Die letzten Tage haben die Kalender-Ideen der Formel 1 einmal wieder nachhaltig in Verruf gebracht. Erst ein unfassbar langweiliges Rennen auf dem neuen Pseudo-Stadtkurs in Madrid, ein paar Tage später der 2027er-Kalender inklusive zehn Sprints, darunter in Monaco. Warum aber werden diese offensichtlichen Kritikpunkte vonseiten des F1-Managements ignoriert?

Eingangs hier ein paar Worte zur kommerziellen Struktur. Die kommerzielle Seite der Formel 1 liegt fest in der Hand des US-Konzerns Liberty Media und dessen Arm "Formula One Management" (FOM). FOM verhandelt Verträge mit Streckenbetreibern aus. In einfachsten Worten: Eine Strecke bezahlt Geld - durchaus auch über 50 Millionen Dollar pro Jahr - an FOM, und im Gegenzug verschifft FOM den F1-Tross für ein Rennen dorthin. Promoter-Aktivitäten vor Ort, etwa der Ticket-Prozess, obliegen der Strecke.

Strecken-Debakel & Überhol-Farce: Madrid schlimmer als Monaco? (49:50 Min.)

Formel 1 mag Wettkampf der Rennstrecken um die Grands Prix

Dass von Promotern erwartet wird, finanziell attraktive Gebote für Grands Prix abzugeben, ist kein Geheimnis. Deshalb ist FOM auch mit 24 Rennen und nur ausgewählten Sprints zufrieden. Das erzeugt künstliche Knappheit. Da es aktuell mehr als 24 Interessenten gibt, kann hier ein Bieter-Krieg für Slots und für Sprints angezettelt werden.

Beim Thema Sprints war F1-CEO Stefano Domenicali in den letzten Investor-Konferenzen von Liberty Media deutlich. 10 bis 12 Sprints sieht man als gute Balance, um die Knappheit aufrechtzuerhalten und die Gebote zu treiben. Die Promoter wollen schließlich Sprints, weil mehr Wettbewerbs-Sessions am Freitag und Samstag höhere Ticket-Preise rechtfertigen lassen.

Die steigenden Gebote machen es schwierig für historische Rundstrecken. In diesem Wettbieten sind jene mit viel Budget aufgestellt, die viel oder gar unlimitiertes Budget haben. Das sind etwa Länder, in denen die Formel 1 auch ein Prestige-Projekt ist, welches man sich mittels staatlicher Subventionen garantieren kann. Europäische Rundstrecken müssen hingegen ihr Angebot oft allein auf private Investments und die erwarteten Wochenend-Einnahmen ausrichten.

Wie kommen Formel-1-Interessenten zu mehr Geld?

Das führt zum zweiten großen Punkt. Wie kann eine Strecke entweder mehr Geld auftreiben, oder sich für FOM attraktiver machen? Von FOM-Seite ist man seit Jahren sehr offen, was Strecken liefern sollen. Da geht es nicht mehr nur um einen Batzen Geld im Austausch für ein Rennen. Man will heute Events mit Premium-Charakter schaffen.

Ein großes Drumherum mit Konzerten und der gleichen gehört inzwischen sowieso dazu. Außerdem sucht FOM immer kreativere Wege ins hochpreisige Segment. Mit dem "Paddock Club" und seinen sämtlichen artverwandten "F1 Experiences" macht man erst so richtig Geld. Tickets starten meist jenseits der 9.000 Euro und stoßen gut und gerne in Bereiche jenseits der 20.000 vor, für kuriose Ideen wie zum Beispiel eine Runde um die Strecke in einem Lastwagen mit Glaswand, während der man von einem Sternekoch bewirtet wird.

Der Paddock Club bei der Formel 1 in Silverstone
Paddock-Club-Gäste im mehrstöckigen Logen-Komplex, Foto: IMAGO / NurPhoto

Doch das Premium-Segment ist auf historischen Strecken oft schwierig zu vermarkten. Spa, Spielberg oder Silverstone sind tolle Strecken im Nirgendwo. Die Anreise ist schwierig, erstklassige Unterkünfte sind rar. Alle Beteiligten möchten näher an die Städte. Das löst diese Probleme. Das erweitert auch das Drumherum, vereinfacht Abendveranstaltungen, und so weiter. Schließlich spielen auch Teams und ihre Sponsoren eine Rolle. Sie nehmen oft viel Geld in die Hand, um Corporate-Partner einzuladen und zu bewirten.

Kommerziellen Wünsche der modernen Formel 1 verlangen nach einem Madrid

Nun kann man die großen ländlichen Rennstrecken nicht näher an Städte verlegen. Sie befinden sich aktuell in einem permanenten Überlebenskampf, um ihre Plätze zu rechtfertigen. Das zeigt gerade beispielsweise der Circuit of the Americas mit einer gigantischen Paddock-Club-Expansion hinter der ersten Kurve. Das kostet alles viel Geld.

Das neue Gebäude in der ersten Kurve von Austin
Der neue Paddock-Club-Tempel überragt die Strecke in Austin, Foto: IMAGO / PsnewZ

Hier kommen erst recht Städte ins Spiel. Wenn es Zuschüsse aus der öffentlichen Hand oder von Unternehmen gibt, dann sind die meist lokal. Eine ländliche Region kann hier nicht viel aufbieten. Bei einer Großstadt sieht das ganz anders aus. Der Tourismus-Effekt eines Grand Prix ist schließlich enorm.

Doch während man an Orten wie Baku einen Kurs mir nichts, dir nichts in die Innenstadt quetschen kann, ist das gerade in Europa - ob nun geographisch oder regulativ bedingt - schwierig. Und das ist der Moment, an dem sich alle umdrehen und ein paar Kilometer weiter einen Stadion-Parkplatz oder ein Messegelände finden. Solche Orte sind nah genug an der Stadt, um als "in der Stadt" durchzugehen, aber weit genug weg, um die logistischen Probleme zu vermeiden.

Das ändert nur nichts daran, dass diese Orte immer noch in Sachen Platz eingeschränkt sind. Ob das nun Autobahn-Unterführungen, Kreisverkehre oder Messehallen sind, man ist immer gefangen, wenn man eine Rennstrecke nicht mitten ins Nirgendwo baut.

Nun mögen die meisten sagen: Also geht es nur ums Geld? Und FOM mag dagegenhalten, dass man den Fans eine bessere Drumherum-Experience bieten möchte. Aber vor allem, weil man dann mehr dafür verlangen kann.