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Formel 1 / Historisches

Project 34 - Als sich die Welt die Augen rieb

Wir blicken auf eines der seltsamsten Gefährte der F1-Geschichte zurück. Den sechsrädrigen Tyrrell P34.
von Jo Klausmann

Motorsport-Magazin.com - Es war der Frühsommer 1975. Niki Lauda machte sich mit Ferrari auf den Weg zum ersten gemeinsamen WM Titel, und die Allianz der Ford V8 Teams stellte sich die Frage, wie man in Zukunft mit den 12 Zylinder Ferraris mithalten könnte. Allzu große Leistungssteigerungen waren von Cosworth nicht mehr zu erwarten, also versuchte man Lösungen zu finden, das PS Manko auf andere Art und Weise wettzumachen.

Tyrrell Designer Derek Gardner nahm eine Idee aus dem Jahr 1968 wieder auf. Damals hatte er für den Indy Car Teamchef Andy Granatelli Berechnungen für einen Wagen mit vier Vorderrädern angestellt, davon sollten zwei sogar noch angetrieben sein. Dieses Konzept sollte die Grundlage für seinen " Ferrari Killer" sein: Vier lenkbare kleine Vorderräder, die er hinter einer ausladenden "Sportwagen" Nase verstecken konnte. Dies würde den Auftrieb an der Vorderachse drastisch reduzieren. Der mechanische Grip und die Bremsleistung würden durch die größere Auflagefläche der vier Räder verbessert werden. Somit ergäbe sich eine überlegene Einlenkbereitschaft des Wagens und das Untersteuern des Vorgängermodells wäre nicht mehr vorhanden.

Sie zählen richtig: Der P34 hatte sechs Räder. - Foto: Sutton

Mit diesen Argumenten bewaffnet schritt Gardner zu Teamboss Ken Tyrrell und Altmeister Jackie Stewart. Zu seiner Verblüffung erklärte ihn keiner der beiden für verrückt! Die einzige Schwierigkeit bei der Umsetzung der Ideen sah man in den Reifen. Also marschierte man mit den Plänen zum damaligen Alleinausstatter Good Year. Gardner wollte 9", Good Year wären 11" lieber gewesen, also einigte man sich auf 10! Auch dieses Problem würde man also in den Griff bekommen.

Somit machte man sich unter absoluter Geheimhaltung an die Konstruktion und den Bau des ersten Prototypen. Man übernahm das Hinterteil des bewährten 007, und flanschte es praktisch unverändert an den revolutionären Vorderwagen.

Im September war es dann soweit: Der Wagen war " fertig", man war bereit die Motorsportwelt in ihren Grundfesten zu erschüttern! 6-Räder...

Am Vorabend lud Ken Tyrrell die Journalisten Legende Denis Jenkinson in sein Heim, um " ihm etwas zu zeigen"... Ken führte "Jenks" um einen Hausecken, und da stand er dann...

Jenks machte auf dem Absatz kehrt, lief hinter das Haus, und kam mit der Hoffnung zurück, das Gesehene hätte entweder wieder normale vier Räder, oder sei gar gänzlich verschwunden...

Ähnlich reagierte auch die Weltöffentlichkeit am nächsten Tage. Die Meinungen reichten von "Revolution des Motorsports" bis zu " billiger Werbegag". Auch die Reaktion der Tyrrell Fahrer hätte unterschiedlicher nicht sein können. Während der Franzose P. Depailler von Anfang an Feuer und Flamme war, konnte sich sein Kollege J. Scheckter nicht mit Gardners Ideen anfreunden.

Als man den P34 zum ersten Mal unter P. Depailler zu Tests nach Silverstone brachte, erreichte er praktisch auf Anhieb tolle Zeiten. Über den Winter wurde ein intensives Testprogramm mit dem Versuchsträger abgespult, und der Wagen bis zum Renndebüt im GP Spanien 1976 gründlich überarbeitet. Die Frontpartie und die Seitenkästen wurden geändert, und auf Wunsch von Scheckter versah man die Seiten des Cockpits mit kleinen Fenster, dass die Fahrer den Scheitelpunkt der Kurve besser anvisieren konnten.

Der P34 im Sonnenuntergang. - Foto: Sutton

Depailler war dann die Ehre des ersten Renneinsatzes des "Tatzelwurmes" vorbehalten. Er qualifizierte den Sechsradler locker für die zweite Reihe, fiel im Rennen aber wegen eines Bremsdefektes aus.

Schon bei seinem zweiten Rennen aber holte der in seiner endgültigen Version P34/2 genannte Tyrrell die ersten Punkte ( Scheckter, Platz Vier in Belgien), beim dritten den ersten Platz auf dem Podium ( Scheckter, Platz Zwei in Monaco), und im Vierten fuhr man die Konkurrenz dermaßen in Grund und Boden ( Scheckter und Depailler Platz 1&2 in Schweden), dass die Konkurrenz schon das Schlimmste befürchtete.

Aber daraus wurde leider nichts. Der P34/2 entpuppte sich zwar als zuverlässiger Punktesammler, aber zu einem Erfolg sollte es nicht mehr reichen. Scheckter und Depailler beendeten die Saison im Schatten von Hunt und Lauda auf den Rängen 3 und 4.

Die Saison 1977 war dann aber eine einzige Katastrophe. Die Wing Cars hielten Einzug in der Formel 1, und Good Year lieferte einfach keine passenden Reifenkonstruktionen mehr. Die Mischungen für die Hinterräder wurden immer weicher, man hatte Grip ohne Ende, nur die Vorderräder kamen nicht mehr auf Temperatur. Verzweifelt verbreiterte Gardner die vordere Spur des Wagens und führte so die Grundgedanken der Konstruktion ad absurdum. Die Zeit des Sechsradlers war abgelaufen, Gardner verließ das Team, und für 1978 kehrte Tyrrell wieder zu den konventionellen 4 Rädern zurück.

Der Tyrrell P34 jedoch wird für immer seinen ruhmreichen Platz in der Motorsportgeschichte als ein brillantes Stück Ingenieurskunst behalten.