Vier Entscheidungsträger wurden in die FIA-Pressekonferenz geladen - McLaren-Boss Ron Dennis, Frank Williams, Peter Sauber und Nick Fry, Teamchef von British American Racing.
Diesmal verzichtet der Fragesteller auf belanglose Einstiegsfragen - er beginnt mit Peter Sauber: "Wir alle dachten, Ihr Herz würde dem Rennsport und ihrem Team gehören. Darf ich Sie fragen, warum Sie jetzt Ihr Team verkaufen wollen?" Sauber antwortet: "Prinzipiell möchte ich mein Team nicht verkaufen. Aber manchmal muss man zur richtigen Zeit die richtigen Dinge tun. Genügt Ihnen das als Antwort?"
Es genügt natürlich nicht. Er würde neben dem sportlichen Ziel auch die Instandhaltung der Team-Infrastruktur verfolgen. Später, from the floor, bestätigt Sauber zumindest wieder einmal die Verhandlungen mit BMW über eine Motorenausrüstung. Er hoffe, dass diesbezüglich vor Ende Juni eine Entscheidung fallen würde.
Natürlich möchte man auch über Jacques Villeneuve Bescheid wissen, der immerhin schon das Indy 500 gewonnen hat. Sauber: "Seit Jahresbeginn gibt es Gerüchte, dass wir ihn entlassen würden. Doch wie man sieht, ist er immer noch bei uns. Dem habe ich nichts hinzuzufügen."

BMW ist auch Thema für Frank Williams, findet der Fragesteller. Und er möchte wissen, ob sich Williams bereits bei anderen Motorenfirmen informiert hat, denn erst unlängst hat der Teamchef ja nicht sonderlich begeistert von seinem aktuellen Motorenpartner gesprochen. Frank Williams sieht das heute wieder alles anders, er sagt kleinlaut: "Ich kann darüber nicht sprechen. Wir warten auf eine Antwort von BMW, diese erwarten wir in der nächsten Woche. Danach müssen wir darüber nachdenken, welche Richtung wir einschlagen wollen - falls wir darüber nachdenken müssen."
Alonso WM mit 4 Siegen, Räikkönen Vize mit 14 Siegen?
Ron Dennis wird mit einem beliebten Mathematikmodell konfrontiert: Sollte Kimi Räikkönen alle ausstehenden Rennen gewinnen und Fernando Alonso immer Zweiter werden, wäre Alonso mit vier Siegen Weltmeister, Räikkönen mit 14 Siegen Vizemeister. Der Fragesteller: "Denken Sie, es gibt ein Problem mit dem Punktesystem?" "Nicht wirklich", sagt Ron Dennis. Das System sei für alle gleich - er persönlich würde für Streichresultate plädieren, doch die seien für Medien und Publikum zu kompliziert.
Der Montoya-Vorfall von Kanada wird einmal mehr besprochen. Neues gerät dabei nicht ans Tageslicht. Natürlich erwartet man von den Entscheidungsträgern auch ein Statement zu den FIA-Regelvorschlägen für 2008. Doch da erwartet man zu viel. Einerseits, weil dies "hinter verschlossenen Türen" besprochen werden sollte, wie Ron Dennis findet. Andererseits, weil beispielsweise Peter Sauber das neueste Mosley-Werk noch nicht vollständig gelesen hat: "Ich habe die letzten Jahre schon so viele Vorschläge gelesen..." Und außerdem sei es laut Dennis gefährlich, sich jetzt "die Kirschen aus den Regelvorschlägen herauszupicken". Später spricht man sich dann doch ein wenig zaghaft gegen Einheitsteile aus.
Noch ein Thema, das dritte Auto. Nick Fry sorgt für Lacher, als es darum geht, wie wichtig das dritte Auto sei: "Als jemand, der es hatte und wieder verloren hat muss ich sagen: Das dritte Auto ist sehr wichtig." Frank Williams: "Wir sind alle ein bisschen eifersüchtig, dass Ron in diesem Jahr ein drittes Auto einsetzen darf." Aber so seien die Regeln, wolle man diese ändern, müsse man einen Vorschlag einbringen - bis zum 31. Oktober.

Die Reifenregel kommt zur Sprache. Dass sie für die Piloten gefährlich sein könnte, wird weniger besprochen. Es geht eher darum, ob die Rennen dadurch besser werden respektive ob man damit auch wirklich Geld sparen kann. Dennis sagt, dass McLaren zurzeit mehr Geld für die Reifenentwicklung ausgeben müsse: "Die Ausgaben wanderten von den Reifenfirmen zu den Teams, die jetzt mehr Test-Kilometer zurücklegen müssen, weil der Evaluierungsprozess heute länger dauert." Dennis fügt hinzu: "Das Positive an der Reifenregel ist, dass die Rennen gegen Ende hin sehr, sehr interessant werden, weil viele Fahrer an einem Reifenabbau leiden."
Der GP-Kalender ist das nächste Thema. Den Entscheidungsträgern sind 19 Rennen zu viel. Vor allem die "Back-to-Back"-Races, also jeweils zwei Rennen an zwei Wochenenden hintereinander, seien zu viel, stöhnen die Bosse.
Die Stallorder & die Drehkreuzmoral
Man ist beim Thema Teamorder angelangt. Diese ist bekanntlich verboten. Man möchte keine manipulierten Rennergebnisse, vielleicht denkt man dabei auch an die Wetteinsätze. Vor allem dachte man dabei an die Fans, was bei der FIA selten genug der Fall ist. Doch den F1-Protagonisten ist das herzlich egal und Ron Dennis gibt gleich mal vorweg ein Teamorder-ähnliches Abkommen mit seinen Fahrern zu: "Wenn einer der Fahrer mathematisch keine Chance mehr hätte, wäre ich sehr enttäuscht, wenn er nicht von sich aus dem anderen Fahrer erlauben würde, ihn im Interesse des Teams zu überholen. Da braucht man dann keine Instruktion des Teams mehr. Es geht dabei um Anstand und Ehre." Dass beispielsweise Juan Pablo Montoya anständig und ehrlich ist, bewies er am Tag zuvor, als er offen zugab, dass er seinem Stallkollegen helfen werde, sollte er selbst keine mathematischen Titelchancen mehr innehaben.
Anstand und Ehre. Frank Williams denkt zumindest auch ein bisschen an das Publikum - dennoch hat das Team natürlich Vorrang: "Ron weiß genau, wovon er spricht. Max Mosley hat die Stallorder verbannt - aber auch er weiß, dass ein Team verschiedene Möglichkeiten hat, solange man nicht das Publikum mit bestimmten Manövern vor den Kopf stößt..."

Wir lernen also: Ehre und Anstand ist das Umgehen einer Regelung, das Manipulieren eines Rennergebnisses, ohne dabei aufzufliegen. Ehre und Anstand heißt, den Regelbruch gleich vorweg quasi als Grundhaltung den Piloten einzuimpfen. Fallen einmal die magischen Wörtchen "mathematische Titel-Chance", "Teamkollege" und "Team", kann man davon ausgehen, dass jemand von einer versteckten Teamorder spricht. Denn das Team investiert ja Millionen in einen möglichen Titelgewinn - und so gesehen wäre eine Teamorder in diesem speziellen Fall auch verständlich...
Doch: Sie ist offiziell verboten. Und zwar auch, wenn einer der Piloten keine mathematische Titelchance mehr hat. Daher sagt man nun offen, dass man die Stallorder eben versteckt abhandeln wird respektive ohnehin bereits alles mit den Piloten ausgemacht wurde, sodass im Fall des Falles keine Order mehr nötig ist. Man vermeidet so zwar die Order, das Rennen manipuliert man dennoch. Wer also auf Montoya setzen sollte, wenn dieser einmal keine Titelchance mehr haben sollte, kann sein Geld auch beim Fenster rauswerfen. Sollte am Saisonende Montoya als Führender plötzlich langsamer werden und Räikkönen die Führung übernehmen - würden dann die vorauseilenden und vermeintlich schlau gefuchsten Eingeständnisse von Dennis und Montoya bereits genügen, um eine Stallorder zu beweisen?
Wie auch immer, man kann sich trösten: Das ist eben die Moral hinter den elektronischen Drehkreuzen. Und weil Entscheidungsträger wie Ron Dennis mitunter auch Vorbildwirkung haben, wird diese Moral auch hinausgetragen in die große weite Welt. Lasst uns also fleißig betrügen, ohne erwischt zu werden.

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