Seit 2021 wird in der Formel 1 der Einsatz erlaubter Aerodynamik-Ressourcen für Teams im Verhältnis zu ihrer Position in der Konstrukteurs-WM limitiert. Wer gut abgeschnitten hat, darf im Jahr danach bzw. in der zweiten Saisonhälfte weniger Zeit im Windkanal und mit CFD-Tools verbringen, wer schlechter abschneidet, bekommt etwas Unterstützung in Form von verhältnismäßig mehr Aerodynamik-Ressourcen.

Dieses Sliding-Scale-System macht auch keine Ausnahme für Regelumbrüche, in denen man ja automatisch weniger Know-how aus den erfolgreichen Jahren mitnehmen kann. Davon ist als amtierender Konstrukteurs-Weltmeister McLaren natürlich automatisch am stärksten betroffen. Sie dürfen nur 70 Prozent der Referenzmenge nutzen, Alpine als Letzter und Cadillac als Neueinsteiger 115 Prozent.

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McLaren: Weniger Windkanal-Zeit kein großes Problem

Das ist faktisch betrachtet ein klarer Nachteil für die Papayas. McLaren-Chefdesigner Rob Marshall erklärte aber im April, dass sich dieser Nachteil kaum bemerkbar mache, und ganz im Gegenteil sich aus einem anderen Blickwinkel sogar als Vorteil auswirken kann. "Jeder Außenstehende glaubt immer, dass es ein großes Problem ist, wenn man beschränkt wird. Am Anfang fühlt man sich ein bisschen benachteiligt, aber diese Beschränkungen sind eigentlich kein so großes Problem", räumt Marshall mit diesem Glauben auf.

Das gilt jedenfalls unter der Annahme, dass man die Windkanal-Zeit anschließend auch richtig strukturiert. Denn laut Marshall entstehe dadurch nur eine Priorität, dass man unter einer langen Liste an möglichen Weiterentwicklungen die richtige Vorselektion trifft. "Es bedeutet, dass man einfach die Dinge nicht machen muss, die einen nicht schneller machen. Man muss nur sicherstellen, dass man weiß, was das ist", bricht er es vereinfacht herunter.

Sind zu viele Aerodynamik-Tests nur Zeitverschwendung?

Seine grobe Linie dazu beschrieb der McLaren-Techniker auf diese Art: "Wenn man es intelligent und auf die richtige Art angeht, dann denkt man methodisch darüber nach, was man machen will, indem man schaut, was man auf dem aktuellen Entwicklungspfad lernen will, oder was deine Ziele sind."

"Man macht sich einfach nicht die Mühe, Dinge zu tun, die sich nicht lohnen", fasst er zusammen. McLaren darf beispielsweise im aktuellen Halbjahr nur 224 Windkanal-Durchläufe durchführen bzw. 56 Stunden mit höherer Windgeschwindigkeit absolvieren und insgesamt 280 Stunden im Windkanal verbringen. Bei den direkten Konkurrenten in Form von Mercedes sind diese Kontingente schrittweise höher, während Cadillac und Alpine etwa 368 Durchläufe bzw. 92 Hochgeschwindigkeits-Stunden und eine Betriebsdauer von 460 Stunden zur Verfügung haben.

Während also die Konkurrenten möglicherweise ihren Entwicklungsstapel etwas stärker abarbeiten können, binden diese damit aber auch zusätzlich Ressourcen. Diese kann McLaren anderweitig einsetzen. "Man würde sonst vielleicht viele Sachen machen, die 'gut zu haben' sind. Wir sind aber nicht in einem Geschäft, in dem es um 'gut zu haben' geht, sondern wir sind in einem Geschäft, in dem es um Sachen geht, die tatsächlich funktionieren."

Eine 100-prozentige Sicherheit, dass man dabei nicht auch mal eine bedeutende Entwicklung übersieht, gibt es natürlich nicht. Das ist auch Marshall klar, aber man dürfe sich nicht davon aus der Ruhe bringen lassen, ist er sicher: "Man muss einfach das Mindset haben, dass es nicht [wichtig] ist."

Bei allem Vertrauen in dieses System hätte McLaren wohl in der Vorbereitung auf die F1-Saison 2026 nicht ungern ein paar Windkanal-Runs mehr hinlegen können. Denn im Vergleich zum derzeitigen Klassenprimus Mercedes war man bei den bisherigen Grands Prix klar langsamer - trotz gleicher Power Unit. Für Miami bringt McLaren ein runderneuertes Auto. Mehr dazu hier: