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Deutsche Formel-1-Talente: Wer folgt auf Sebastian Vettel?

Wer kann Sebastian Vettel in der Formel 1 beerben und die deutsche Erfolgsbilanz fortsetzen? Motorsport-Magazin.com beleuchtet die hoffnungsvollsten Fahrer.
von Robert Seiwert & Arno Wester
Deutsche Talente: Mick Schumacher & Co in die Formel 1?: (06:48 Min.)

Rückblick ins Jahr 2010: Mit Michael Schumacher, Sebastian Vettel, Nico Rosberg, Nick Heidfeld, Adrian Sutil, Nico Hülkenberg und Timo Glock gingen in jener Saison zeitweise sieben deutsche Fahrer in der Formel 1 an den Start - das bedeutete ein Drittel des gesamten Starterfeldes.

Acht Jahr später: Mit Sebastian Vettel und Nico Hülkenberg treten in der laufenden Saison nur noch zwei Deutsche in der Königsklasse an - so wenige wie zuletzt 1996, also vor 22 Jahren.

"Deutsche Fahrer, deutsche Motoren und deutsche Technik bestimmen seit über zwei Jahrzehnten überwiegend die Spitze der Königsklasse", sagt Norbert Haug zu Motorsport-Magazin.com. "Und auch 2018 wird der Weltmeister mit deutscher Technik bei Mercedes oder mit Sebastian Vettel bei Ferrari gestellt werden."

Haug weiter: "Verständlich, dass der Wunsch nach weiteren deutschen Fahrern mit Formel 1-Befähigung für zukünftige Erfolge vorhanden ist." Haug weiß genau, wovon er spricht. In seiner mehr als 22-jährigen Amtszeit als Mercedes-Motorsportchef hat er viele junge deutsche Fahrer auf dem Weg in die obersten Klassen des Motorsports unterstützt.

Vettel und Hülkenberg sind heute je 31 Jahre alt. Zwar fahren sie auf Top-Niveau, doch auch ihre aktive Zeit in der Formel 1 ist begrenzt. Da stellt sich unweigerlich die Frage: Welche deutschen Talente haben das Potenzial, in den kommenden Jahren nachzurücken?

Motorsport-Magazin.com beleuchtet die Situation der aktuellen deutschen Nachwuchshoffnungen, die besonders in den letzten Wochen in unterschiedlichen Rennserien für Furore gesorgt haben.

Mick Schumacher

Um Mick Schumacher ist in den letzten Wochen ein neuer Hype entbrannt. Nachdem es zuletzt etwas ruhig geworden war rund um den Sohn von Formel-1-Rekordweltmeister Michael Schumacher, meldete sich Mick mit einer Siegesserie zurück. In Spa - dem 'Wohnzimmer' seines Vaters, Silverstone und zuletzt in Misano gewann er Rennen in der Formel-3-Europameisterschaft und ist plötzlich mittendrin im Titelkampf.

Plötzlich, weil: Bis zu seinem ersten Sieg lief es eher mittelmäßig für den 19-Jährigen. Vor dem Spa-Erfolg konnte Schumacher nur zwei Podestplätze erzielen und spielte beim Kampf um die Meisterschaft keine große Rolle. Und trotz des aktuellen Mick-Hypes darf nicht vergessen werden: Für seinen ersten Formel-3-Sieg brauchte er saisonübergreifend 45 Anläufe.

Mick Schumacher bei seinem Sieg in Misano - Foto: FIA Formula 3

Bei noch neun ausstehenden Saisonrennen hat Schumacher 36 Punkte Rückstand auf Spitzenreiter und Red-Bull-Junior Dan Ticktum. In gut einer Woche gastiert die Formel-3-EM auf dem Nürburgring.

Zuletzt gab Mick der britischen BBC ein Video-Interview, aus dem wieder einmal ersichtlich wurde, wie groß das Interesse an seiner Person tatsächlich ist. Die Zitate gingen um die Welt, obwohl Mick tatsächlich nichts Neues zu erzählen hatte. Passend dazu: "Wir haben gute Arbeit geleistet, das Privatleben auch privat zu halten."

Schumachers weiterer Weg wird vom Resultat am Saisonende abhängig sein, sich aber gleichzeitig an den bisherigen Planungen orientieren: kein unnötiger Druck und ein Karriereaufbau mit Bedacht. Zwei Jahre in der Formel 4, zwei Jahre in der Formel 3, 2019 möglicherweise der Aufstieg in den GP3-Nachfolger im Rahmenprogramm der Formel 1. Micks Plus: Er hat keine Eile, möglichst schnell in die Formel 1 aufzusteigen zu müssen.

Mick Schumachers Formel-Bilanz

Jahr Rennserie Gesamtergebnis
2015 ADAC Formel 4 P10
2016 ADAC Formel 4 P2
Formel 4 Italien P2
2017 Formel 3 EM P12

Maximilian Günther

Maximilian Günther legte in seiner ersten Formel-2-Saison mit einem Podestplatz beim Auftakt in Bahrain stark los. An den folgenden fünf Rennwochenenden lief es eher wie erwartet: Günther verpasste mit seinem unterlegenen Arden-Rennwagen häufig knapp die Top-10.

Zuletzt in Silverstone meldete sich der 21-Jährige zurück und feierte seinen ersten Sieg in der Formel 2 - das sorgt für Aufmerksamkeit in der Königsklasse. Die nötigen Superlizenzpunkte hat er. "Mein Ziel ist weiterhin die Formel 1", sagt Günther zu Motorsport-Magazin.com. "Ein Freitagseinsatz oder Young-Driver-Test wäre die ideale Chance, um mein Talent direkt unter Beweis zu stellen."

Max Günther feiert seinen F2-Sieg in Silverstone - Foto: Sutton

Doch bei welchem Team? Bei Mercedes spielt er seit Ende des vergangenen Jahres keine Rolle mehr, obwohl er offizieller DTM-Ersatzfahrer war und für das Formel-1-Team auch im Simulator testete. Stattdessen erhielt der Brite George Russell den Vorzug und fährt in der Formel 2 mit ART bei einem konkurrenzfähigeren Team.

Dabei gab es im Mercedes-Konzern wohl durchaus Stimmen dafür, nach dem plötzlichen Abschied von Nico Rosberg wieder einen deutschen Fahrer zu fördern. "Wir evaluieren jedes Jahr eine Vielzahl an jungen Fahrern. Dabei werden Rennergebnisse und viele andere Faktoren berücksichtigt", ließ Motorsportchef Toto Wolff wissen.

Günther muss sich weiterhin mit sportlich überzeugenden Leistungen für ein besseres Cockpit in der Formel 2 empfehlen. Eine weitere Saison in der Nachwuchsserie ist möglich und auch ein Engagement in der Formel E gilt als Option. Günther ist Test- und Ersatzfahrer beim US-Rennstall Dragon von Besitzer Jay Penske und stark in die Entwicklung des neuen Rennwagens eingebunden.

Günther: "Derzeit liegt meine volle Konzentration auf den weiteren Rennen in der Formel 2. Ich werde alles geben, um im Rahmen der Möglichkeiten weiterhin mit Einzelergebnissen auf mich aufmerksam zu machen. Zweifelsohne ist auch die boomende Formel E eine reizvolle Variante. Die Cockpits sind zwischenzeitlich nahezu genauso umkämpft wie in der Formel 1."

Max Günthers Formel-Bilanz

Jahr Rennserie Gesamtergebnis
2013 ADAC Formel Masters P2
2014 ADAC Formel Masters P2
2015 Formel 3 EM P8
2016 Formel 3 EM P2
2017 Formel 3 EM P3

David Beckmann

Mit 18 Jahren der Jüngste im Bunde der deutschen Nachwuchshoffnungen für die Formel 1. David Beckmann musste bei seinen ersten Saisons in der Formel 4 (2015) und der Formel-3-Europameisterschaft (2016) jeweils auf die ersten Rennwochenenden verzichten, weil der laut Reglement zu jung für die Teilnahme war. Nach zwei Jahren in der Formel 3 startet Beckmann seit dieser Saison in der GP3-Serie.

Mit dem vergleichsweise kleinen Jenzer-Rennstall tat sich Beckmann bei seinen ersten Auftritten schwer. Vor zwei Rennwochenenden wechselte er zu Trident, dem zweitstärksten Team in der GP3 - und es ging aufwärts. Bei seinem Debüt am Hungaroring erzielte er mehr Punkte als in den vorangegangenen acht Rennen. Zuletzt in Spa-Francorchamps holte Beckmann seine erste Pole Position sowie den ersten Sieg in der GP3-Serie.

Nach dem Teamwechsel: 1. GP3-Sieg für David Beckmann - Foto: Sutton

"Wenn es nicht so gut läuft, ist es schwierig, aus dem Loch herauszukommen", sagt Beckmann zu Motorsport-Magazin.com. "Mit meinem alten Team hätte ich vielleicht mal ein Podium geholt, aber wohl keinen Sieg. Trident steht in der Teamwertung auf Platz zwei, also steht außer Frage, dass es ein starkes Team ist. Die arbeiten echt hammermäßig. Das soll aber nicht heißen, dass Jenzer schlecht arbeitet. Sie versuchen auch Tag und Nacht, das Auto besser zu machen."

Drei Rennwochenenden in Monza, Sochi und Abu Dhabi bleiben Beckmann in der laufenden Saison Zeit, um sein Können in einem starken Auto unter Beweis zu stellen. Möglicherweise hängt er 2019 eine weitere Saison dran. Einen Aufstieg in die Formel 1 hält er ab 2020 oder 2021 realistisch.

Dass Beckmann der einzige Vollzeitfahrer in der GP3-Serie ist, dem misst er keine besondere Bedeutung zu. "Darüber denke ich gar nicht nach", sagt er im aktuellen Motorsport-Magazin.com-Printmagazin. "Das ist ja nur eine Nationalität. Es ist natürlich schade, vor allem wenn man bedenkt, wie stark andere Nationen vertreten sind. Es gibt leider allgemein in den Formel-Nachwuchsserien nicht so viele deutsche Fahrer. Aber ich fühle mich deswegen im Fahrerlager noch lange nicht als Exot. Es zählen ohnehin die Ergebnisse, die man einfährt."

David Beckmanns Formel-Bilanz

Jahr Rennserie Gesamtergebnis
2015 ADAC Formel 4 P5
Formel 4 Italien P4
2016 Formel 3 EM P15
2017 Formel 3 EM P16

Pascal Wehrlein

Zwei Jahre in der Formel 1 hat er schon auf dem Buckel, dazu ist er jüngster Champion in der Geschichte der DTM. Als reine Nachwuchshoffnung kann Pascal Wehrlein angesichts seiner Erfolge nicht mehr bezeichnet werden, doch mit 23 Jahren hat seine Karriere noch längst nicht ihren Zenit erreicht.

Trotz sehr durchwachsener DTM-Saison drängt Wehrlein zurück in die Formel 1. Das scheint nach aktuellem Stand aber nur mit der Hilfe von Mercedes möglich, solange ihm kein Sponsor eine zweistellige Millionensumme zur Verfügung stellt. Wie es mit den F1-Silberpfeilen, für die Wehrlein in dieser Saison Ersatzfahrer ist, weitergeht, ist ebenfalls unklar.

Pascal Wehrlein ist 2018 in die DTM zurückgekehrt - Foto: LAT Images

Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff sagte vor rund einer Woche zu Motorsport-Magazin.com: "Pascal ist zwei Jahre lang in der Formel 1 gefahren, konnte sich aber kein Cockpit für 2018 sichern und hat dieses Jahr die Rolle als Reserverfahrer für Mercedes übernommen. Er fährt zudem für uns in der DTM und wir arbeiten weiter an Optionen für 2019."

Wehrlein selbst sagte am vergangenen Sonntag vor dem DTM-Rennen in Misano: "Mein Wunsch und Traum wäre die Formel 1. Wenn das nicht klappt, wäre alles eine Option. Ich habe für nächstes Jahr keinen Vertrag, deshalb kann ich mich nach allem umschauen."

Norbert Haug abschließend: "Pascal Wehrlein hat bei seinem zweijährigen Formel 1-Gastspiel durchaus gezeigt, dass er die Fähigkeiten für Erfolg im Motorsport-Oberhaus hat, Maximilian Günther zeigt mit seinen Leistungen in der Formel 3 und aktuell mit einem Sieg in der Formel 2 sein Potential. Das Potential zu haben und die Garantie, den passenden Sitz in der Formel 1 zu bekommen, waren allerdings schon immer zweierlei Themen - das mussten nicht nur fähige deutsche Rennfahrer auch in der Vergangenheit erfahren."


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