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Formel 1, USA GP Analyse: Wie Red Bull mit Verstappen zockte

Max Verstappen führte in Austin um ein Haar Ferrari vor. Seine fahrerische und Red Bulls strategische Meisterleistung in der Analyse des USA GP 2017.
von Florian Becker

Motorsport-Magazin.com - Lewis Hamilton drückte dem USA GP mit seinem fünften Sieg in Austin auch 2017 seinen Stempel auf. Während der Mercedes-Pilot seinem vierten WM-Titel mit seiner dominanten Vorstellung an der Spitze einen weiteren Schritt näher kam, sorgte Max Verstappen für die Story des Rennens. Red Bulls Shooting Star schoss sich in Texas mit einer fahrerischen Glanzleistung und einer gewagten sowie cleveren Strategie den Weg auf den dritten Platz frei - welchen die Rennleitung ihm mit einer umstrittenen Entscheidung im Nachhinein aberkannte.

Verbrennungsmotor und MGU-H Nummer sechs bedeuteten für Verstappen eine Grid Penalty von 15 Plätzen. In der Startaufstellung nahm er schlussendlich die 16. Position ein. Red Bull hatte in den Longruns am Freitag zwar eine starke Pace gezeigt, doch aus der achten Startreihe heraus schienen die Chancen denkbar schlecht, dass Verstappen ohne eine Safety-Car-Phase den Anschluss an die Spitze herstellen können würde.

Das Team rechnete damit, dass der Niederländer zu Rennbeginn seine Zeit brauchen würde, um sich durch den Verkehr zu arbeiten. Dementsprechend startete Verstappen mit einem gebrauchten Satz Supersoft-Reifen in das Rennen. Die Red-Bull-Strategen verhinderten damit, dass ein Ultrasoft oder ein frischer Reifensatz in der Startphase vor verheizt werden würde. Verstappen gelang es, den RB13 sicher durch die ersten Runden zu manövrieren.

In der zehnten Runde arbeitete er sich auf den sechsten Platz vor. Der Rückstand auf den Führenden Hamilton lag in dieser Runde bei 18,127 Sekunden. Auf das vor ihm fahrende Dreierpack bestehend aus Valtteri Bottas, Daniel Ricciardo und Kimi Räikkönen fehlten ihm zu diesem Zeitpunkt etwa neun Sekunden. Von da an sollten die Abstände zunächst nur noch schrumpfen. Verstappen konnte mit freier Bahn die Rundenzeiten der Konkurrenz mühelos unterbieten.

Während Hamilton an der Spitze bereits bei drei Sekunden Vorsprung auf Sebastian Vettel begann seinen Vorsprung zu verwalten und folglich nicht mehr alles aus seinem Mercedes herausholte, fuhren seine Verfolger allesamt Vollgas. Verstappen fuhr dabei teilweise über eine Sekunde schneller als Bottas. Red Bull versuchte im zwölften Umlauf, Ricciardo per Undercut am Mercedes vorbeizulotsen. Der Plan scheiterte jedoch. In Runde 15 war für den Australier mit Öldruck-Problemen Feierabend.

Verstappen fährt wie entfesselt und gibt Red Bull die Chance zum Zocken

Bei Runde 20 waren alle Fahrer der Top-5 jeweils zum Reifenwechsel an der Box gewesen, wodurch Verstappen die Führung übernahm. Zwei Runden konnte er sich vor Hamilton halten. Gewohnt kampfeslustig versuchte er zwar den Silberpfeil hinter sich zu halten, hatte gegen die frischten Soft-Reifen des Briten allerdings keine Chance. In Runde 24 stand dann auch für Verstappen der erste Boxenstopp an, bei dem er ebenfalls einen frischen Satz Soft aufzog.

Mit den Top-6 nun auf Pirellis härtesten in Austin verfügbaren Reifen wurde allgemein davon ausgegangen, dass die Piloten den Rest der Renndistanz auf diesem über die Bühne bringen würden. Verstappen hatte sich angesichts des langen Stints auf dem Supersoft zum Ende hin allerdings einen ziemlichen Zeit-Nachteil eingehandelt, sodass er in runde 25 zunächst 21,754 Sekunden hinter Leader Hamilton und 9,942 hinter dem vor ihm fahrenden Räikkönen lag. Auf frischen Reifen brannte der 20-Jährige in den darauffolgenden Runden jedoch ein regelrechtes Feuerwerk ab.

Verstappen fuhr zuweilen über eine Sekunde schneller als der Zweitplatzierte Vettel. In Runde 36 lag er nur noch fünf Sekunden hinter dem Ferrari-Piloten. Gleichzeitig lief er jedoch auch auf den Viertplatzierten Räikkönen auf. Am Red-Bull-Kommandostand schätzte man die Chancen, dass Verstappen auf dem gebrauchten Soft-Reifen einen Weg vorbei an den Konkurrenten finden würde, als zu gering ein, um das Rennen ihres Piloten unverändert weiterlaufen zu lassen.

"Als wir uns nach dem ersten Stopp den Reifenverschleiß anschauten, waren wir besorgt, dass die Reifen sehr leiden würden. Außerdem wussten wir, dass wir selbst wenn wir sie einholen würden, Überholen sehr schwierig sein würde", erklärte Teamchef Christian Horner. Ohne Rücksicht auf Verluste griff man bei den Österreichern zu einer aggressiven Strategie und holte Verstappen in Runde 37 für einen Wechsel auf frische Supersoft-Reifen ein zweites Mal an die Box.

Red Bulls strategischer Genie-Streich setzt Ferrari unter Druck

Red Bull war davon überzeugt, dass der Reifen bei der noch ausstehenden Renndistanz von 19 Runden schnell genug sein würde, um die Gegner auf den fast 20 Runden alten Soft-Pneus unter Druck zu setzen. "Wir entschieden, aggressiv zu sein und auf eine Zweistopp-Strategie zu setzen", so Horner. Einzig Ferrari reagierte in der darauffolgenden Runde mit einem zweiten Reifenwechsel für Vettel.

Red Bulls Undercut war um ein Haar erfolgreich. "Er hätte Sebastian fast bekommen", so Horner. Verstappen lag in Runde 39 anderthalb Sekunden hinter Vettel und machte daraufhin Jagd auf den Ferrari mit der Startnummer 5. Dass Bottas und Räikkönen auf die Strategie-Spielchen eingehen würden, wurde bei Red Bull zu diesem Zeitpunkt bereits ausgeschlossen. Schließlich hatte Verstappen mit dem Undercut beinahe das Auto überholt, das in der Gruppe am weitesten vor ihm lag.

"Wären sie uns gefolgt, wären sie hinter uns rausgekommen", erklärte Horner, dass Red Bull die Nummer-zwei-Fahrer von Mercedes und Ferrari mit der Strategie erfolgreich schachmatt hatte setzen können. "Wir waren eher besorgt, dass sie vor ihm an die Box kommen würden. Deshalb haben wir einfach den Abzug betätigt und entschieden den Stopp zu machen, als klar war, dass sie draußen bleiben würden."

Verstappen erkämpft das Podium und wird bestraft

Der Abstand auf den nun Zweitplatzierten Bottas lag bei 17,724 Sekunden. Verstappen und Vettel konnten auf Supersoft jedoch über eine Sekunde pro Runde schneller fahren. In der 42. Runde ging Räikkönen an Bottas vorbei. Vettel und Verstappen hatten in Umlauf 50 eingeholt. Auf Räikkönen fehlten noch etwa drei Sekunden. Vettel kassierte Bottas in Runde 51, woraufhin Ferrari gleich darauf den Platztausch mit Räikkönen vollzog.

Verstappen ging eine Runde später an Bottas vorbei, der mit seinen Reifen offenbar überhaupt nicht mehr zurechtkam und vier Runden vor Schluss für einen Reifenwechsel an die Box kam. Verstappen holte weiter mit einer Sekunde pro Runde auf den Drittplatzierten Räikkönen auf und war in der letzten Runde in Schlagdistanz. In Turn 17 quetschte er sich innen am Ferrari vorbei und eroberte den letzten Platz auf dem Treppchen.

Die Freude über das Podest währte jedoch nur kurz, denn die Rennleitung erklärte das Überholmanöver Verstappens wegen Missachtung der Track Limits für regelwidrig und brummte dem Niederländer eine 5-Sekunden-Zeitstrafe auf. Die Entscheidung der Stewards legte einen Schatten über die starke Leistung Verstappens an diesem Tag, doch bei Red Bull überwog der Stolz. "Es ist enorm frustrierend, aber es ändert nichts daran, dass Max einen unglaublichen Grand Prix gefahren ist und es wirklich verdient hätte, auf dem Podium zu stehen", so Horner.


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