Vor der Premiere des Großen Preises von Spanien auf dem brandneuen Madring herrschte in der Formel 1 Alarmstimmung: Nach Turbulenzen und unzähligen roten Flaggen in den Nachwuchsklassen rechneten viele Experten mit Chaos und einem Rote-Flaggen-Festival. Der Rennsonntag sah jedoch völlig anders aus - wenn auch nicht zwingend besser. Was als Chaosrennen angesagt war, entpuppte sich als zähe Prozessionsfahrt. Formel-1-Experte Christian Danner macht dafür vor allem zwei Aspekte verantwortlich.
"Dieses Rennen wurde uns ja als ein Platz nahe der Hölle verkauft. Aber es war am Ende eigentlich ziemlich fad", meint Danner in der neuesten Ausgabe des AvD-Motorsport-Magazins. "Erstens, weil man nicht überholen konnte und zweitens, weil natürlich wahnsinniges Reifenmanagement betrieben wurde."
Danners Madring-Mängelliste: Streckenlayout und Reifenmanagement
Aus Angst vor massivem Graining auf den frischen unbefahrenen Asphalt des Madrings fuhren die Piloten ein extremes Schonprogramm, wie Kimi Antonelli bereits davor befürchtete. Danner veranschaulicht die Intensität des Reifenmanagements am Beispiel George Russell: "Der Russell hat gegen Ende auf einmal aufgedreht und ist drei Sekunden schneller gefahren als die Spitze", analysiert der F1-Experte. "Das heißt, er hat die ganze Zeit einfach nur seine Position gehalten."
Die Reifen zu managen und damit einfach die Position auf der Strecke zu halten war aber nur so leicht möglich, weil das Layout des Kurses gepaart mit dem aktuellen Reglement wenige bis gar keine Überholmanöver zuließ. "Das einzig gute an diesem komischen neuen Reglement dieses Jahr war, dass man auf der Geraden gut überholen kann. Aber selbst das ging nicht", kritisiert Danner.
Lando Norris biss sich rundenlang die Zähne an Max Verstappen aus. Kimi Antonelli machte sich nicht einmal die Mühe, ein Manöver gegen Charles Leclerc, der ohnehin noch in die Box musste, zu starten. Dabei hätte der Kurs mit der 589 Meter langen Start/Ziel-Geraden und der 839 Meter langen Gerade nach der Hortaleza-Kurve theoretisch zwei Möglichkeiten dafür geboten. Doch genau das ist der springende Punkt: all dies ist nur theoretisch. Denn praktisch war es den Piloten unmöglich, an ihrem Vordermann vorbeizugehen, wenn dieser sich mittig auf der Strecke platzierte.
"Die Kritik an der Rennstrecke verstehe ich komplett, was aber nichts daran ändert, dass sie durchaus anspruchsvoll ist", so Danner. "Die Strecke hat einige Ingredienzien, die eigentlich sehr vielversprechend sind. Dass man im Ergebnis unmöglich überholen kann, ist natürlich ein Denkfehler."
Danners Vorschlag für die Zukunft: F1-Piloten involvieren
Die Strecke verfügt laut dem Formel-1-Experten also bereits über viel Potenzial, müsste aber einfach noch etwas nachgeschärft werden. "Das war ja ein sehr spanisches Projekt mit sehr viel Politik und finanziellen Interessen von bestimmten Parteien", erklärt Danner die Entstehung des Madrings. "Es ist alles einfach losgegangen und irgendwann hat man gemerkt, dass es doch schwieriger ist als gedacht."
Genau da kam Hermann Tilke ins Spiel: Als die Verantwortlichen merkten, wie komplex der Streckenbau war, wurde der deutsche Bauingenieur, der bereits an dreizehn Kursen des aktuellen Rennkalenders mitgewirkt hatte, engagiert. "Der Tilke ist jetzt auch nicht dafür bekannt, die spannendsten Strecken der Welt zu bauen, aber er weiß zumindest, wie es geht", meint Danner.
Deshalb sei es laut dem F1-Experten jetzt wichtig, die richtigen nächsten Schritte zu setzen und das Event in Spanien nicht gleich von Anfang an zu verteufeln. Der Madring bleibt der Formel 1 immerhin bis 2035 erhalten. "Das muss von der planerischen Seite, also von Tilke, am besten gemeinsam mit der GPDA und den Fahrern abgesprochen werden und dann lässt sich schon was verändern", ist sich Danner sicher. "Man muss einfach die guten Dinge packen."
"Der Kurs hat meiner Meinung nach nämlich gute Voraussetzungen und es hat schon was, direkt in der Nähe von Madrid so eine schöne Veranstaltung zu haben", sieht Danner auch die positiven Dinge. "Es muss aber nachgebessert werden und da schließe ich mich einem der Fahrer an, der gesagt hat, man muss die Fahrer ein bisschen mehr involvieren. Das ist nämlich gänzlich nicht passiert und dann entstehen eben solche Sachen."
Worüber Christian Danner in der neuesten Ausgabe des AvD-Motorsport-Magazins noch gesprochen hat und was er zum VSC in Madrid zu sagen hatte, das erfahrt ihr in diesem Video:



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