Die Fassungslosigkeit stand George Russell am letzten Formel-1-Wochenende in Belgien deutlicher denn je ins Gesicht geschrieben. Vor dem Rennen in Ungarn hatte er nur wenige Tage, um sich nach dem erneuten Batterie-Horror und der niederschmetternden Enttäuschung mental auszurichten. Mercedes will die Probleme endlich erkannt haben. Für den Fahrer bedeutet das wieder einen neuen Fokus. Wochenlange Arbeit am Fahrstil war für die Katz.

"Damit fällt eine riesige Last von mir ab, auch wenn ich fahre. In Silverstone und dann den Großteil des Freitags und des Samstags in Spa habe ich darüber nachgedacht, wie ich fahren muss, damit die Power Unit auf den Geraden schnell ist - wie ich ans Gas gehe, welche Gänge ich nutze, wie früh ich Vollgas fahre", erklärt Russell, der an den beiden vergangenen Rennwochenenden ein regelrechtes Energie-Martyrium durchlebte. Unerklärliche Defizite beim Straightline-Speed trieben ihn Session für Session zur Verzweiflung.

Auf der Suche nach Antworten stellte der 28-Jährige all seine Gewohnheiten und sein Naturell hinter dem Lenkrad in Frage. Ein Irrweg, den er sich rückblickend hätte sparen können. "Die Daten schienen uns scheinbar die Gründe zu liefern, aber wie sich herausstellte, war das nicht der Grund. All die Anstrengungen über drei Sessions, mein Fahren auf diese neue Technik zu optimieren, waren für nichts. Ich freue mich jetzt darauf, dieses Wochenende endlich wieder den Fokus darauf legen zu können, schnell zu fahren. Ich kann mich auf die einfachen Dinge konzentrieren, und dann performe ich am besten."

George Russell relativiert Funk-Ausraster: Nichts gegen das Team

In Spa erreichte das Energie-Drama am vergangenen Sonntag schon nach wenigen Metern seinen Höhepunkt, als Russell erst durchgereicht und dann von Lewis Hamilton abgeschossen wurde. Daraufhin platzte ihm der Kragen. "Das bin nicht ich gegen das Team. Wir sitzen alle im selben Boot", relativiert Russell seinen Ausraster am Funk. "Natürlich kochen die Emotionen ziemlich hoch, wenn man gerade aus dem Rennen gekickt wurde und schon in der ersten Runde im Kiesbett steht - vor allem wenn man bedenkt, was bis zu Kurve fünf alles vorgefallen ist."

Nach dem Rennen stellte auch Toto Wolff ohne Umschweife klar, dass die Power Units von Mercedes in Spa nach dem Start nicht nur bei Russell ein Problem mit der Leistungsabgabe hatten. "Wir hatten unsere Schwierigkeiten, herauszufinden, woher es kommt. Aber Spa gab uns eine wirklich gute Gelegenheit, zu sehen, wo das Problem liegt. Und als das Team in diesem Bereich nachgeschaut hat, haben sie ein Problem festgestellt", erklärt Russell. Damit sollte die Angelegenheit für Ungarn gelöst sein. "Das glauben wir, ja."

Mercedes im Daten-Labyrinth der Formel-1-Power-Unit

Seit Silverstone stellte Russell die Leistung seiner Power Unit vehement in Frage. "Wir waren uns nicht zu 100 Prozent sicher, was das war. Es gab in Silverstone ja Beispiele, als wir Schwierigkeiten hatten und dann gab es in Silverstone auch welche, wo es in Ordnung war", so der momentane WM-Dritte. "Aber diese Autos und diese Power Units sind so komplex, du kannst nicht jeden einzelnen winzigen Paramter checken, es gibt da so viele." Nach Wochen des Rätselratens und der Suche scheint es nun eine definitive Antwort zu geben.

"Im Grunde waren es Zahlen auf einem Bildschirm, die nicht ganz richtig kalibriert waren. Es ist nicht so, dass die Hardware fehlerhaft ist oder es ein Problem mit der Hardware gibt. In Spa gab es auch zwei Probleme. Das Deployment war über die gesamte Runde hinweg nicht ganz optimal", erklärt Russell. "Das war eines meiner Probleme, aber dazu kam noch etwas anderes. Es hing alles damit zusammen, dass die Kalibrierung nicht ganz stimmte. [...] Wir wissen jetzt, welche Zahlen möglicherweise nicht korrekt waren. Wir können das beheben, rekalibrieren und dafür sorgen, dass die Power Unit ihr volles Potenzial ausschöpft."

George Russell will in Ungarn an seine Siegform anknüpfen

Mit dem Kopf frei von Selbstzweifeln und dem Vertrauen ins Team, will Russell die vergangenen Wochen der Misserfolge vergessen machen. "Ich hatte nach Barcelona und Österreich gutes Momentum, besonders nach Monaco. Das war ein Tiefpunkt in meiner Saison und in Barcelona die Pole zu holen und P2, dann in Österreich Pole und Sieg - da fühlte ich, dass ich einen guten Schwung aufbaue. Das wurde in Silverstone und Spa unterbrochen. Ich hoffe, dass ich jetzt hier weitermachen kann, wo wir in Österreich aufgehört haben", sagt er.

Ähnlich wie am Red Bull Ring rechnet er allerdings auch in Budapest mit starker Konkurrenz von Ferrari. "Wir wissen, dass dies eine der Strecken ist, auf der die Motorleistung am wenigsten ins Gewicht fällt. Ferrari ist nah an uns dran. Im Moment ist das Chassis bei ihnen besser als die Power Unit. Von allen Rennstrecken kann man hier also erwarten, dass sie konkurrenzfähig sein werden."