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Formel 1 heute vor 19 Jahren: Alain Prost macht das Licht aus

Alain Prosts Traum vom eigenen F1-Team endete am 28. Januar 2002. Warum der viermalige Weltmeister scheiterte und was Jacques Chirac damit zu tun hatte.
von Florian Becker

Motorsport-Magazin.com - Die Formel-1-Teams sind in der Saison 2021 trotz weltweiter Krisensituation durch das Coronavirus vollzählig. Die Teams von McLaren, Williams und Haas entkamen dank neuer, finanzstarker Shareholder oder Eigentümer der Bedrohung. Vor 19 Jahren hingegen gab es für F1-Legende Alain Prost kein Happy-End. Das Team des viermaligen Weltmeisters musste am 28. Januar 2002 endgültig seine Pforten schließen. In unserer History-Serie 'On This Day' schaut Motorsport-Magazin.com auf das französische Trauerspiel zurück, das von Anfang an zum Scheitern verurteilt war.

Formel 1 heute vor 19 Jahren: Alain Prosts Traum endet im Debakel

Die Königsklasse hatte in den 1990er Jahren allerhand interessante Teams mit noch interessanteren Namen zu bieten. Die Rede ist dabei nicht nur von den begnadeten Hinterbänklern wie Coloni, Fondmetal oder AGS. In der Saison 1997 griffen mit Stewart Grand Prix und Prost Grand Prix zwei der erfolgreichsten Fahrer der Formel-1-Geschichte als Teamchefs wieder ins Geschehen ein. Eine Mode, über die sich der eine oder andere Nostalgiker heute sicher freuen würde, die sich im Jahr 2021 jedoch keiner der altgedienten Fahrer mehr antun will oder kann.

Unrealistisch hohe Budgets oder die Weisheit der späten Einsicht hätte sich Alain Prost vor 25 Jahren sicherlich gewünscht. Der damalige Rekordweltmeister ließ sich 1996 vom französischen Präsidenten breitschlagen, das auf der Kippe stehende Ligier-Team aufzukaufen. Eigentlich kein schlechter Ansatz. Während Jackie Stewart sich mit seinem langjährigen Partner Ford der Herausforderung stellte, ein Team komplett neu aufzubauen, war Ligier in der Formel 1 seit 1976 eine feste Größe.

Die von Guy Ligier gegründete Equipe Ligier erreichte in 20 Jahren neun Siege, allesamt eingefahren durch französische Piloten. Sechs Triumphe steuerte allein Jacques Laffite bei. Die anderen drei gingen auf Patrick Depailler, Didier Pironi und Olivier Panis. Letzter gewann 1996 in Monaco und damit einige Jahre nach der Ära von Gründer Guy Ligier. Der hatte seinen Rennstall 1992 verkauft. Nach seinem Rausschmiss bei Ferrari zeigte Prost zu dieser Zeit bereits Interesse, doch ein Deal kam nicht zustande.

Olivier Panis gewann 1996 für Ligier sensationell den Grand Prix von Monaco - Foto: LAT Images

Jacques Chirac redet auf Prost ein

Stattdessen wanderte Ligier durch mehrere Hände. In den Jahren 1993 und 1994 hatte der französische Geschäftsmann und Politiker Cyril de Rouvre das Sagen. Nach nur zwei Jahren veräußerte er das Team an Flavio Briatore und Tom Walkinshaw. Zwischen den beiden Egozentrikern kam es bald zu Spannungen. Walkinshaw kaufte kurzerhand das finanziell angeschlagene Footwork-Team auf und machte sich aus dem Staub. Die Zukunft von Ligier stand auf dem Spiel und Chirac nahm Prost in die Pflicht.

"Diese ganze Sache mit Prost GP war etwas seltsam, denn es war mehr ein politisches Spiel, das in Frankreich damals ablief", erinnert sich Prost im Formel-1-Podcast 'Beyond the Grid'. Nach dem Ausstieg von Renault als Motorenhersteller und dem drohenden Ende des F1-Engagements von Wettbewerber Peugeot, fürchtete das Staatsoberhaupt der Franzosen, sein Land nicht mehr auf der großen Motorsport-Weltbühne vertreten zu sehen.

"Es bestand die große Gefahr, dass Ligier, das Flavio gehörte, ganz verschwindet. Also kam Frankreichs Präsident Jacques Chirac auf mich zu", so Prost, für den die Vorzeichen im wahrsten Sinne des Wortes blendend waren. Ligier verstand sich seit jeher als französisches Team und trat bis auf wenige Ausnahmen stets mit Motoren und Partnern aus Frankreich an. Chirac stellte ihm ein Nationalteam mit jeder Menge Support aus der Heimat in Aussicht.

Prost legte 1997 mit dem von Ligier entwickelten JS45 einen starken Saisonstart hin - Foto: Sutton

Französisches Nationalteam nur ein Luftschloss

"Ich sollte von Canal+ [TV-Sender] ein großzügiges Budget erhalten, dazu kostenlose Motoren von Peugeot mit eventuell auch etwas Budget und außerdem Elf als Benzinlieferant. Wir hatten im Grunde alles zusammen", erklärt Prost. Doch die großen Versprechungen hielten nicht lange. "Inmitten der Verhandlungen hat der Präsident auf einmal die Mehrheit verloren und alles löste sich in Luft auf."

Anfang 1997 war das von Canal+ ursprünglich versprochene Budget auf die Hälfte zusammengeschrumpft und Peugeot stellte für die Lieferung der Motoren ab 1998 eine Rechnung. Prost hatte ein schlechtes Gefühl bei der Sache, doch er konnte sich nicht zu einem Rückzieher durchringen: "Zwei Tage vor der Unterschrift habe ich dem Präsidenten noch gesagt, dass ich nicht mehr will, weil es nicht das ist, was ich mir vorgestellt hatte und wir chancenlos sind. Aber er hat mich gebeten, es für Frankreich zu tun und versprochen, mir später zu helfen."

Prost übernahm Ligier und begab sich auf eine jahrelange Talfahrt. "Ich habe nie irgendeine Hilfe erhalten. Was diese politischen Aspekte angeht, ist dieses Land immer so gewesen. Wenn du die Unterstützung nicht hast, ist es sehr schwer", sagt er. Doch nicht nur die finanzielle Herausforderung überforderte ihn. Auch die Organisation war nicht das, was er sich unter einem Leben als Formel-1-Teamchef vorgestellt hatte.

"Ungefähr 90 Prozent meiner Zeit habe ich mit Verwaltung und irgendwelchen Steuerangelegenheiten verbracht", sagt er. Ein Gespräch mit seinem McLaren-Teamchef früherer Tage öffnete ihm die Augen. "Eines Tages saß ich mit Ron [Dennis] zusammen und fragte ihn, ob er mir sagen kann, wie viele Mitarbeiter er hat und was er ihnen zahlt. Er hatte damals 600 Angestellte und ich etwa 200. Er hatte mehr als doppelt so viele und wir hatten trotzdem identische Personalkosten."

Mit zwei Podestplätzen lag Olivier Panis vor seinem schweren Unfall in Montreal auf Platz drei der WM - Foto: LAT Images

Prost beginnt stark und stürzt ab

Trotz der von Beginn an schwierigen Lage legte Prost mit seinem Team 1997 einen guten Start hin. Der von Ligier entwickelte und getaufte JS45 harmonierte mit dem Mugen-Honda-Motor und den neuen Bridgestone-Reifen. Panis fuhr in den ersten sechs Saisonrennen zwei Mal auf das Podest und lag vor dem Grand Prix von Kanada auf Platz drei der Weltmeisterschaft. In Montreal wurde der stramme Saisonstart durch einen schweren Unfall des Teamleaders ausgebremst.

Panis brach sich beide Beine und fiel für über drei Monate aus. Shinji Nakano vermochte im zweiten Auto des Teams nicht, das Potential voll auszuschöpfen. Der Rookie und Paydriver war schlichtweg nicht auf dem Level seines Teamkollegen. Prost ersetzte Panis mit einem weiteren Youngster. Rookie Jarno Trulli wurde von Minardi abgeworben. Der Italiener zeigte einige vielversprechende Vorstellungen. In Österreich wurde er durch einen Motorschaden um ein sensationelles Podest beraubt.

Prost beendete seine erste Saison als Teamchef auf Platz sechs der Konstrukteursweltmeisterschaft. Mit dem Abschied von Mugen-Honda und der Ankunft von Peugeot ging es ab 1998 jedoch steil bergab. Mit Panis und Trulli hatte das Team diesmal zwei gestandene Fahrer, doch am Ende der Saison stand nur ein magerer WM-Punkt zubuche. Im darauffolgenden Jahr rettete der Chaos-GP auf dem Nürburgring den WM-Stand. Als Zweiter holte Trulli in der Eifel sechs der insgesamt neun Zähler.

In den Saisons 1998 und 1999 war Prost Grand Prix nicht konkurrenzfähig - Foto: Sutton

2000 wird zum Tiefpunkt für Prost Grand Prix

Trotz sportlicher Dürre gelang es Prost, für 2000 einen Neuanfang einzustielen. Mit Jean Alesi verpflichtete er Frankreichs F1-Held der 1990er Jahre. Neben dem Publikumsliebling erhielt mit Nick Heidfeld der amtierende Formel-3000-Europameister aus dem Kader von McLaren Mercedes das zweite Cockpit. Mit Yahoo prangte ein weiterer großer Sponsor auf den Seitenkästen des AP03.

Der dritte Wurf des Teams war technisch jedoch noch katastrophaler als seine Vorgänger. Alesi und Heidfeld ergatterten nicht einen WM-Punkt und das Team beendete die Saison aufgrund schlechterer Einzelresultate als Letzter hinter Minardi. Noch viel schlimmer war jedoch, dass Prost ein kommerzieller Coup verwehrt blieb. "Ich hatte einen fantastischen Deal mit Yahoo und anderen großen Unternehmen. Dann kam die Internet-Krise. Ich hatte Anteile für viel Geld an Yahoo verkauft. Das wäre für das Team sehr gut gewesen, doch dann ging diese Vereinbarung den Bach herunter", so der 51-fache Grand-Prix-Sieger.

Die vier größten Sponsoren sprangen in der Folge ab. In Anbetracht der anhaltenden Misserfolge verabschiede sich auch Peugeot nach der Saison aus der Formel 1, wodurch Prost für 2001 ohne Budget und ohne Motoren dastand. Doch er bekam noch einmal die Kurve. Für ein Leasing in Höhe von 28 Millionen US-Dollar pro Jahr erhielt der Rennstall Kundenmotoren von Ferrari. Der ehemalige F1-Fahrer Pedro Diniz stieg mit seinem schwerreichen Vater als Berater und Teilhaber mit einem Share von 40 Prozent ein.

Der Prost AP03 war trotz vielversprechender Fahrerpaarung ein Rohrkrepierer - Foto: Sutton

Rettungsversuche scheitern an Wirtschaftskrise

Sportlich lief es 2001 jedoch kaum besser. Der AP04 war erneut nicht auf der Höhe. Neben Jean Alesi trat zunächst Gaston Mazzacane an. Dem argentinischen Paydriver ging neben dem Talent nach vier Rennen auch das Geld aus, woraufhin der Brasilianer Luciano Burti einsprang. Er machte mit mehreren, wenn auch unverschuldeten Unfällen auf sich aufmerksam. Zur Saisonmitte ging das Stühlerücken weiter.

Der aufgrund einer politischen Entscheidung bei Jordan entlassene Heinz-Harald Frentzen ersetzte Alesi, der für die letzten Rennen seiner Karriere im Gegenzug zu den Gelben ging. Anstelle des nach einem Highspeed-Crash in Spa-Francorchamps verletzungsbedingt ausgefallenen Burti griff Formel-3000-Pilot Tomasz Enge ins Lenkrad. Während vier WM-Punkte durch Alesi die gesamte sportliche Ausbeute des Jahres darstellten, bemühte sich Prost noch einmal um einen Rettungsanker.

Ein weiterer Anlauf, Anteile des Teams zu verkaufen, wurde zu seinem Leidwesen durch die Terroranschläge vom 11. September vereitelt. Prost hatte mit einem Konsortium aus Saudi-Arabien rund um Al Waleed eine Vereinbarung getroffen. Durch den Zusammenbruch der Märkte platzte der Deal. Für 2002 erhöhte Ferrari das Leasing auf 31 Millionen US-Dollar. Für Prost lief das Fass endgültig über.

Prost GP kommt für zwei Millionen US-Dollar unter den Hammer

"Mein gesamtes Budget waren 40 Millionen US-Dollar. Das war das Maximum, was uns in einem Jahr zur Verfügung stand. Du kannst ein Team nicht mit zehn Millionen betreiben", sagt er. Angesichts von Schulden in Höhe von über 30 Millionen US-Dollar wurde am 28. Januar 2002 vom Gericht in Frankreich die Liquidation von Prost Grand Prix angeordnet. Die Fabrik in Guyancourt nahe Paris kam kurz darauf mitsamt der Anlagen sowie einem fast fertiggestellten AP05-Chassis für zwei Millionen US-Dollar unter den Hammer.

"Ich war wirklich froh, als es vorbei war", gibt Prost im Nachhinein zu. "Es ist einfach nicht das Richtige, wenn du weißt, dass es nicht funktionieren kann." Als einzigen Fehler kreidet er sich seine Leichtgläubigkeit an, durch die er sich von der französischen Regierung hatte überreden lassen: "Ich hatte irgendwie das Gefühl, dass ich etwas zurückgeben muss, weil mir die F1 sehr viel gegeben hatte. Das war irgendwie ziemlich naiv."

Das Leben als Teambesitzer war für ihn unter dem Strich eine wertvolle Lektion: "Ich bereue es nicht wirklich. Es war eine gute Lehre in meinem Leben. Ich habe viele Dinge mit Erfolg getan. Aber wenn du ein geschäftstüchtiger Mensch bist, wird nicht alles zu einem Erfolg. Wenn du Dinge machen willst, musst du akzeptieren, dass es manchmal schiefgehen kann. Es hat aus unterschiedlichen Gründen, die ich vorher nicht antizipiert habe, nicht funktioniert."

Alain Prost musste im November 2001 den Konkurs seines Formel-1-Teams anmelden - Foto: LAT Images

Was sonst noch geschah:

Vor 44 Jahren: In Tokio erblickt Takuma Sato das Licht der Welt. Als Teenager in Japan ein erfolgreicher Radrennfahrer, bahnte sich Sato erst im Alter von 20 Jahren den Weg in den Motorsport. Mit einem Stipendium der Suzuka Racing School in der Tasche ging er 1998 auf eigene Faust nach Europa und gewann dort 2001 in dominanter Manier die britische Formel-3-Meisterschaft. Darüber hinaus entschied er die internationalen Läufe in Zandvoort und Macau für sich. Zwischen 2002 und 2008 ging er in 90 F1-Rennen an den Start und erreichte dabei ein Podest. Seit 2010 startet er in der IndyCar, wo er sich mit zwei Siegen im legendären Indy 500 in die Geschichtsbücher eintrug.

Vor 48 Jahren: Die Königsklasse startet 1973 in Argentinien in die Saison. Auf dem Autodromo Municipal Ciudad de Buenos Aires setzte sich Titelverteidiger Emerson Fittipaldi im Lotus 72 durch. Der Brasilianer gewann vor den Tyrrell-Teamkollegen Francois Cevert und Jackie Stewart. Sein Bruder Wilson Fittipaldi machte als Sechster das Resultat für die Familie perfekt.