerdings eine konkrete Zahl der Anwärter. "Wir befinden uns in einer glücklichen Situation. So viele Fahrer haben ein Interesse an unserem Cockpit. Fünf sind es", zählte er nach.
Namen wollte Komatsu keine nennen. Um wen es sich handelt, ist aber kein Geheimnis, denn Haas nutzt seine 2025 gewonnenen Testfahrten-Ressourcen fleißig für Shootouts. Bei einem regnerischen TPC-Test Ende August in Portimao wechselten sich Leonardo Fornaroli, Rafael Camara und Ryo Hirakawa am Steuer des VF-25 ab. In der kommenden Woche bekommt dann auch noch Haas-Reserve Jack Doohan einen eigenen TPC-Einsatz in Jerez. Wären also schon vier Kandidaten abgedeckt und der fünfte ist mit Ocon der derzeitige Cockpit-Inhaber.
Interessanterweise handelt es sich dabei um fünf Fahrer mit gänzlich unterschiedlichem Hintergrund. Der amtierende Formel-2-Champion Fornaroli ist McLaren-Junior, während Camara im Nachwuchsprogramm von Haas-Motorpartner Ferrari untergebracht ist. Doohan hat bereits sieben Rennen F1-Erfahrung aus seiner Alpine-Zeit, die im Vorjahr ein unschönes Ende nahm. Ocon kommt mit neun Jahren Formel 1 ohnehin aus einer anderen Erfahrungskategorie.
Hirakawa hingegen ist mit 32 Jahren schon eine erfahre Kraft im internationalen Motorsport. Der Le-Mans-Sieger von 2022 fährt für Toyota in der WEC und kommt deshalb auch über die Japaner zu seiner Ersatzfahrer-Rolle bei Haas. Als Quereinsteiger in gehobenem Rennfahrer-Alter hat er wohl die schlechtesten Voraussetzungen für einen Formel-1-Einstieg, auch wenn er nun bereits mehrere Jahre bei verschiedenen F1-Teams Testrollen innehatte.
Ayao Komatsu: "Performance kommt an erster Stelle"
Komatsu stellte klar, dass Zugehörigkeiten zu einem Topteam keine zentrale Rolle im Auswahlprozess spielten. "Die Performance kommt immer an absolut erster Stelle", stellte er klar. "Wir wollen einfach zwei schnelle Fahrer, denn das ist der beste Weg, um dieses Team nach vorne zu bringen. Es ist egal, ob es zwei Ferrari-Fahrer, zwei Toyota-Fahrer oder zwei McLaren-Fahrer sind", betonte er.
Diese Partnerschaften und damit auch die verbundenen finanziellen Chancen für Haas sollen erst ein Thema sein, falls zwei Fahrer identische Performance abliefern. "Das Paket, das sie bieten, spielt eine Rolle, aber wir würden niemals jemanden nehmen, der drei Zehntel langsamer ist und irgendwie mit Toyota oder Ferrari in Verbindung steht oder fünf Millionen mehr mitbringt. Wir würden das nie tun", versichert der Haas-Teamleiter.
Dabei geht es vor allem um Camara, der in der Formel 2 im Titelkampf mitmischt und den Ferrari als Junior gerne in der Formel 1 sehen würde. Bei Haas würde die Scuderia den perfekten direkten Vergleich mit Oliver Bearman haben. Mit McLaren hat Haas keine direkten Beziehungen, aber Fahrerleihen sind in der Königsklasse nicht unüblich, zumal bei Team Woking in naher Zukunft kein Platz für Fornaroli frei werden wird.
Deshalb ist Geld für das Haas-Cockpit nur zweitrangig
Für Komatsu geht es bei seiner Prioritätensetzung nicht nur um die Performance an sich, sondern auch um die allgemeine Motivation im Team: "Hier arbeiten 400 Leute. Sie müssen wissen, dass wir die bestmögliche Fahrerpaarung haben, die wir bekommen konnten und zwei Fahrer das Beste aus dem Auto herausholen. Man stelle sich nur vor, wenn wir jemanden nehmen würden, der eine halbe Sekunden hinten ist, aber mehr Geld mitbringt. Das ist nicht sehr motivierend."
In der heutigen Zeit kann sich Haas diesen Luxus leisten, das war bei der Mannschaft nicht immer so. Komatsu hat sicher noch das Jahr 2021 im Kopf, als die Existenz des Teams in Frage stand und der damalige Teamboss Günther Steiner beide Cockpits nach kommerziellen Interessen vergab. Eines an Ferrari-Junior Mick Schumacher und eines an Oligarchen-Sohn Nikita Mazepin, für den gleich auch das ganze Auto in den russischen Farben erstrahlte.
Komatsu war damals noch als Engineering Director bei Haas und bekam die Situation aus nächster Nähe mit. Inzwischen ist das Team in der boomenden Formel 1 und mit dem Toyota-Geld gut abgesichert, auch wenn es seit der Erhöhung der Budgetdeckelung 2026 auf 215 Millionen US-Dollar (ca. 186 Mio. Euro) diese noch nicht erreicht.



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