Mit dieser Bestzeit schickte Kimi Antonelli am Abend im 2. Training bei der Formel 1 in Österreich erst einmal ein Warnsignal an die Konkurrenz. McLaren fehlten zwei bis drei Zehntel, Max Verstappen fünfeinhalb, Lewis Hamilton und George Russell schon sechs. Wird es in Spielberg gar einfach für den WM-Leader? Die Trainings-Analyse von Motorsport-Magazin.com ermittelt, warum der Rest so schwach war.
Denn es ist nicht allein ein starker Antonelli, auch wenn das sicherlich eine Rolle spielt. Antonelli spulte das Programm am Freitag souverän herunter. Nichts zeigt das deutlicher als der Vergleich mit dem Teamkollegen. Wenn der Mercedes so überlegen ist wie in Antonellis Händen, dann bräuchte es George Russell für ein spannendes Rennen. Aber wo ist Russell?
George Russells Desaster-Training: Reichen die Fehler als Ausrede?
Im 1. Training war Russell noch auf vier Hundertstel an Antonelli dran gewesen, ehe die Lücke in FP2 auf 0,597 Sekunden explodierte. "Das war eine Runde, ich bin nicht besorgt ", hält Russell gegenüber Motorsport-Magazin.com danach den Ball flach. "Es war ein Fehler. Sollte alles in Ordnung sein."
Antonelli hatte aber in FP2 auf dem Soft-Reifen zwei Qualifying-Simulationen gefahren. In beiden hängte er Russell brutal ab. Auf Russells erstem Versuch entglitt ihm die Balance im letzten Sektor. Auf dem zweiten verbremste er sich schon in der ersten Kurve. Ein dritter Versuch war mit diesem Bremsplatten dann eigentlich wertlos, der Mercedes lenkte damit nicht mehr ein.
Russells Fehler-Argument hinkt nur insofern etwas, da er selbst auf seinem ersten Versuch relativ zu Antonellis vergleichbarer Runde schon durch Kurve 3 auch ohne Bremsplatten gute zwei Zehntel verlor, und eine weitere durch die letzten Kurven im Mittelsektor. Relativ zu Antonellis bester Runde ist der Verlust noch höher. Hier kann sich Russell nur nicht auf einen Fehler berufen.
Wenn sich Russell an etwas klammern kann, dann ist das ein guter Longrun auf Medium. Hier war er praktisch gleich schnell wie Antonelli. Nur läuft Russell bei der schwachen Qualifying-Performance Gefahr, von der Konkurrenz aufgegabelt zu werden, und erst einmal steckenzubleiben, wenn es im Rennen losgeht, während Antonelli vorne flüchten kann.
McLaren wieder erster Mercedes-Jäger - wieder falsches Bild?
Denn die Longruns unterstreichen: Der Mercedes ist Stand Freitag in Österreich das überlegene Auto. Russell und Antonelli waren im Schnitt vier Zehntel pro Runde schneller als Lando Norris. Der sorgt dafür, dass der McLaren auch im Renn-Trimm den Freitag als erster Mercedes-Verfolger beendet. Norris und Oscar Piastri waren die einzigen gewesen, die auch im Qualifying-Trimm auf unter eine halbe Sekunde an Antonelli rangekommen waren.
Mercedes will McLaren mit dem Verweis auf die Hitze-Stärke gleich wieder starkreden. Doch McLaren hat den Freitag in Barcelona noch gut im Kopf. Dort hatte Norris sogar die Trainings-Bestzeit gefahren. Interessanterweise ist das Spielberg-Bild dem von Barcelona ähnlich: Norris und Piastri sind im Training langsam auf den Geraden, gewinnen in den Kurven im Mittelsektor etwas Zeit zurück.
In der Vergangenheit implizierte sowas bei gleicher Power Unit eigentlich McLaren-Vorteil. Doch in Barcelona relativierte sich das Bild schon bis zum Qualifying nicht. Bei McLaren sieht man also keinen Grund, davon auszugehen, dass das hier anders sein wird. "Mercedes findet immer sehr viel Pace von Freitag auf Samstag", unterstreicht Piastri.
Red Bull mischt gegen McLaren im Longrun mit
McLarens deutlicher Rückstand im Longrun deutet auch auf keinen klaren Vorteil dank der Hitze hin, wie man ihn in Miami gehabt hatte. Aber man findet sich im Kampf um den ersten Platz des ersten Antonelli-Jägers mit Russell wieder. Und mit Max Verstappen. Der einen aerodynamisch generalüberholten und außerdem mit leichteren Bauteilen nun deutlich weniger übergewichtigen Red Bull sowohl in Quali-Sim als auch im Longrun auf Platz vier stellte.
Red Bulls Freitag ist grundsätzlich ein positives Signal. Auf eine Runde hatten die Fahrer vor allem ein großes Problem: Irgendwas macht das Team beim Motor-Management vor allem in Kurve 3 falsch, das Auto fällt hier in ein brutales Drehzahlloch. Im Longrun schon nervig, und auf eine Runde drei Zehntel teuer. Sollte man das in den Griff bekommen, ist Verstappen sofort bei den McLaren dabei.
Obendrauf hat man das Update-Paket noch nicht aussortiert, meint Technik-Chef Pierre Wache: "Nicht ganz. Was wir vom Paket sehen, ist in Sachen Gewicht und Abtrieb definitiv besser. Aber das genaue Abtriebsniveau sehen wir heute am Abend und morgen in der Früh." Beide Fahrer beklagten teils schwierige Balance, machten aber in FP2 schon einen deutlichen Schritt nach vorn.
Und wo ist in Österreich dann Ferrari?
Das alles stellt Ferrari zwei Wochen nach dem ersten Sieg der Saison plötzlich ins Abseits. Obwohl man in Österreich auch noch mit einem Motor-Update nachgelegt hatte. Das allerdings, so beteuert das Team weiterhin, sicher kein Gamechanger sein soll. Dass Spielberg nun für die Scuderia allgemein ein schwieriges Pflaster sein könnte, war vor dem Wochenende schon zu befürchten gewesen, und scheint sich bisweilen zu bewahrheiten.
"Die Höhe, die Streckentemperaturen, die Lufttemperaturen", verweist Teamchef Fred Vasseur auf Umweltfaktoren. Mit Barcelona - wo man bis Samstag einen großen Turnaround schaffte - sei das nicht vergleichbar, meint Charles Leclerc: "Sag niemals nie, aber am Freitag in Barcelona gab es ein paar Elemente, anhand denen wir einiges an Performance finden können. Hier ist es momentan ein Kampf."
Fundamental fehlt den Fahrern das Grip-Gefühl, und damit finden sie keine Rundenzeiten. "Ich denke, in Sachen eigentlichem Reifenabbau sind wir in keiner schlechten Position", summiert Leclerc, "vielleicht sind wir nach 20 Runden schnell. Aber die 20 Runden davor sind nicht gut." Noch sieht es wie eine schwierige Angelegenheit aus für Ferrari - aber immerhin hält Lewis Hamilton auch auf eine Runde noch den Anschluss.
Es kann also durchaus enger werden. Nach sehr hohem Reifenabbau nimmt die Formel 1 auch in Spielberg nämlich auf Kurs zu zwei Stopps, was höchstwahrscheinlich über Nacht noch Setup-Umbauten verlangt. Viele Teams, besonders McLaren, fuhren schon am Freitag sichtlich untersteuernde Setups, um die Hinterachse zu schützen. Pirelli warnt aber davor, die Last auf der Vorderachse in schnellen Kurven zu vernachlässigen. Das kann das Kräfteverhältnis also noch ändern.
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