Formel 1

Kein faires Racing: Zoff bei Force India in Kanada

Der Zank zwischen Sergio Perez und Esteban Ocon überstrahlt die starke Teamleistung von Force India in Kanada. Perez verteidigt seine Teamorder-Abfuhr.
von Robert Seiwert

Motorsport-Magazin.com - Force India lieferte beim Großen Preis von Kanada eine beeindruckende Performance ab. Die Plätze fünf und sechs von Sergio Perez und Esteban Ocon wurden allerdings überschattet von einem teaminternen Zank zwischen beiden Fahrern während des Rennens. Auslöser war die Teamansage an Perez, Hintermann Ocon mit seinen frischeren Reifen vorbeizulassen, so dass dieser Jagd auf Daniel Ricciardo und damit einen Podestplatz machen konnte.

Perez weigerte sich jedoch und forderte faires Racing via Funk. Zwar hatte er im zweiten Renndrittel nicht ganz die Pace des Red Bull, machte sich aber Hoffnungen, dass Ricciardo beim Überrunden anderer Autos Zeit verlieren könnte. Oder einen Fahrfehler begeht, der dem Mexikaner den nächsten Podiumsplatz hätte einbringen können.

Fehlerfreier Ricciardo

"Ich hatte 40 Runden oder so, um es gegen Ricciardo zu probieren", sagte Perez. "Aber er hat keinen einzigen Fehler gemacht." Nicht umsonst sollte der Red-Bull-Pilot später bei der Podest-Zeremonie sagen, dass er froh war, als er die Zielflagge sah. Perez hing dem Australier praktisch das gesamte Rennen lang im Heck, fand aber keinen Weg dran vorbei.

Dann kam der Kommandostand von Force India auf die Idee, Perez und Ocon die Positionen tauschen zu lassen. Der junge Franzose hatte sich zuvor am Funk dafür ausgesprochen. Perez gefiel dieser Vorschlag - es war keine direkte Anweisung - aber überhaupt nicht: "Esteban hatte 40 oder 50 Runden hinter mir auf viel frischeren Reifen. Er war aber nie nah genug für einen Überholversuch. Am Ende sind wir alle dort angekommen, wo wir es verdient haben."

Esteban Ocon verbremst sich - Sebastian Vettel ist vorbei - Foto: Sutton

Ocon: Kein faires Racing

Das sah Ocon etwas anders. Nachdem beide Force Indias von Sebastian Vettel überholt worden waren, griff er in der letzten Runde an - doch Perez verteidigte sich hart und fuhr den fünften Platz über die Ziellinie. Noch auf seiner Inlap funkte Ocon: "Das kann er nicht machen. Er ist im letzten Moment rübergezogen. Was soll das? Das kann er nicht machen, das ist kein faires Racing. Das ist nicht fair!"

Was soll das? Das kann er nicht machen, das ist kein faires Racing.
Esteban Ocon

Das wiederrum sah Perez anders. Er habe sich in der Schikane sauber gegen Ocon verteidigt. So, wie er es gegen jeden anderen Fahrer auch getan hätte. "Ich habe die Innenseite verteidigt, weil mich Sebastian dort in der Runde zuvor überholt hatte", erklärte Perez. "Wäre er (Ocon;d.Red.) schnell genug gewesen, hätte er über die Außenseite vorbeifahren können. Ich habe einfach nur versucht, meine Position zu verteidigen."

Vettel verwies Perez und Ocon auf die Plätze 5 und 6 - Foto: Sutton

Ocon: Meine Zeit wird kommen

Beim anschließenden De-Briefing dürfte es etwas lauter geworden sein bei Force India... Nach dem Rennen zeigte sich Ocon immerhin versöhnlich. Manchmal laufe es eben so im Motorsport, sagte er. Und: "Meine Zeit wird noch kommen." Der 20-Jährige hat nach zuletzt starken Auftritten natürlich Blut geleckt. Platz vier - möglicherweise sogar das Podest - wäre das beste Ergebnis seiner jungen Karriere gewesen. In Spanien hatte er die Ziellinie bereits als Fünfter überquert.

Ob es Ocon im Gegensatz zu Perez gelungen wäre, Ricciardo zu knacken, ist allerdings unklar. Sein Vorteil: Er hatte seine Reifen in Runde 32 gewechselt, Perez schon im 19. Umlauf. "Hätte sein Pace gereicht, um Ricciardo zu überholen", fragte selbst Force Indias Chief Operating Officer Otmar Szafnauer im Gespräch mit Sky UK. "Wir kennen die Antwort nicht. Wenn es gereicht hätte, dann hätten wir die Plätze getauscht. Aber wenn es nicht klappt und du zurücktauschen musst, bist du schlechter dran."

Der Plan hätte vorgesehen, es Ocon versuchen zu lassen, und ansonsten wieder Perez vorzulassen. Eine übliche Vorgehensweise bei vielen Teams in der Formel 1. Hier gab es allerdings ein Problem in Form von Sebastian Vettel, der auf frischen Ultrasoft-Reifen zur Aufholjagd gegen Force India blies - und davon profitierte, als sich die beiden Teamkollegen ins Gehege kamen. Zunächst kassierte der Ferrari-Pilot Ocon nach einem Verbremser, wenig später auch Perez.

Zwischen Perez, Ocon und Vettel ging es ordentlich rund in Kanada - Foto: Sutton

Mercedes-Ärger aus der Ferne

Ein Umstand, der auch Toto Wolff aus der Entfernung nicht schmeckte. Das Force-India-Geplänkel war zumindest nicht unbeteiligt daran, dass Vettel - Hamiltons WM-Gegner - nach einem frühen Schaden letztendlich bis auf den vierten Platz vorfahren konnte. Schadensbegrenzung nannte es der Mercedes-Motorsportchef und fügte an: "Durch die teaminterne Reiberei bei Force India hat Sebastian noch ein paar Punkte mehr gutgemacht."

Da Ocon ein echter Sprung gelungen und er inzwischen auf Augenhöhe mit Perez ist, könnte es nicht das letzte Mal gewesen sein, dass sich die beiden um die 'Best-of-the-Rest'-Plätze streiten. So wie in Kanada soll es künftig aber nicht mehr ablaufen. Perez forderte: "Wir brauchen einen Plan und eine Lösung für die Zukunft, falls wir uns noch mal in einer solchen Position befinden. Dann wissen wir, was zu tun ist."


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