Die Formel 1 wurde im Qualifying von Madrid Zeuge einer dieser ganz seltenen, ganz besonderen Pole-Runden. "Das war eine der beeindruckendsten Runden, die ich je gesehen habe, und das sage ich als jemand, der sich seit 450 Grands Prix Telemetriedaten ansieht", beurteilt McLaren-Teamchef Andrea Stella die Leistung von Lando Norris, mit dem er aus dem Nichts Kimi Antonelli vom ersten Startplatz verdrängte. So schnell war die Runde, dass sie beinahe in einem Desaster endete.
"Ich Vollidiot!", verfluchte sich Norris nämlich erst einmal, als er über die Ziellinie gefahren war. Er hatte 21 unfassbare Kurven aneinandergehängt, und war vor dem letzten Bremspunkt drauf und dran, seine bisherige Bestmarke und fast eine ganze Sekunde zu unterbieten und sich die Pole mit über drei Zehnteln Vorsprung zu sichern. Dann bremste er zu spät.
"Ich denke, ich war im Auto einfach ein bisschen aufgeregt, habe es am Eingang übertrieben, und ich dachte, jetzt bin ich in der Wand", so Norris. Tatsächlich kein unbekanntes Phänomen auf diesen übermenschlichen Runden, die selbst Weltmeistern nur sehr selten auskommen. Max Verstappen reihte 2021 in Jeddah 26 perfekte Kurven aneinander, nur um das Auto am Ausgang von Kurve 27 zu schrotten.
Lando Norris entgeht dem Verstappen-Schicksal & übertrifft alle Prognosen
Norris verhinderte das um Zentimeter: "Zum Glück ist der Weg zur Ziellinie kurz." 11 Tausendstel rettete er über die Linie. Dass der Fehler überhaupt passierte, ist für Andrea Stella keine Überraschung: "Er hat den Preis dafür bezahlt, dass er eine Sekunde schneller war als auf allen anderen Runden. Die Reifen hatten viel mehr hergeben müssen, waren müde, und das hat Lando nicht bedacht und ist mit dem gleichen Schwung reingefahren wie in allen anderen Kurven."
Weder Norris noch sein Team hatten vorab schließlich so eine Zeit auf dem Zettel. Dass der McLaren langsame Kurven nicht kann, ist bekannt. Er ist nicht konstant, wenn man auf der Bremse in solche einfahren muss. Und wenn man einen Kerb trifft, ist das Verhalten unberechenbar. "An keinem Punkt an diesem Wochenende haben wir gezeigt, dass das Auto das beste Auto wäre", stellt Stella klar. "Für die Fahrer war es sehr schwierig, eine Runde hinzubekommen."
Für Norris wurde es noch schlimmer, weil er FP2 mit einem Defekt aussitzen musste. Er konnte geplante Setup-Änderungen zum Abmildern der Schwächen nicht testen, und natürlich zählt auf einer neuen Strecke jede Runde: "Für die subtilen Dinge. Die Bodenwellen. Wie stark kannst du ans Gas, wenn du neue Reifen hast? Wie nimmst du die Kerbs in der Schikane?"
Wie machte Lando Norris in der Pole-Runde den Unterschied?
Das musste Norris alles am Samstag lernen: "Es gab einige Kurven, wo ich recht genau wusste, was ich tun wollte. Die erste Schikane, die zweite Schikane, ich wusste, wo das Limit war. Ich kam nur noch nicht hin und konnte nicht so pushen, wie ich wollte." Im letzten Anlauf hielt er dann einfach rein.
Eineinhalb Zehntel holte Norris in der ersten Kurve. Die zweite Schikane war der erste große Sprung: "Die habe ich zum ersten Mal hinbekommen. Davor war ich immer etwas vorsichtig, und dann sind die Kerbs schon fast schlimmer. Also habe ich einfach auf das Beste gehofft, und es hat geklappt." Als er zur Rundenmitte die McLaren-feindlichen langsamen Kurven hinter sich hatte, war er fast eine Sekunde unter seiner vorherigen besten Durchgangszeit. Am Ende des zweiten Sektors lag er drei Zehntel vor Kimi Antonelli.
"Was diese Runde einzigartig macht, gerade wenn man auf die Telemetrie schaut, ist die Präzision, auf der Bremse, das Tempo, das er in die Kurve mitnimmt, wie er die Kerbs mitnimmt, wie er ans Gas geht", versucht es Stella zu beschreiben. "Alles ist mit einer ziemlich einzigartigen Präzision umgesetzt."
Andrea Stella sicher: Die Norris-Runde kann nicht wiederholt werden
So schaffte es Norris sogar in den McLaren-feindlichen ersten Schikanen und beim Überfahren der Kerbs, mit Mercedes mitzuhalten. Jede Kurve, jeder Kerb-Treffer, jede Landung nach jedem Kerb-Treffer saß. Daher ist sich Stella sicher, dass diese Runde nicht wiederholbar ist: "Wenn wir einen neuen Reifensatz ans Auto machen, gut, dann gewinnen wir drei Zehntel in der letzten Kurve, aber ich glaube nicht, dass wir das erneut sehen, was Lando in den 21 Kurven davor geschafft hat."
Für Norris waren diese 21 Kurven davor auch "einfach perfekt": "Wirklich, bis zu dem Punkt habe ich in jeder Kurve getan, was ich wollte, was ich plante." So kann Stella auch scherzen, als er auf Norris' Fluchen am Funk wegen der letzten Kurve angesprochen wird: "Ich würde sagen, für die Gefahr, dass er so eine unglaubliche Runde ruinieren hätte können, war das noch sehr zurückhaltend!"
Da die neue Strecke in Madrid nicht gerade zum Überholen einlädt, hat Norris jetzt McLaren wider Erwarten in Position für einen Sieg gebracht. Auch wenn Stella vor dem hohen Reifenverschleiß warnt: "Wir sind tendenziell anfälliger für Graining als unsere Konkurrenz." Da dieses Phänomen in Madrid bisher alle Teams beschäftigt, gilt es Aufpassen im Rennen.
Zwei Plätze hinter Norris überraschte auch Max Verstappen mit einer blitzsauberen Leistung, die am Freitag noch niemand erwartet hätte. Hat Red Bull aber beim Energiemanagement was falsch gemacht? Das sagt Verstappen zu seinem dritten Platz:



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