Wer die Formel 1 erst seit dem Jahr 2003 verfolgt, der dürfte in dieser Zeit bis zum heutigen Tag nur einen Eindruck von der so genannten Königsklasse des Motorsports gewonnen haben: Die ändern ja jedes Jahr ihr komplettes Regelwerk.

Unrecht hätte der Fan der Neuzeit damit keineswegs: Allein 6 Qualifying-Änderungen seit dem Jahr 2003 sprechen ihre eigene Sprache. Ganz zu schweigen von den vielen anderen Regeländerungen, die Max Mosley seit seinem ersten Regel-Brief-Marathon durchgeboxt oder zumindest angekündigt hat.

Auch für die kommende Saison wird es wieder neue Regeln geben: Darunter ein neues Qualifying-Format und die Rückkehr der Reifenwechsel. Aber auch an die Zukunft wurde gedacht: Ein radikaler neuer Heckflügel soll spätestens ab 2008 für mehr Spannung und Überholmanöver sorgen.

Max Mosley sieht dabei nur zwei Probleme: 1. Mit dem so genannten CDG-Wing erhalten die hinterherfahrenden Autos einen Vorteil, weshalb es zu vielen Überholmanövern kommen soll. Und: 2. Durch das neue Qualifying-System wird es in den letzten Minuten viel Fahrbetrieb und somit Action geben. Solche Probleme hat man natürlich gerne. Aber sind das wirklich die einzigen Probleme?

Das Problem mit dem Überholen

Bei den Technikgurus stieß Mosleys Konzept des CDG-Flügels nicht ausschließlich auf Gegenliebe. Denn die Techniker machen sich Sorgen über Nachteile für den Vorausfahrenden: "Sie sagen: 'Wir haben das Problem, dass diese Lösung dem nachfolgenden Auto einen derartigen Vorteil verschaffen wird, dass sich wie in den alten Windschattenzeiten in den Sechzigerjahren Gruppierungen von Fahrzeugen bilden werden'", erklärte Mosley. "Und ich sage: Wenn dies das einzige Problem sein sollte, dann mache ich mir keine großen Sorgen!"

British American Racing Teamboss Nick Fry sieht das anders: "Es muss noch viel mehr darüber nachgedacht werden, ob das wirklich die richtige Antwort ist. Wir sind einer der größten Befürworter der CFD-Technologie, aber sie sagt uns nur was wir tun sollten. Sie gibt uns nicht alle Antworten", warnte Fry. "Meiner Meinung nach muss noch mehr Windkanalarbeit geleistet werden, um sicher zu stellen, dass der neue Heckflügel wirklich der richtige Weg ist."

Ex-Weltmeister Emerson Fittipaldi geht sogar noch einen Schritt weiter: "Ich sehe, dass wir in der A1GP Serie auf traditionelle Art und Weise Rennen bestreiten, ohne exotische Flügel zu verwenden und trotzdem gibt es jede Menge Überholmanöver."

Deshalb ist Ex-Champion Nigel Mansell davon überzeugt, dass die FIA-Verantwortlichen "das wahre Problem" noch nicht entdeckt haben: "Die Verantwortlichen betrachten das vom falschen Gesichtspunkt aus. Sie machen die Autos für das Aero-Problem verantwortlich und sehen die wahren Gründe nicht..."

"Wir leben im Computerzeitalter - wann hat das letzte Mal ein Computer einen falschen Gang eingelegt? Wann hat das letzte Mal ein Computer einen Dreher bewirkt? Die Fahrer machen keine Fehler mehr", nennt Mansell das Übel beim Namen. "Wenn man mehr Überholmanöver in der Formel 1 sehen will, muss man den Piloten wieder mehr Einfluss geben. Wenn einer einen Fehler begeht, schafft er damit Überholmöglichkeiten."

Deshalb fordert Mansell: "Nehmt ihnen die Traktionskontrolle weg. Wenn du zu stark aufs Gaspedal steigst, kommst du ins Schleudern und wirst vom Gas gehen. Und wieder hat man eine Überholmöglichkeit."

Das Problem mit den Reifen

Ganz abgesehen von der Entscheidung ab 2008 oder vielleicht sogar schon 2007 mit einem Einheitsreifenhersteller an den Start zu gehen, gibt es auf dem Reifensektor noch eine andere streitbare FIA-Entscheidung: Warum wurden die langlebigen Pneus nach nur einer Saison wieder abgeschafft? Die von FIA-Präsident Max Mosley anvisierte Kostensenkung kann dafür nicht verantwortlich gewesen sein...

Michelin und deren Teams wittern dahinter eine heimliche Bevorzugung von Bridgestone und Ferrari: "Die Entscheidung offenbart einen Mangel an technischem Verständnis für unser Produkt und dafür, was ein Reifen eigentlich ist", kritisierten die Franzosen die FIA. Michelin könne daher "nur den Sinn hinter dieser Entscheidung hinterfragen". Diese würde "alle unsere im Jahr 2005 erarbeiteten Vorteile zunichte machen".

"Michelin hinterfragt daher die versteckten Absichten, die hinter dem Reglement für 2006 liegen. Einmal mehr wird hier das Problem der Formel 1 illustriert - dass nämlich zusammenhangslose Entscheidungen getroffen werden und ein Mangel an Transparenz herrscht."

Bernie Ecclestone sieht jedoch keine Vorteile für das italienisch-japanische Duo: "Leider wird es ihnen nicht helfen", erklärte Ecclestone. "Ich weiß noch nicht einmal, was die Teams sich wünschen würden. Ich weiß nur, dass jetzt beide Reifenhersteller neue Mischungen und Konstruktionen entwerfen müssen, um den PS-Verlust wettzumachen."

Das Problem mit dem Qualifying

Anno 2002 klagten viele Betrachter des F1-Qualifyings darüber, dass in der ersten halben Stunde kaum etwas los war. Danach wurden sie jedoch mit einem Thriller entschädigt, der beinahe spannender als die folgenden Rennen war. Seitdem hat sich vieles geändert; und das ist wortwörtlich zu nehmen. Leider war keines der vielen Qualifying-Formate des Rätsels Lösung.

Obwohl das für 2006 beschlossene Knock Out Qualifying von vielen Seiten als positiv bewertet wurde, fand Nigel Mansell auch hier einige Probleme: "Es ist doch so, dass gerade Teams, die Probleme haben, so viel Zeit wie nur möglich auf der Strecke benötigen, damit sie ihre Probleme aussortieren und so schneller werden können. Und gerade sie werden nun bestraft - wenn sie sich nicht binnen 15 Minuten qualifizieren können, fallen sie raus, während die anderen mehr Zeit auf der Strecke verbringen können. Und das soll fair sein?", fragt Mansell.

Emerson Fittipaldi hält es unterdessen mit Ralf Schumacher: Er versteht das Knock Out Qualifying nicht richtig. "Ich verstehe gar nichts: Besonders die Gründe warum einige Autos nachtanken dürfen und andere nicht sind mir schleierhaft", kritisierte Fittipaldi, der schon kein Freund des Einrunden-Qualifyings war. "Ich habe das Einrunden-Qualifying nie verstanden. Es wurde für Ovalrennen geschaffen und dort machte es auch Sinn. Als sie sich dazu entschlossen haben das System in der F1 anzuwenden, war ich aber sehr verwundert."

Max Mosley ist derweil von seinem Knock Out System überzeugt: "Das einzige Problem wird darin bestehen, dass jeder versuchen wird, seine Zeit in der letzten Minute zu erzielen - alle werden versuchen noch vor der karierten Flagge auf die Strecke zu fahren. Aber anstatt einer Session ohne Höhepunkte wird sich dieses Format bis zum Ende hin zuspitzen."

Das Problem mit den Strecken

Frank Williams sagte vor einigen Jahren, dass man heutzutage nicht die Autos für die modernen Strecken, sondern die Strecken für die modernen Autos bauen müsse. Mit den neuen Kursen in Bahrain, China oder der Türkei bewies Hermann Tilke, dass Sir Frank damit durchaus Recht hatte.

Auf Kursen wie in Imola oder Magny Cours schlafen die Betrachter des 'Rennens' hingegen regelmäßig ein. Überholmanöver sind Mangelware oder gar komplett unmöglich.

Nigel Mansell kritisiert deswegen die teilweise zu stark entschärften Kurven mancher Strecken. "Zum Beispiel in Japan. Die Schikane dort war zu meiner Zeit großartig. Wenn du sie verfehlt hast, wurdest du bestraft. Du musstest vom Gas gehen." Heute gibt es hingegen überall Asphaltauslaufflächen, die zwar die Sicherheit erhöhen, aber Fehler auch nicht mehr bestrafen.

Das Problem mit der Formel 1

"Ich werde wohl dafür erschossen werden, aber die neuen Regeln sind ein Eigentor", fasst Nigel Mansell das neue Reglement für 2006 aus seiner Sicht zusammen. "Das ist es nicht, was die Fans wollen..."

Dabei müsste die FIA eigentlich ganz genau wissen, was die Fans wirklich wollen. Schließlich sagten ihr in diesem Jahr über 90.000 F1-Anhänger in der großen FIA-Internetumfrage die Meinung. Am Ende lautete das Fazit: "Mehr Rennen, mehr Teams, mehr Überholmanöver und mehr Augenmerk auf den Fähigkeiten des Fahrers."

Ex-F1-Pilot Alex Zanardi glaubt unterdessen zu wissen, warum die vielen neuen Regeländerungen der letzten Jahre diesem Ideal der Fans noch nicht einmal annähernd nahe gekommen sind: "Die Wahrheit ist, dass sie in der F1 alle zu sehr davon überzeugt sind die Besten zu sein."

Das sei vielleicht korrekt, "aber es interessiert die Öffentlichkeit nicht, ob ein Auto fünf Sekunden schneller ist. Das Spektakel auf der Strecke muss stimmen."

Auf diesem Gebiet hat die Königsklasse allerdings noch viel Nachholbedarf: "Dem Zuschauer auf der Tribüne oder vor dem Fernseher ist es doch völlig egal, ob die Autos 1:30 oder 1:40 fahren", stößt Hans Joachim Stuck ins gleiche Horn. "Wir müssen uns nur die NASCAR-Autos ansehen. Das sind uralte Kisten, aber die Fahrer bieten damit Klasse-Motorsport. Da muss auch die Formel 1 wieder hinkommen."

Für Alex Zanardi ist es also eine philosophische Frage: "Es ist sinnlos über den besten Flügel für Überholmanöver zu diskutieren. Was bringt es, wenn das Motto lautet: Geld ist Geschwindigkeit; wie schnell möchtest Du fahren?"