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Formel 1

Formel 1 Sprint-Qualifying ein Flop? Das sagt die MSM-Redaktion

Das erste Sprintqualifying der Formel 1 ist gefahren. Konnte das neue Format überzeugen? Die Redakteure von Motorsport-Magazin.com diskutieren.
von Stephan Heublein, Christian Menath, Jonas Fehling, Florian Becker, Samuel Marton & Florian Niedermair

Formel 1 Sprint: Klassisches Qualifying heizt mehr ein

Christian Menath: Ja, das Wochenende ist insgesamt aufregender. Aber bringt das neue Format so viel, dass es sich lohnt, die Historie über Bord zu werfen und das klassische Qualifying nicht mehr so viel zählt? Ich bin mir noch unschlüssig. Es ist gut, dass wir noch zwei weitere Experimente sehen werden - hoffentlich dann auch mit anständiger Ehrenrunde ohne diesen seltsamen Sponsoren-Truck.

Natürlich haben wir uns über das Sprint-Qualifying an sich gefreut. Wer freut sich denn nicht über einen Rennstart? Die erste Runde des Mini-Rennens war munter, danach passierte wenig. Nur durch die alternative Reifenwahl und den super Start von Fernando Alonso kam etwas Würze rein. Ohne den Maestro wäre die Angelegenheit ziemlich fad gewesen. Ein Rennen lebt schon von der Spannung vor dem Start. Wenn es dann aber nicht liefert, bleibt ein schlechter Eindruck. Macht das dann wirklich heiß auf den Grand Prix? Ein klassisches Qualifying macht das eher.

Formel 1 Sprint-Debüt: Vielversprechend, bis zum Crypto-Crash

Stephan Heublein: Das war es also, das denkwürdige erste Sprint-Qualifying in der Geschichte der Formel 1. Ob wir uns für den Rest unseres Leben daran erinnern werden, möchte ich einmal dahingestellt lassen. Aber die Sprint-Premiere war definitiv munterer, spannender und unterhaltsamer als so mancher Grand Prix. Sorry, Steiermark und Österreich. Mit dem einen oder anderen kleinen Feintuning kann dieses Format durchaus sehr interessant werden. Mehr dazu in den nächsten Tagen nach dem Rennwochenende. Silverstone war allerdings auch eine dankbare Strecke dafür, warten wir mal ab, wie die weiteren Tests auf anderen Kursen verlaufen. Aber die F1 sollte dieses Experiment auf alle Fälle weiterverfolgen. Daumen hoch!

So weit, so gut. Aber kaum war das Rennen, äh, das Qualifying, nein, der Sprint, vorbei, kam der Crypto-Crash. Wie im echten Leben eben. Bis zur bis zum Abwinken gebrandeten Victory Lap war ich ein Fan des neuen Sprint-Formats, samt des geänderten Wochenendablaufs (sinnbefreites 3. Freies Training mal außen vorgelassen). Aber die Zeitlupen-Fahrt auf einem Lkw/Wohnwagen-Hybrid (Fun Fact: wem kam bei dem Anblick auch sofort Bernies Zitat von "22 Idioten auf einem Truck" in den Sinn?), dem die Seitenplanen fehlten, der dafür jedoch in einen Farbtopf mit Sponsor-Logos gefallen zu sein schien, wirkte dann doch arg albern. Vom Siegerkranz mal ganz zu schweigen. Vor dem Wochenende fand ich diese Idee super. Aber statt einem goldenen Siegerkranz, der an die Zeiten von Lauda, Prost & Co erinnerte, musste sich Max Verstappen komplett unzeremoniell ziemlich erbärmlich wirkendes Grünzeug umhängen lassen. Liebe F1, das könnt ihr besser! Daumen runter.

Der Sprint-Truck für die Ehrenrunde sorgte für Diskussionen - Foto: LAT Images

Formel 1 Sprint-Debüt: Endlich Sinn am Freitag

Jonas Fehling: Das neue Wochenendformat der Formel 1 war zum größten Teil ein Erfolg. Das traditionelle Qualifying schon am Freitag bereicherte den Start ins Wochenende ungemein - immerhin ging es nun bereits am ersten Tag mal um etwas. Nur ein Training davor, passt. Einzig über die Startzeit lässt sich diskutieren. 19 Uhr am Freitagabend, das ist zu spät für die Abendplanung mancher Fans (und meine Schlafgewohnheiten ... ;-)).

Der Sprint selbst hat seine Feuertaufe bestanden. Eine völlig langweilige Prozession war es mitnichten. Noch dazu zeigte sich bereits das Potenzial, die reguläre Hackordnung in der Startaufstellung etwas durcheinander zu bringen. Allerdings war es auch Silverstone. Hier stiegen in den Vorjahren oftmals sensationelle Rennen. Für ein finales Urteil sind die weiteren Sprints in Monza und Übersee zu berücksichtigen. Der größte Makel war sicherlich das für ZuschauerInnen belanglose zweite Training am Samstagmorgen - unter Parc-fermé-Bedingungen und ohne Anreiz für die Teams, noch auf Quali-Pace gehen zu müssen.

Formel 1 Sprint-Debüt: Ehrliche Show auf Kosten der Tradition

Florian Becker: Nach jahrelangen Diskussionen um die immer gleichen Rennwochenenden war das Experiment eine erfolgreiche Abwechslung vom Grand-Prix-Alltag. Das Qualifying hat den Freitag auf jeden Fall wieder attraktiv gemacht, denn die Trainingsrunden der Autos alleine reichen im Jahr 2021 nicht mehr, um die Fans zu verzücken. Der Sprint verlief wie zu erwarten etwas langweilig, erfüllte aber seinen Zweck. Die Startphase war unterhaltsam und das war genug, um die Startaufstellung für das Rennen ein bisschen durchzumischen. Das war das Ziel der Übung. Die Formel 1 will eine glaubwürdige Show, aber kein gestelltes Theater.

Ein Reverse Grid oder andere Lotterien wären nicht das richtige für den Sport. Das Sprintrennen hingegen bietet einen ehrlichen Wettbewerb mit der Chance, am Sonntag eine spannendere Startaufstellung zu haben. Als ewiggestriger Traditionalist bin ich mir nur noch nicht sicher, ob dieses Szenario es wert ist, das Qualifying zu entwerten. Das Zeitfahren ist neben dem Rennen die große Königsdisziplin im Motorsport und als solche unantastbar. Die Intensität des Wettbewerbs und der Anspruch an das fahrerische Können bei der Jagd auf die schnellste Rundenzeit sind der einzig richtige Weg, sich die Pole Position für den Grand Prix zu verdienen.

Formel 1 Sprint-Premiere: Was war gut, was schlecht?: (15:15 Min.)

Das Sprint-Qualifying: Eine gesunde Abwechslung

Samuel Marton:Das neue Wochenend-Format brachte bisher im Grunde das, was erwartet wurde - mehr Action auf und neben der Strecke. Tatsächlich konnte dem sonst so zähen Freitag etwas mehr Leben eingehaucht werden, was auch durch Jubel der zehntausenden Fans unterstützt wurde.

Das erste Sprintrennen der Formel-1-Geschichte selbst bot zudem alles, was das Motorsport-Herz begehrt: Überholmanöver, spannende Zweikämpfe und auch ein klein wenig Dramatik. Vorangegangene Befürchtungen über eine taktisch arme Session wurden damit ganz und gar nicht bestätigt, zumal sich der Soft-Poker bei Piloten wie Fernando Alonso eindrucksvoll bezahlt gemacht hat. Neben den klassischen Rennwochenenden verbirgt sich hier also eine überraschend gute Abwechslung.

Einziger fader Beigeschmack: Eine trostlose Victory Lap in einem eigens präparierten blauen Truck, die der Session einen überflüssigen und inszenierten Stempel verpasst hat. Wenn die Formel 1 bei diesem Format also noch Hand anlegen möchte, dann hier.

Fernando Alonso sorgte für die nötigen Show-Elemente des Sprints - Foto: LAT Images

Formel 1 Sprint-Debüt: Glücklicher Zufall?

Florian Niedermair: Eine spannende erste Runde, gute Kämpfe im Mittelfeld und der ein- oder andere Zwischenfall. Realistisch gesehen war das das Maximum, was wir von diesem Sprint erwarten konnten - und das wurde uns auch geliefert. Die Pace-Unterschiede an der Spitze sind, vor allem mit denselben Reifenmischungen, einfach zu gering, um später im Rennen einen wirklichen Zweikampf zuzulassen. Sobald Verstappen auf der ersten Runde Platz 1 gegen Hamilton für sich behaupten konnte, war klar, dass der Kampf um die "Pole" unter normalen Umständen so gut wie entschieden war.

Alles in allem dennoch ein geglücktes Experiment, vor allem weil der Freitag durch das Qualifying eine Aufwertung erhielt. Aber: Hätten wir nicht am Start so viel Action gesehen kann das Rennen auch schnell in einer Prozession ausarten. Die Aufholjagd von Carlos Sainz und die Verteidigungsschlacht von Fernando Alonso bewahrten uns heute davor. Einige Testläufe wird es noch brauchen, um zu beurteilen, ob sich das Format tatsächlich bewährt oder ob der ereignisreiche Silverstone-Sprint nur ein glücklicher Zufall war. Nach Monza werden wir ein besseres Bild davon haben.