Ferrari holt in seinen Vorschau-Pressemitteilungen gerne etwas weiter aus. Vor dem Niederlande-GP ging es unter anderem um das 'achte Weltwunder', das Oosterschelde-Sturmflutwehr. Darum soll es hier nicht gehen, aber zumindest um ein Wunder: Die Neuauflage des Formel-1-Rennens in Zandvoort, die heute ihr Ende findet.
Dass die Formel 1 2021 nach Zandvoort zurückgekommen ist, liegt einzig und allein an Max Verstappen und dem Boom, den er in seiner Heimat ausgelöst hat. Aber ein Weltmeister und ein Boom reichen nicht, um einen Grand Prix zurückzubringen.
Da braucht es zunächst einmal eine Strecke. Die hatte man eigentlich schon. Schon in den 1950er Jahren wurden in Zandvoort Grands Prix ausgetragen, mit kleineren Unterbrechungen sogar recht regelmäßig bis 1985.
Zandvoort stemmt Mammut-Aufgaben für Formel-1-Comeback
Die Strecke an der Nordseeküste war aufgrund ihrer Charakteristik auch später unglaublich beliebt bei Fahrern, aber sie war nicht mehr Formel-1-tauglich. Sie erfüllte schlichtweg nicht mehr die modernen Sicherheitsanforderungen. In Ermangelung an Platz für Auslaufzonen galt es als unmöglich, die Strecke wieder fit für die Formel 1 zu machen.
Man fand aber einen cleveren Weg, indem man die Kurven 3 und 14 zu Steilkurven machte. So schaffte man es, den einzigartigen Charakter der Strecke beizubehalten, sie nicht für andere Rennserien zu ruinieren und gleichzeitig sicher zu machen. Ein Geniestreich, der für das Formel-1-Comeback nötig war.

Aber es war mehr nötig als nur das. Auch die Logistik stellte die Veranstalter vor eine immense Herausforderung. Das betrifft sowohl die Formel 1 an sich als auch die Fans. Die Formel 1 musste aufgrund des Platzmangels mit zwei getrennten Fahrerlagern leben. Direkt hinter den Garagen befinden sich die Ingenieurs-Trucks und die Ersatzteillager, ein paar hundert Meter weiter stehen die Hospitalitys der Teams.
Weil Zandvoort mitten in einem Naturschutzgebiet liegt, bedarf es sogar spezieller Bunker, in denen Benzin und Öl gelagert werden. Die Infrastruktur der Strecke reicht nicht einmal aus, um den Formel-1-Tross sinnvoll zu ihren Arbeitsplätzen zu bringen. Viele Beschäftige - darunter auch wir Journalisten - müssen vier Kilometer vom Fahrerlager entfernt parken.
Die normalen Fans dürfen erst gar nicht mit dem Auto nach Zandvoort fahren. Das ist allerdings ein kleineres Problem als gedacht: Die Niederländer kommen in Massen mit dem Fahrrad und mit dem Zug. Das funktioniert einigermaßen gut. Bei schlechtem Wetter wie in diesem Jahr sind die Züge aber schnell überlastet. Aber Zandvoort hat gezeigt, dass man sogar mit einer eigentlich nicht vorhandenen Infrastruktur 100.000 Menschen an die Strecke bringen kann.
Zandvoort avanciert in der Verstappen-Ära zum Volksfest-GP
Als der erste GP der Neuzeit 2021 ausgetragen wurde, war die Kapazität noch wegen Corona beschränkt. Die Stimmung aber war sensationell. An die Fans wurden orangene Umhänge verteilt, das ganze Areal glich einem riesigen Volksfest. Sogar die Marshals trugen die Umhänge.

Max Verstappen konnte sich nicht einmal zwischen den beiden Fahrerlagern hin und herbewegen. Mit einem kleinen Elektro-Mobil von Red Bull wurde er rumgefahren und gefeiert wie der Papst in seinem Papamobil. Es waren irre Szenen.

Dass der spätere Weltmeister sein Heimrennen auch noch gewann und das Kunststück in den nächsten Jahren zweimal wiederholte, machte das Märchen perfekt. Aber trotzdem ging der Boom zurück. Noch immer verkauften die Veranstalter alle Tickets, aber nicht mehr so leicht. In den letzten Jahren gab es auch kurz vor dem Wochenende noch Karten - zu Beginn unvorstellbar.
Die unvermeidliche Realität hat Zandvoort heute eingeholt
Das Rahmenprogramm auf der Strecke zählt nicht unbedingt zu den üppigsten. Nur zwei Jahre lang bekamen die Fans auch die Formel 2 zu sehen, zuletzt mussten sie sich mit dem Porsche Supercup und der F1 Academy zufriedengeben. Die Rennen der Formel 1 strotzten aufgrund der Streckencharakteristik nicht gerade vor Action. Zum Abschied in diesem Jahr gab es einen Sprint, der aber alle daran erinnerte, wie überholfeindlich die Strecke tatsächlich ist.
Zandvoort überkam viele Hindernisse, aber letztlich nicht die finanzielle Realität. Strecke, Logistik und Co.: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg, das hat man gezeigt. Aber beim Geld gibt es in der Formel 1 keine Kompromisse. Wer die Formel 1 will, muss eine mittlere zweistellige Millionensumme auf den Tisch legen, sonst lässt Stefano Domenicali den Tross nicht anrücken.
Das Geld muss der Veranstalter mit Ticketverkäufen refinanzieren. Weil es in den Niederlanden - ähnlich wie in Deutschland - keinen Cent aus öffentlichen Geldern gibt, sind die Veranstalter darauf angewiesen, alle Tickets an den Mann zu bringen, um nicht defizitär zu werden.
Selbst bei bester Auslastung blieb nicht so viel übrig, wie man sich denken könnte. Viel mehr als 100.000 Menschen haben an der kurzen Strecke nicht Platz. Die Kapazität wird von der Streckenlänge und Auflagen gedeckelt. Auch der Platz für die teuren VIP-Plätze fehlt im Vergleich zu anderen Rennen. Damit wird heutzutage das große Geld verdient.
Und dann schwebte auch noch die Zukunft von Max Verstappen wie ein Damokles-Schwert über dem GP. Als die Entscheidung getroffen wurde, den GP nicht mehr auszutragen, war ein möglicher Abschied des Superstars nicht so akut wie vor seiner kürzlichen Vertragsverlängerung. Aber dass er nicht ewig fahren wird, ist auch klar. Aus wirtschaftlicher Sicht ist das Risiko für den Veranstalter nicht vertretbar. Und so holt das Wunder von Zandvoort schließlich doch die Realität ein. Wenn man so will, hatte Deutschland zumindest hier mal wieder eine Vorreiterrolle...



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