Tim Tramnitz zählt zu den größten deutschen Nachwuchstalenten im Motorsport. Der 17-jährige Hamburger hat in jungem Alter bereits viele Kart-Meisterschaften gewonnen und wurde in der Fahrerwertung der deutschen und italienischen Formel 4 vergangenes Jahr Zweiter. Sein Ziel hat er klar vor Augen: Die Formel 1.

Seit diesem Jahr geht Tramnitz in der Formula Regional für Trident an den Start. Von den deutschen Nachwuchsfahrern, die aktuell ein permanentes Cockpit im Formelsport besitzen, ist er damit jener, der am nächsten an der Formel 1 dran ist. Auch in der Formula Regional konnte er zuletzt bereits ein kleines Ausrufezeichen setzen, als er beim vierten Saisonrennen der beste Rookie im Feld war. Motorsport-Magazin.com hat mit der nächsten deutschen Formel-1-Hoffnung gesprochen.

Tim Tramnitz: Durch Zufall in den Motorsport

MSM: Hi Tim! Seit dieser Saison gehst du in der Formel Regional für Trident an den Start. Doch bevor wir uns um die Gegenwart kümmern, werfen wir einen Blick in die Vergangenheit. Wie genau bist du zum Motorsport gekommen?
Tim Tramnitz: Los ging es schon sehr früh. Als ich glaube ich zwei Jahre alt war, habe ich zum Geburtstag so ein kleines Elektroquad bekommen. Damit bin ich dann immer herumgefahren. Mit fünf habe ich endlich ein richtiges Quad bekommen und war im Prinzip nur noch damit beschäftigt. Dann bin ich, ich glaube ein paar Monate vor meinem sechsten Geburtstag, das erste Mal im Kart gesessen und so ging es im Prinzip los. Dann habe ich mich immer weiterentwickelt. Erstmal bin ich Kartslalom gefahren, also um Pylonen herum, und dann irgendwann, ich glaube mit acht, bin ich das erste Mal auf der richtigen Rennstrecke gewesen - eine Rundstrecke.

Gab es in der Familie jemanden, der schon in der Motorsport-Materie drin war, sodass du da mit zwei ein Elektroquad bekommen hast?
Mein Vater hat sich schon immer für das interessiert. Für Formel 1 und das Rennfahren. Aber wirklich damit zu tun hatte gar keiner in meiner Familie. Das ist eher durch Zufall entstanden.

Tim Tramnitz konnte im Motorsport schon einige Erfolge feiern -
Tim Tramnitz konnte im Motorsport schon einige Erfolge feiern -Foto: Wunderlich Media

Du bist dann einige Jahre in Kart-Meisterschaften angetreten, wo du auch einige gewonnen hast. 2020 bist du dann das erste Mal im Formelsport angetreten - der italienischen und deutschen Formel 4. Wie ist dir der Umstieg vom Kart ins Formelauto gelungen?
Eigentlich ziemlich gut. Wir hatten natürlich auch ein paar Testtage vor der Saison, aber ich habe mich eigentlich direkt wohlgefühlt im Formelauto, weil das auch immer der Traum war. Im Formelauto zu sitzen ist glaube ich der Traum, den sich vieler Kart-Fahrer wünschen und als dann klar war, dass ich die erste Saison Formel 4 fahre, war das natürlich mega.

Du hast auch einige Rennen in der Formel 4 gewonnen - Le Castellet, Spielberg, Hockenheim, auf dem Sachsenring und auf dem Nürburgring. Gab es da einen Moment, den du hervorheben würdest?
Der erste Formel 4 Sieg ist natürlich immer geil, aber auch der erste Sieg im ersten Rennen letztes Jahr war mega. Eine neue Saison, man hat sich den ganzen Winter darauf vorbereitet und dann direkt das erste Wochenende mit zwei Siegen zu verlassen, besser hätte es fast nicht laufen können. Aber auch der Nürburgring war eine Strecke, auf der ich mir am Anfang ein bisschen schwergetan habe, gerade auch im ersten Formel-4-Jahr. Dann gerade da noch ein Rennen zu gewinnen - das war auch mein letzter Formel-4-Sieg - das ist dann im Nachhinein auch was sehr Besonderes.

Tramnitz nach Horror-Crash: "Habe nie darüber nachgedacht, aufzuhören"

Du hattest vor mehreren Monaten einen Crash in Estoril. Es gab wohl ein Bremsversagen und da hast du dir einen Wirbel zertrümmert. Wie ist das so in dem Moment, wo du weißt, was passiert ist, du die Diagnose bekommen auch Schmerzen hast? Was ist dir da durch den Kopf gegangen? Denkt man da auch mal, dass es das jetzt gewesen sein könnte?
Ich habe natürlich in dem Sinne darüber nachgedacht, ob es das gewesen sein könnte. Gerade auch für dieses Jahr, aufgrund der doch schwerwiegenderen Verletzungen. Aber nicht in dem Sinne, dass ich für mich jetzt gesagt hätte, dass es mir jetzt zu gefährlich ist oder so etwas. Es war eigentlich direkt klar, dass ich sobald wie möglich wieder im Auto sitze. Ich habe eigentlich nie darüber nachgedacht, aufzuhören. Natürlich war es schon ein bisschen anders, als ich das erste Mal wieder im Auto saß. Aber wenn man wieder die ersten Meter fährt, dann fühlt man sich eigentlich wieder genauso wie vorher und es war auch alles wieder wie vorher. Ich glaube, im Kopf hat es schon ein bisschen was verändert, aber es war eher so, dass ich dann erst recht wieder ins Auto steigen wollte.

Du hast nach deinem Crash ja Schrauben im Rücken. Wie hast du die Challenge, dich auf die neue Saison vorzubereiten, vor allem mental gemeistert?
Sobald es wieder möglich war, ging es von Anfang an darum, wieder Rückenmuskulatur aufzubauen, denn sonst schmerzen die Schrauben einfach - die Rennsitze sind ja auch nicht wirklich gepolstert. Die sind zwar dem Körper angepasst, aber man hat ja trotzdem Kräfte, die auf einen wirken. Ich war relativ lange in Frankreich zur Vorbereitung. Ich habe dort Trainingspläne bekommen und bei 321 Perform viel trainiert, die auch für Esteban Ocon und Sebastien Ogier das Training machen. Das Fahren ist nochmal eine andere Sache, damit ging es dann erst etwas später los. Erstmal im Simulator, dann ging es zum ersten Test nach Barcelona. Natürlich hat man irgendwie gehofft, dass man gar nichts merkt und dass sich das alles ausgezahlt hat, was man über den Winter trainiert hat. Es hat alles perfekt funktioniert. Ich war topfit, als ich in Barcelona war und ich merke im Prinzip jetzt gar nichts mehr davon.

Ziel 2022: Bester Rookie werden

Du fährst für Trident in der Formula Regional. Das ist durchaus ein großer Name beim Nachwuchs im Motorsport. Der Saisonstart in Monza blieb punktelos. Wo willst du hin dieses Jahr?
Das ist natürlich nicht das Ergebnis, das wir uns erhofft haben. In Monza gehört trotzdem immer noch ein bisschen mehr dazu - gerade Windschatten. Solche Dinge, die vor allem in Monza einen riesigen Unterschied machen, aber natürlich ist es dieses Jahr auch das Ziel, aufs Podium zu fahren und natürlich auch, die Rookie-Meisterschaft zu gewinnen. Ich will alles Mögliche aus den Tests mitnehmen, die wir gemacht haben und auch aus den „collective tests“, die wir jetzt noch vor den Rennen haben. Ich glaube, dann kommen die Ergebnisse von alleine. Klarerweise bekommt man noch mehr Erfahrung, die natürlich hilft. Ich sage mal, wenn wir unsere Arbeit so weiterführen wie bis jetzt, dann werden die Ergebnisse auf jeden Fall kommen.

Welche Position genau ist das Ziel?
Schwierig zu sagen - natürlich P1 bei den Rookies. Insgesamt glaube ich, dass das Fahrerfeld dieses Jahr wirklich sehr stark ist. Man hat das auch in Monza gesehen: Die Top-7 oder Top-8 sind im Prinzip alles Fahrer, die schon letztes Jahr gefahren sind und danach waren alle Rookies. Natürlich ist das Ziel, dort herauszustechen und vorne mitzumischen - bei denen, die schon mehr Erfahrungen haben. Ehrlich gesagt kann ich dir derzeit nichts Genaues sagen, aber so weit vorne wie möglich natürlich. Ein Ziel ist es immer, das Beste herauszuholen und nicht nach dem Qualifying oder Rennen zu sagen: „Hätte ich mal hier noch überholt, hätte ich das noch gemacht...“ Dann kommen die Ergebnisse wie gesagt von selbst.

Tim Tramnitz (links) nahm als bester Rookie in Imola an der Podiumszeremonie teil -
Tim Tramnitz (links) nahm als bester Rookie in Imola an der Podiumszeremonie teil -Foto: Wunderlich Media

Im Motorsport sagt man ja immer, dass der Teamkollege ist der größte Konkurrent ist. Jetzt hast du Leonardo Fornaroli und Roman Bilinski an deiner Seite, wie verstehst du dich mit denen?
Wir verstehen uns sehr gut. Natürlich sind wir Rivalen, aber ich glaube, wir können alle drei gut unterscheiden zwischen 'auf der Strecke' und 'im Fahrerlager'. Auch im Team ist die Stimmung bei uns echt richtig gut, auch mit den Mechanikern und den Ingenieuren, was ein Vorteil ist. Auch unter uns Fahrern haben wir ein sehr gutes Verhältnis. Aber natürlich ist das Ziel, die Teamkollegen zu schlagen.

Du bist schneller, oder?
Na klar!

Schauen wir mal aufs große Ganze: Mit David Beckmann und Lirim Zendeli haben zwei deutsche Piloten ihr Formel-2-Cockpit verloren. David Schumacher kam in der Formel 2 zuletzt nur als Ersatz zum Einsatz. Was sagst du, wenn man dich fragt, ob du die nächste deutsche Formel 1 Hoffnung bist?
Natürlich freut mich das, wenn Leute das sagen. Man denkt natürlich auch voraus und ich glaube, dass ich zwei sehr gute Formrl-4- Saisons hatte. Natürlich ist es wie immer auch wichtig, im nächsten Schritt abzuliefern, man muss aber auch darauf schauen, inwiefern man finanziell weiterkommt, weil die Formel 3 in Sachen Budget ein riesiger Schritt ist. Über die Formel 2 muss man da glaube ich sowieso nicht lange reden. Geld ist natürlich ein großes Thema.

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Du hast es schon angesprochen: Geld ist eigentlich die zentrale Rolle im Nachwuchs, daran lag es am Ende ja auch bei Zendeli und Beckmann. Inwiefern ist es für dich und deine Karriere eine Herausforderung oder kannst du dich vollkommen aufs Racing konzentrieren?
Ich glaube, viele stellen sich immer vor, dass das Rennfahren quasi so läuft: Man kommt an, dann fährt man so ein bisschen, danach reist man wieder ab und kümmert sich um etwas ganz anderes. Aber im Prinzip ist das mittlerweile so, dass man sich anders als im Kart, mit nichts anderem außer Motorsport beschäftigt. Es ist extrem wichtig, Sponsoren zu finden - die finanziellen Mittel sind am Ende ausschlaggebend. Das ist, was man auch gerade beim deutschen Nachwuchs sieht. Zendeli und Beckmann hätten ihre Cockpits aufgrund ihrer Erfolge behalten müssen. Es ist schade, dass das Talent ab einem gewissen Punkt teilweise nicht mehr so eine große Rolle spielt. Ohne Talent kommt man natürlich auch nicht in die Formel 1. Aber um alleine schon die die Formel 4, Formel 3 und dann Formel 2 zu kommen, ist einfach ein riesiger finanzieller Aufwand, der für viele einfach nicht mehr zu stemmen ist, und das macht diesen Weg natürlich nochmal schwieriger.

Besonderes Merkmal: Das Hamburg Wappen -
Besonderes Merkmal: Das Hamburg Wappen -Foto: Wunderlich Media

Es gibt einige Nachwuchsakademien im Formelsport. Die großen Namen sind Ferrari, Mercedes, Sauber oder auch Williams. Wo würdest du dich sehen?
Natürlich ab einem gewissen Punkt in einem Junior-Team. Ich glaube, dass man heutzutage einfach darauf angewiesen ist. Das wünscht man sich als Fahrer natürlich immer, man möchte ja in ein Junior-Team. Dafür gibt man alles. Ich will natürlich in die Formel 3 und auch Formel 2.

Gibt es da ein bestimmtes Team, bei dem du gerne wärst?
Am liebsten würde ich meinen Weg mit Trident weitergehen, aber natürlich bekommt man einen Platz in der Formel 3 nicht einfach geschenkt. Dafür muss ich hier performen. Das ist ganz klar mein Ziel.

Werfen wir einen Blick auf den Menschen Tim. In vielen Sportarten gibt man im Nachwuchs vieles auf. Man muss sich darauf fokussieren, immer besser zu werden oder körperlich topfit zu bleiben. Bereust du oder vermisst du es manchmal ein wenig, wie andere Jugendliche auszugehen und Partys zu feiern?
Eigentlich bereut man das gar nicht. Ich glaube, das was ich machen darf, ist das, was sich sehr viele wünschen. Es gibt keine Sekunde, in der man es bereut, Rennfahrer zu sein. Natürlich gehört dazu auch Disziplin, aber man kann sich auch mal etwas gönnen. Wenn man weiß, wofür man das tut, dann macht man das einfach gerne.

Du hast vor kurzem auf Instagram ein Bild gepostet, auf dem du vor der Senna-Statue in Imola stehst. War er dein Idol oder wer ist eigentlich dein Idol?
Ich bin mit Sebastian Vettel groß geworden. Als ich angefangen habe, Formel 1 zu gucken, ist er Weltmeister geworden und hat Rennen gewonnen. Aber auch Max Verstappen mit seiner Durchsetzungskraft und seinen Fähigkeiten beim Überholen. Ich finde ich es einfach mega, wie er sich gegen einen siebenmaligen Weltmeister durchgesetzt hat. Das sind die zwei Formel-1-Fahrer, die ich am coolsten finde.

Sebastian Vettel und Max Verstappen sind deine Idole - Wann fährst du in der F1?
Hoffentlich in maximal fünf Jahren, frühestens in vier.