Am 1. Januar 2001 öffnete ein damals noch f1welt.com getauftes Formel 1 Portal seine virtuellen Pforten. Seitdem sind unzählige Terrabyte die Datenleitungen des Internets entlang geflossen und wurde aus f1welt.com das Motorsportportal motorsport-magazin.com. Kurz vor unserem fünften Geburtstag am Neujahrstag 2006 erinnern wir uns jeden Tag an ein Jahr zurück.

Den Anfang macht logischerweise eine Reportage aus unserem Debüt-Jahr 2001. Das Thema hätte aber ebenso in den vergangenen Jahren 2004 und 2005 behandelt werden können. Zumindest erscheinen die Parallelen zu den Buttongate-Affären I & II keinesfalls nur zufällig zu sein. Was lernen wir daraus? Alles wiederholt sich immer wieder und zumindest manchmal scheint Jenson Button nicht zu wissen, was er unterschreibt...

Denn sie wissen nicht was sie tun...?

Die Formel 1 – einschlägig als Königsklasse des Motorsports bezeichnet – ist schon lange mehr Show-Business denn Motorsport. Und wie in allen Profi"sport"arten stehen auch in Bernie´s Multi-Milliarden-Dollar Rennzirkus Macht, Geld und manchmal auch (sportlicher) Erfolg im Mittelpunkt des Geschehens. Diesen sucht der Eine auf sportlichem Wege, der Andere mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln.

In den ersten Monaten der 2001er Ausgabe der Formel 1-Weltmeisterschaft traten diese Verhältnisse mehr denn je und so augenscheinlich wie nur irgendwie möglich hervor. Dabei zeigten sie, dass wie in so vielen anderen "Sport"arten, auch in der Formel 1 Verträge schnell nicht mehr als Schall und Rauch sein können.

Die Fälle "de la Rosa-Prost-Jaguar", "Brunner-Toyota-Minardi" (wobei die Vertragsstreitigkeiten hier nicht darauf zurückzuführen waren, dass Brunner, Minardi & Stoddart mit ihren unzähligen "Wundern" beim kleinen italienischen Rennstall dem Toyota-Motto "nichts ist unmöglich" vor deren F1-Einstieg zuvor gekommen waren) oder "Newey-McLaren-Jaguar" sind für diese Tatsache "wunderbare" Beispiele.

Bereits vor Saisonbeginn demonstrierte Tom Walkinshaw, bei der Entlassung seines bis dahin Stammpiloten Pedro de la Rosa diese neue Art der Vertragsinterpretation. Später sollte der Spanier sogar noch ein weiteres Mal als Hauptfigur eines solchen Vertragszwists einen Auftritt haben.

Der Arrows-Teamchef entließ seinen Fahrer nur ganze fünf Wochen vor Beginn der neuen F1-Saison, um ihn durch den jungen und unerfahrenen Brasilianer Enrique Bernoldi zu ersetzen. Walkinshaw wurde allerdings nicht durch ein Fehlverhalten de la Rosas oder zu schlechte Leistungen seitens des Spaniers - der in der 2000er Saison einige Male sogar sensationelle Resultate mit seinem Arrows herausfahren konnte - dazu veranlasst diesem so kurz vor Saisonbeginn den Laufpass zu geben. Stattdessen wollte er vielmehr die Mitgift des "Flügel verleihenden" Sponsors von Bernoldi einstreichen, was letztlich dazu führte, dass nicht der sportlich Bessere, sondern der finanziell lukrativere Pilot im Cockpit des A22 Platz nehmen durfte.

Allerdings sollte genau jener - kurz vor der Saison entlassene - Pedro de la Rosa nur wenig später den Spieß umdrehen und sich in genau der gegenteiligen Situation als zuvor bei Arrows wieder finden.

Zuvor hatte de la Rosa den Weg von Olivier Panis eingeschlagen und einen Vertrag als Testfahrer bei Prost unterschrieben. Jedenfalls glaubte man dies bei Alain Prost´s französischer Equipe.

Denn an diesem Punkt trat der neue Jaguar-Mann, und liebevoll Headhunter getaufte, Niki Lauda auf den Plan und schnappte de la Rosa den Blauen direkt vor der Nase weg. Damit verursachte er einen lauten Aufschrei und riesige Empörung bei den Franzosen über den für Prost offensichtlichen Vertragsbruch.

Nach mehreren Wochen der Verhandlungen und Androhungen rechtlicher Schritte, lösten Lauda und Prost das Problem aber zur beiderseitigen Zufriedenheit außergerichtlich. Ex-Weltmeister Prost setzte genauso spektakulär und unerwartet wie de la Rosa zuvor bei Arrows gehen musste, seinen bis zu diesem Zeitpunkt enttäuschenden Piloten Gaston Mazzacane vor die Tür. Dieser hatte ohnehin nur aufgrund seines südamerikanischen Sponsors PSN den Zuschlag für das Prost-Cockpit erhalten. An seine Stelle trat der beim anderen Ex-Weltmeister Lauda seit der Verpflichtung de la Rosas überflüssig gewordene Stammfahrer Luciano Burti.

Auf diese Art und Weise erlangte Lauda den zweiten Fahrer den er wollte, Prost einen Ersatz für Mazzacane und de la Rosa - auf die gleiche Tour wie er erst kurz zuvor sein Cockpit räumen musste - ein neues Cockpit unter den 22 schnellsten "Sonntagsfahrern" dieser F1-Welt.

Aber nicht nur zwischen Prost und Lauda beziehungsweise Prost Grand Prix und Jaguar Racing kam es zu schier unendlichen Streitereien über strittige Vertragsunterzeichnungen respektive mündliche Zusagen und Handschlagsverträge. Auch bei einer der Überraschungen der Grand Prix Saison, European Minardi, bahnte sich solcherlei Ärger an.

Unter den wohl schlechtesten für ein F1-Team nur denkbaren Voraussetzungen mit finanziellen Engpässen, fehlendem Motorenpartner und ohne Fahrer startete das Team, welches erst kurz vor Saisonbeginn vom australischen Multi-Millionär Paul Stoddart gerettet wurde, sensationell in die Saison und vollbrachte dabei in Person von Retter Paul Stoddart, Teamchef Gian Carlo Minardi und nicht zuletzt Konstrukteur Gustav Brunner etliche - nicht nur von f1welt.com attestierte - "Wunder".

Aber gerade dieses wundersame Dreigestirn sollte mitten in der laufenden Saison durch Gustav Brunners Weggang zu Toyota gesprengt werden.

Der gebürtige Österreicher wechselte von einem Tag auf den anderen zum Formel 1-Neueinsteiger mit Sitz in Köln-Marsdorf und verwunderte damit sogar die Wunder gewohnte Minardi-Führungsspitze. Und erneut kam es wie bereits bei der de la Rosa-Verpflichtung zu einem Streit um die Gültigkeit der Verträge.

Während Minardi-Retter Stoddart auf die Rechtsgültigkeit seines - seiner Meinung nach - noch 19 Monate laufenden Vertrags mit dem technischen Direktor pochte, beriefen sich die Japaner auf Brunners Aussagen, dass er einen nach italienischem Recht jederzeit kündbaren, unbefristeten Vertrag besessen hätte.

Der Australier pochte jedoch auf seinen Minardi-Arbeitsvertrag mit Brunner erklärte den, gemessen am Geldvermögen, reichsten Automobilkonzern der Welt zu seinem persönlichen Intimfeind: "Toyota hat sich mich zum lebenslangen Feind gemacht. Solche Sachen vergesse ich nicht, und mit meiner Hilfe können sie in Zukunft nicht rechnen."

Für das größte Aufsehen sorgten allerdings die Ereignisse rund um Woking und Milton Keynes, die Firmensitze von McLaren und Jaguar.

In Miltoney Keynes verkündete Jaguar Racing stolz die Verpflichtung des Design-Genies Adrian Newey von McLaren-Mercedes. Doch auch hier sollte das Ganze - wie bereits einige Monate zuvor beim de la Rosa Wechsel zu eben jenem Jaguar-Team - nicht reibungslos über die Bühne gehen.

Der Titelanwärter aus Woking dementierte den Wechsel postwendend und gab gleichzeitig seinerseits eine Vertragsverlängerung mit dem Design-Guru bekannt.

Nun pochen wiederum beide Vertragsparteien auf – ihrer Meinung nach – gültige Verträge und drohen mit rechtlichen Schritten, um sich entweder doch noch die Dienste Neweys zu sichern, eine saftige Entschädigung einzustreichen oder im schlimmsten Falle sogar ein Arbeitsverbot für den heiß umworbenen Konstrukteur zu erwirken.

Diese schmutzige Schlammschlacht um einen - wenn nicht den - anerkannt besten Designer der F1-Welt wird noch in mehrere Runden gehen, bevor eine Lösung gefunden wird und, wie Paul Stoddart bereits beim Wechsel Brunners zu Toyota anmerkte, "nicht gut für die Formel 1" und deren Glaubwürdigkeit sein...

Denn wie gut ist es um einen "Sport" und dessen Beteiligte bestellt, wenn Verträge nicht nur auf sehr "flexiblem Papier" verfasst sind, sondern zusätzlich - wie etwa in den Fällen "Prost & Jaguar" oder "McLaren & Jaguar" - auch keiner genau weiß, wo er mit wem alles ein Schriftstück unterzeichnet oder dies unterlassen hat?

Kann es denn tatsächlich der Fall sein, dass die hoch bezahlten und in den höchsten Tönen gelobten Helden der Formel 1, wenn es nicht mehr um Boxenstopps, Strategien, Setups und Konstruktionspläne, sondern das "einfache" Unterschreiben ihres Arbeitsvertrages geht, nicht wissen was sie tun?

Originaltext: Stephan Heublein, f1welt.com / Erstveröffentlichung: 07.06.2001