FIA-Präsident Max Mosley ist wohl eine der umstrittensten Personen des Formel 1-Medienwalds. Früher hat er selbst Racing betrieben, war sogar F1-Teamchef. Er hört sich gerne reden - und so wurde er, wie alle, die sich gerne reden hören, Politiker. Nicht nur in der Formel 1-Welt, denn als FIA-Präsident ist er für den gesamten Motorsport auf dem Planeten Erde zuständig. In den letzten Jahren gab es viel zu tun für den Briten - es mussten so viele Regeln geändert werden, und das jedes Jahr. Max Mosley befindet sich auf zwei wesentlichen Missionen: Die Erhöhung der Sicherheit, was ihm grandios gelungen ist. Und die Kostensenkung - was ihm wegen der zahlreichen, oft chaotisch wirkenden und in vielen Fällen sogar sündteuren Regeländerungen sehr viel Kritik einbrachte. Klar - Mosley möchte natürlich auch den Sport, das Racing verbessern. Aber in dieser Frage scheiden sich die Geister gewaltig...

Weil er eben erst den nächsten Schritt setzte und ein umfangreiches Regeländerungspapier für die Zeit ab 2008 herausbrachte, gab Max Mosley der französischen L'Equipe ein Interview. Im Mittelpunkt dieses Gesprächs standen die viel zu komplizierte Entscheidungsfindung in der Königsklasse und natürlich die Kostensenkung. Mosley gibt gleich in seiner ersten Antwort zu, dass man all diese Entscheidungen, um die in der Formel 1 oft monatelang listige Kreise von den mit Pokerface bewaffneten Protagonisten gezogen werden, binnen einer Woche fällen könnte. Schuld ist das Concorde-Abkommen, das sagt Max Mosley immer wieder. Er würde sich wünschen, dass die Entscheidungen auf einfachere Art und Weise getroffen werden können, wiederholt Max Mosley mehrmals. Aber das Concorde-Abkommen stamme aus einer Zeit, in der "nur wenige Personen in die Entscheidungen involviert waren", sagt er. Damals war nicht nur weniger Geld im Spiel, es gab auch "viel weniger Anwälte", erklärt der Brite.

Das komplizierte Concorde-Agreement. "In Wahrheit sind wir durch diese Art von Entscheidungsfindung paralysiert", gibt Max Mosley zu. Das macht den Fragesteller ein bisschen stutzig: "Warum wird das Concorde-Abkommen dann verlängert?", fragt er. Und: Da ist er wieder - der Widerspruch, der sich irgendwie durch die Arbeit von Max Mosley zieht. Böswillige würden den Widerspruch als den roten Faden bezeichnen, der sich durch die Mosley-Ära zieht. Die "sündteuren Sparmaßnahmen" sind beinahe schon legendär. Was antwortet man, wenn man so direkt auf einen solchen Widerspruch angesprochen wird? Für einen gestandenen Politiker ist das kein Problem - er sagt einfach: "Es gibt den Willen zur Reform, da bin ich mir sicher." Und dann fügt Mosley hinzu, dass man darüber diskutieren würde, dass man nur noch 70 anstatt von 80 Prozent an Stimmen für eine Entscheidung benötige, er könne sich sogar 51 Prozent vorstellen. So müssten denn also 80 Prozent dafür sein, dass künftig nur noch 70 Prozent dafür sein müssen...

1979 gab es verschiedenste Antriebskonzepte..., Foto: Sutton
1979 gab es verschiedenste Antriebskonzepte..., Foto: Sutton

Max Mosley möchte, dass Entscheidungen künftig einfacher und schneller getroffen werden können. Zugleich preist er das neue Concorde-Abkommen an: Man erhalte damit "das Recht, bei der Entscheidungsfindung mitzuwirken". Die Unterschriften der fünf Hersteller fehlen bekanntlich noch. Dass die Teilnehmer einer Weltmeisterschaft ihre Regeln selbst mitgestalten dürfen, führt dazu, dass jede Entscheidung daraufhin abgeklopft werden muss, welche Vor- und Nachteile sich daraus ergeben könnten. Und so wäre es auch nicht verwunderlich, wenn es zu gar keiner Mehrheit für eine Vereinfachung der Prozedere kommen würde. Ist ja auch nicht so wichtig - richtig wichtig ist auf jeden Fall die Kostensenkung.

In dem Gespräch erinnert sich Max Mosley daran, mit welch geringen Summen man früher Formel 1 betreiben konnte. Und er erinnert immer wieder daran, dass selbst ein Jean Todt nicht mehr aus dem Vollen schöpfen kann und will und dass es sogar bis zu vier Neueinsteiger geben wird, wenn die Jahreskosten endlich auf eine Summe "zwischen 100 und 120 Millionen Dollar" reduziert werden. Diese Neueinsteiger würden von "Racing People" angeführt werden, die "aus dem Milieu kommen".

Max Mosley entschuldigt sich, dass er die Kostensenkung immer wieder ins Spiel bringt, aber diese sei "der wichtigste Punkt". Dass die neuen Regeländerungen, die ab 2008 eingesetzt werden sollen, die Formel 1 beinahe zu einer Einheitsformel hin kastriert, wird in dem Gespräch nicht erwähnt. Dafür sagt Mosley: "Wenn man heute die Fans fragt, sagen sie, dass sie an diesem Sport die Technologie interessant finden. Man sollte aber nicht vergessen, dass 99 Prozent dieser Technologie dem Publikum verborgen bleibt." Er wolle die Hochtechnologie künftig in eine "vernünftige Richtung" bringen, sagt Mosley. Dass es nur wenige Fans gibt, welche sich an Dreiwochenend-Motoren und Zweiwochenend-Getriebe erfreuen, bleibt unerwähnt. Dass die F1 nahezu alles von ihrer Vorreiterrolle in punkto Serie verloren hat, auch. Dass die Fahrhilfen bei den Fans unerwünscht sind, weiß Mosley schon lange - sie blieben dennoch jahrelang im Einsatz. Die Aufwertung der Fahrer in dem 2008er-Regelpaket hatte einen hohen Preis - die technische Kastration. Dass ein Nebeneinander von Technologie und Fahrkönnen möglich ist, scheint Mosley nicht zu glauben. Und so werden um viel Geld Motoren entwickelt, die de facto Einheitsaggregate sind. Dass in den Siebzigerjahren verschiedenste Antriebskonzepte angewandt wurden und der Fahrer dennoch zählte, scheint Mosley vergessen zu haben.

Irgendwann sagt Max Mosley in diesem ausführlichen Gespräch auch, dass es die Fans sind, die diesen Sport bezahlen. Jene Fans, die sich in Umfragen für die Wiedereinführung des alten, vor 2003 angewandten Qualifikationsmodus ausgesprochen haben. Jene Fans, die es gerne wieder weniger kompliziert haben würden. Für diese Fans kann der Präsident mitempfinden. Mit einem Lächeln sagt er zu dem im kommenden Jahr zum Einsatz kommenden Quali-Modus: "Sehr kompliziert. Aber immerhin werden die Zeiten angezeigt, man weiß zumindest, wer der Schnellste ist." Kumpelhaft sagt Mosley, dass es halt vielen Fans wie ihm selbst gehen werde, wenn er ein American Football-Spiel betrachtet: "Ich kann zusehen, es ist eine gute Show - nur habe ich keine Ahnung, was da eigentlich vor sich geht." Jenen Fans, denen dies nicht ausreicht, verspricht Herr Mosley ab 2008 komplizierte Zusatzgewichte und Aerodynamik-Weiterentwicklungseinschränkungen. Das Komplizierte hat es ihm schon ein bisschen angetan, dem Herrn Präsidenten...