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Formel 1

McLaren-Mercedes MCL35M: Erstes Formel-1-Auto 2021 vorgestellt

Das erste Formel-1-Auto der 2021er Saison ist da: Der MCL35M ist der erste McLaren-Mercedes seit 2014. Was die ersten Bilder zeigen und was nicht.
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - Ungewöhnlich früh ließ McLaren die Hüllen für die Formel-1-Saison 2021 fallen: Am Montagabend präsentierte der Traditionsrennstall aus Woking als erstes Team sein neues Auto am Stammsitz in Woking via Livestream.

Der MCL35M war Hauptdarsteller des Abends, aber McLaren präsentierte auch Neuzugang Daniel Ricciardo erstmals offiziell. Der Australier wechselte als Ersatz für Carlos Sainz von Renault zu McLaren und fährt 2021 an der Seite von Lando Norris, der bereits in seine dritte Formel-1-Saison startet.

Das Reglement und der Name haben es bereits angedeutet: Der MCL35M ist nur ein dezenter Sprung im Vergleich zu seinem Vorgänger, dem MCL35 - zumindest vorerst. Komplett neue Autos wird es 2021 nämlich nicht geben, das Reglement schiebt den Teams hier einen Riegel vor. Große Teile der 2020er Fahrzeuge wurden homologiert und müssen eins zu eins so von den Teams übernommen werden. Ausgenommen davon sind die Motoren und die Aerodynamik.

Und hier wird es beim McLaren MCL35M schon spannend: Als einziges Team wechselte der Rennstall des bayerischen Teamchefs Andreas Seidl über den Winter Motorenpartner. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger wird der modifizierte Bolide von einem Mercedes-Motor angetrieben, nicht mehr von einem Renault-Aggregat. Das 'M' im Namen steht für Mercedes.

McLaren-Mercedes: Kundenteam mit Werksteam-Material

Erstmals seit 2014 wird McLaren somit wieder mit Mercedes-Motoren in der Formel 1 starten. Die britisch-deutsche Kombination fuhr Ende der 1990er Jahre mit Mika Häkkinen zwei Weltmeistertitel ein. Das Comeback sorgt vor allem bei den Fans deshalb für viel Vorfreude.

Allerdings sind die Zeiten des Werksteams längst vorbei, Mercedes hat seit 2010 einen eigenen Rennstall. McLaren ist somit 'nur' Kunde, weshalb auch kein einziges Mercedes-Logo auf dem fast identisch lackierten Boliden zu sehen ist. Genau deshalb beendete Ron Dennis einst die Beziehung zu Mercedes, weil er nur als Werksteam Siegchancen sah.

Inzwischen haben sich Formel 1 und McLaren gewandelt und Teamchef Andreas Seidl hat das Mercedes-Comeback vor fast zwei Jahren angestoßen. "Die Regeln besagen klar, dass die Kundenteams gleiches Material erhalten müssen, die FIA macht einen sehr guten Job, das zu überwachen und wir haben auch vollstes Vertrauen in Mercedes", so der Teamchef.

Der frühe Präsentationstermin ist auch auf den Motorwechsel zurückzuführen. Bereits am Dienstag wird McLaren mit dem MCL35M für einen Filmtag in Silverstone auf die Strecke gehen. Auch wenn das neue Auto bereits samt Motor auf dem Prüfstand stand, so ist der erste Shakedown für die Ingenieure enorm wichtig. Die einzigen Testfahrten in Bahrain finden lediglich zwei Wochen vor dem Saisonstart statt. Größere Probleme dürfen dabei nicht auftreten.

2021 nur halber Mercedes-Vorteil für McLaren

Aufgrund des Motorenwechsels durfte McLaren als einziges Team keine Entwicklungs-Token zur Veränderung einer homologierten Komponente ausgeben. Die Ingenieure in Woking durften lediglich das Monocoque für die neue Power Unit anpassen.

Den Motorwechsel sieht man dem MCL35M an, obwohl sich Technik-Chef James Key an dieser Front nicht vollends austoben durfte. "Wir mussten bei der Integration der neuen Power Unit den Homologations-Prozess respektieren. Chassis, Batterie und Getriebe mussten wir anpassen, aber den Rest mussten wir so unberührt wie möglich lassen", so Key.

Bitter für McLaren, weil der WM-Dritte der Vorsaison so nur teilweise den Vorteil der Mercedes Power Unit nutzen kann. "Bei der Leistung sind die Hersteller inzwischen sehr eng zusammen", meint Key. Die Unterschiede sind längst nicht mehr so groß wie zu Beginn der Hybrid-Ära 2014, doch Mercedes hatte zumindest 2020 einen deutlichen Vorsprung.

Rund drei Zehntelsekunden, so Experten, soll der Wechsel von Renault zu Mercedes bringen. Vorausgesetzt, die Entwicklungstempi in Brixworth und Viry waren in etwa auf dem gleichen Level. "Bei der Installation sind die Hersteller aber sehr unterschiedlich", so Key. "Jede Variante hat ihre Vor- und Nachteile."

Bei Mercedes sind Turbolader und Kompressor voneinander getrennt. Der Kompressor sitzt vorne am Motorblock, die MGU-H sitzt im V des V6-Motors und verbindet den Kompressor mit dem hinten liegenden Turbo. Den Vorteil des Packagings kann McLaren aber aufgrund der Homologationsregeln nicht voll ausschöpfen.

Den Lufteinlass an der Airbox, der zugleich auch Überrollstruktur ist und zum Monocoque zählt, konnte McLaren ändern. Er ist nun wie bei allen Mercedes-Teams oval geformt und beinhaltet drei Kühlkanäle. Das Renault-Aggregat verlangte nach einem vierten Kanal.

Die Seitenkasten-Einlässe konnten nur geringfügig modifiziert werden, weil die seitliche Crash-Struktur homologiert ist. An den Seitenkästen selbst und an der Motorabdeckung kann man aber durchaus sehen, dass die Aggregate unterschiedlich geformt sind.

Formel-1-Regeln 2021: McLaren zeigt neuen Unterboden

Sonst sind am MCL35M keine interessanten Details zu erkennen: Die auffällige Nase brachte McLaren schon im Laufe der Vorsaison, um die Homologationsregeln zu umgehen. Bargeboards und Flügelwerk sind ebenfalls auf dem Stand von Abu Dhabi 2020.

Der Mercedes-Motor erlaubt eine schlankere Linie, die neuen Regeln sind am Unterboden gut zu erkennen - Foto: McLaren

Am Unterboden sind die Reglementänderungen zu erkennen. Die Schlitze sind Geschichte, dazu muss sich die Karbonplatte nach hinten verjüngen. Einen Blick auf den leicht geänderten Diffusor und die überarbeitete Bremsbelüftung gewährt McLaren noch nicht.

Updates bereits beim ersten Rennen

McLaren präsentierte nicht nur als erstes Team überhaupt den neuen Boliden, sondern auch überraschend früh. Die Testfahrten beginnen erst in knapp einem Monat am 12. März. Die gezeigte Launch-Spezifikation soll aber zumindest so auch beim Bahrain-Test antreten.

Details am Diffusor zeigt McLaren noch nicht - Foto: McLaren

Die Renn-Spezifikation wird "etwas anders", wie Technik-Chef Key verriet: "Es wird schon ein paar neue Ideen an den Autos geben, um die Regeländerungen abzufedern. Es wäre naiv zu glauben, dass die Regeländerungen einfach nur so umgesetzt werden." Die Ingenieure haben neue Ansätze gefunden, den Abtriebsverlust zu kompensieren. "Die Lernkurve ist hier am Anfang noch steil", so Key.

Bei den Zielen ist man vorsichtig. "Wir wollen unseren Pfad nach vorne in der Startaufstellung fortsetzen", so McLaren-Boss Zak Brown. Teamchef Seidl stimmt zu: "Wir wollen den Abstand auf die Spitze verringern." Mit einem Angriff auf Mercedes und Red Bull rechnet man 2021 noch nicht. Stattdessen gilt es, WM-Rang drei vor allem gegen Racing Point und Ferrari zu verteidigen.

Bildergalerie: Alle Fotos vom neuen McLaren-Mercedes MCL35M

Technische Spezifikationen McLaren MCL35M

Chassis
Monocoque Karbon, Aluminium-Honigwaben inkl. Benzintank
Vorderradaufhängung Karbon-Doppelquerlenker, Karbon-Druckstrebe, Dämpfer mit Drehstabfeder
Hinterradaufhängung Karbon-Doppelquerlenker, Stahl-Zugstrebe, Dämpfer mit Drehstabfeder
Bremsen Karbon-Scheiben und Karbon-Beläge, Sattel mit 6 Kolben, Brake by Wire
Felgen Enkei
Gewicht 752 Kilogramm inkl. Fahrer (per Reglement)
Gewichtsverteilung 45,4% bis 46,4% auf der Vorderachse (per Reglement)
Elektronik Einheitssteuergeräte von McLaren
Getriebe
Hersteller McLaren
Aufbau Karbon-Gehäuse, längs installierter Antriebsstrang
Gänge Acht vorwärts, ein rückwärts
Gangwechsel Elektro-Hydraulisch
Kupplung Elektro-Hydraulisch, Karbon
Motor
Power Unit Mercedes-AMG M12 E Performance
Gewicht 150 Kilogramm (per Reglement)
Hubraum 1,6 Liter (per Reglement)
Zylinder 6 in 90-Grad-V-Anordnung (per Reglement)
Ventile 4 pro Zylinder (per Reglement)
Drehzahl 15.000 U/min (per Reglement)
Batteriekapazität 4 Megajoule pro Runde (per Reglement)
Batteriegewicht 20-25 Kilogramm (per Reglement)
MGU-K Leistung 120 kW, 163 PS (per Reglement)
MGU-K Drehzahl Max. 50.000 U/min (per Reglement)
MGU-H Drehzahl Max. 125.000 U/min (per Reglement)
Gesamtleistung Rund 1.000 PS (geschätzt)

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