Insgesamt läuft zumindest in der Formel 1 dieses erste Wochenende in Madrid sehr ruhig ab. Es gibt daher auch gute Gründe, heute im Rennen nicht auf eine Chaos-Veranstaltung mit Safety Cars und Unterbrechungen zu wetten. Genau so eine ruhige Angelegenheit dürfte Lando Norris brauchen. Rein nach Pace scheint der McLaren nämlich nicht gut aufgestellt.
Norris vermochte seinen MCL40 am Samstag nur mit großer Anstrengung auf die Pole zu hieven. Die engen Schikanen und hohen Kerbs sind Gift für dieses Auto, und Norris begeisterte sein Team am Ende von Q3 mit einer Runde, in der er 21 von 22 Kurven perfekt erwischte und sich einen so riesigen Puffer auffuhr, dass er sogar in der letzten Kurve drei Zehntel verschenken und trotzdem Pole holen konnte.
Doch das war eine Runde eines Qualifying-Ausnahmekönners. Die 57 Runden heute im Rennen mag Norris von ganz vorn starten, und trotzdem ist seine Ausgangsposition diffizil. Die Probleme des McLaren sind nach wie vor da, und werden im Rennen um andere ergänzt. Das Auto kann Strecken nicht, auf denen die Vorderachse der limitierende Faktor ist und wo der Vorderreifen wegen glattem Asphalt Oberflächen-Graining erleidet.
Genau das ist das Problem in Madrid. Der neue Asphalt ist hier sehr glatt und hat zugleich sehr viel Grip. Das dadurch prinzipiell hohe Tempo lässt das Vorderreifen-Graining exponentiell steigen. Am Freitag war es für alle Teams ein massives Problem. Verschlimmert wird es dadurch, dass separat davon die Hinterreifen unter hitzebedingtem Verschleiß wegen der Highspeed-Kurven leiden. Einen Setup-Kompromiss zu finden ist schwierig.
Norris als Zugführer: Erlebt die Formel 1 heute ein Singapur-Rennen?
McLaren ist dabei im Hintertreffen. Norris verpasste FP2 wegen eines Getriebedefektes und fuhr keine einzige Runde im Renn-Trimm. Oscar Piastri haderte am Freitag ebenfalls mit kleineren Problemen, verriet das Team am Samstag. Da man im Kampf gegen die Defizite in den langsamen Kurven das Setup über das Wochenende hinweg auch stark umbaute, ist das heute ein Rennen ins Ungewisse für Norris.
Gewinnt er den Start, kann er aber womöglich eine klassische Singapur-Taktik anwenden. Das ist ein weiterer Stadtkurs, der oftmals hohen Reifenabbau zeigt, aber auf dem man nicht überholen kann. Wie auch nicht auf der neuen Strecke in Madrid. Hier ist es eng, und dann münden auch noch schnelle Passagen in seltsame gebogene Bremszonen. Um zu überholen, bräuchte es gerade Ausbremsgelegenheiten.
Die Singapur-Methode ist nun wie folgt: Da der Hintermann nicht überholen kann, nimmt der Führende einfach so viel Tempo raus wie vernünftig möglich. Was oftmals gut und gerne ein oder zwei Sekunden sein können. Dann bummelt man 30 Runden um den Kurs und streichelt die Reifen, bis man sich in das Boxenstopp-Fenster für eine Einstopp-Strategie gerettet hat. Gewonnen.
Rennen im Oma-Tempo: Kann Kimi Antonelli McLaren unter Druck setzen?
Bei Pirelli geht man auch am Samstag weiter davon aus, dass die Teams nämlich eine Einstopp-Strategie fahren wollen. Die Boxengasse ist hier zu lang, der Zeitverlust beträgt 24 Sekunden pro Stopp. Das ist in einer Region, in der die Teams üblicherweise absolut alles daran setzen, nur einmal an die Box zu kommen.
"Wahrscheinlich werden alle die ersten zehn Runden wie die Oma fahren", meint der Zweitplatzierte Kimi Antonelli. Trotzdem theorisiert er nach dem Qualifying: "Wir wissen nicht, wie der harte Reifen funktioniert, wie robust er ist. Wir könnten morgen zwei Stopps haben, drei Stopps, wir werden sehen. Schlüssel wird sein, im ersten Stint so viel wie möglich zu managen, ohne dabei Zeit zu verlieren."
Strategische Optionen gegen einen Einstopp-Bummler an der Spitze scheinen rar. Auf den meisten Rennstrecken kann man so ein Verhalten mit einem Undercut bestrafen. Aber in Singapur - und womöglich in Madrid - geht das nicht. Weil die Bummelei dazu führt, dass das Mittelfeld rundenlang den Anschluss hält.
Stoppt nun Antonelli auf P2 liegend früh, um auf eine aggressive Zweistopp-Strategie umzuschwenken und Undercut-Druck aufzubauen, so fällt er in das Mittelfeld zurück. Auf einer Strecke, auf der man nicht überholen kann. Verloren.
Formel 1 weiß nur sehr wenig über Madrid
Doch während das in Singapur altbekannte und bewährte Taktiken sind, will man sich in Madrid nicht so sicher sein. Einfach, weil die Strecke neu ist und allen die Erfahrungswerte fehlen. Auch beim Reifenverschleiß. Niemand schaffte wegen einer roten Flagge am Freitag in FP2 mehr als sechs Runden im Renn-Trimm.
Die Teams haben sich fast alle zwei Sätze Hard pro Fahrer aus Angst vor exzessivem Graining gespart. Aber ist das die richtige Wahl? "Im Fahrerlager gibt es aber einige Zweifel, ob der Soft weniger betroffen ist, was seltsam wäre", verrät McLaren-Teamchef Andrea Stella. "Aber wir haben dieses Jahr oft gesehen, dass es nicht unbedingt die steiferen Mischungen sind, die weniger Graining haben."
Auch das sah man in der Vergangenheit: Teams sparen sich aus Angst harte Reifen. Da jeder Fahrer nur zwei Sätze davon bekommt, fehlt dann der nötige Datensatz für kluge Entscheidungen. Plötzlich kippt das Rennen, weil etwas Unvorhergesehenes passiert, etwa der Medium sich als besserer Reifen herausstellt und Teams, die auf den unbekannten Hard wechseln, in eine desaströse Graining-Spirale fallen.
"Viel Information wird während des Rennens kommen, und wir werden unsere Entscheidungen anpassen", meint Stella. "Jeder wird sehr offen ins Rennen gehen." Je weiter man vom Plan abweichen muss, desto besser mag das für Max Verstappen, Lewis Hamilton und Charles Leclerc sein. Auf dem Papier ist Antonellis Mercedes aus den Top-5 nämlich das schnellste Auto.
Und dann gibt es da natürlich die unvermeidliche Frage nach Safety Cars und roten Flaggen. Arvid Lindblad, Lewis Hamilton und Oliver Bearman schrotteten ihre Autos in den Trainings. Im Qualifying blieben alle sauber. Auf diesen schnellen Stadtkursen ist im Rennen alles möglich. Beim Debüt von Baku 2016 rissen sich alle am Riemen, es gab keine Safety Cars. Beim Debüt von Jeddah 2021 warfen sie die Nerven weg, zwei rote Flaggen waren die Folge.



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