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Formel 1 - Analyse: So schnell sind die neuen Formel-1-Autos

Der große Speedvergleich 2016 vs. 2017

Die Formel 1 ist in eine neue Ära gestartet: Wie schnell sind die neuen Autos wirklich? Warum die Qualifying-Zeiten enttäuschten und das Rennen entschädigte.
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Motorsport-Magazin.com - Selten war die Formel 1 so gespannt auf einen Saisonstart wie in diesem Jahr. Die Testfahrten versprachen an der Spitze bereits Spannung, was das Rennen dann auch hielt. Testfahrten und Simulationen versprachen auch irre schnelle Autos - wie sah es damit beim Saisonstart aus? Der große Motorsport-Magazin.com Speed-Vergleich.

Nach dem Qualifying war der ein oder andere etwas enttäuscht: Nur 1,649 Sekunden war die Pole-Zeit von Lewis Hamilton schneller als im Vorjahr. Die Intention der Regeländerung war, die Autos - je nach Strecke - zwischen drei und fünf Sekunden schneller zu machen.

Aber Vorsicht: Die Zielvorgabe von drei bis fünf Sekunden orientierte sich an den 2015er Zeiten. Vor zwei Jahren fuhr Hamilton mit 1:26,327 Minuten auf Pole. Da ist die Pole-Zeit vom vergangenen Wochenende mit 1:22,188 Sekunden schon mehr als vier Sekunden schneller. Die 2017er Pole-Runde ist Streckenrekord im Albert Park.

Melbourne 2016 schon sauschnell

Dass die Verbesserung zum Vorjahr nicht so spektakulär ausfiel, hat zwei Gründe: Zum einen war die Hamilton-Zeit von 2016 schon sehr nah am Streckenrekord von Sebastian Vettel aus 2011 (1:23.529 Minuten) dran, zum anderen ist der Albert Park eine Stop-and-Go-Strecke. Das ist nicht unbedingt die Stärke der neuen Autos.

2016 2017 Diff. absolut Diff. relativ
Sektor 1 27,779 s 26,976 s -0,803 s -2,89%
Sektor 2 22,380 s 22,252 s -0,128 s -0,57%
Sektor 3 33,653 s 32,853 s -0,800 s -2,38%
Pole 1:23,837 min 1:22,188 min -1,649 s - 1,97%

Beim Blick auf die Sektoren sticht Sektor 2 heraus: Die Quali-Bestzeit ist nur eine Zehntelsekunde schneller als 2016 - gerade einmal 0,57 Prozent. Hier geht es aber auch fast nur geradeaus. Ebenfalls nicht die Stärke der 2017er Boliden. In den kurvenreicheren Sektoren 1 und 3 holen die neuen Autos jeweils acht Zehntelsekunden. Die relative Verbesserung ist in Sektor 1 mit 2,89 Prozent am größten. Die schnellen Kurven 1 und 5 schmecken den Autos.

Topspeed fast identisch

Die Geschwindigkeits-Werte gingen in Melbourne übrigens nur moderat zurück. Auf anderen Strecken wird die Differenz zum Vorjahr größer sein. Durch die breiteren Boliden und Reifen ist der Luftwiderstand in diesem Jahr höher - also sinken Höchstgeschwindigkeiten. Einen Teil können die stärkeren Motoren kompensieren. Auf Strecken, auf denen höhere Geschwindigkeiten erzielt werden, wiegt der gestiegene Luftwiderstand aber schwerer.

Qualifying

2016 2017 Differenz
Topspeed 330,3 km/h 328,6 km/h -1,7 km/h
Ende Sektor 1 291,2 km/h 289,5 km/h -1,7 km/h
Ende Sektor 2 304,0 km/h 301,3 km/h -2,7 km/h
Ziellinie 314,9 km/h 313,2 km/h -1,7 km/h

Rennen

2016 2017 Differenz
Topspeed 315,6 km/h 320,8 km/h 5,2 km/h
Ende Sektor 1 278,7 km/h 284,9 km/h 6,2 km/h
Ende Sektor 2 305,2 km/h 300,0 km/h -5,2 km/h
Ziellinie 309,8 km/h 314,3 km/h 4,5 km/h

Im Qualifying ging der Spitzenwert von 330,3 auf 328,6 Stundenkilometer zurück. Der Unterschied fällt auch so gering aus, weil die letzte Kurve vor Start- und Ziel nun viel schneller ist. Der Top-Speed wird 123 Meter vor Kurve 1 gemessen. Die Geschwindigkeit am Ende von Sektor 2 ging hingegen um 2,7 km/h zurück. Weil die Kurven 9 und 10 zu Beginn der Vollgas-Passage deutlich langsamer sind.

Interessant: Im Rennen sind die Geschwindigkeitswerte außer am Ende von Sektor 2 sogar gestiegen. Das liegt wohl vor allem an den Reifen, weniger an den fünf Kilogramm Extra-Benzin. Weil die Reifen viel besser halten, müssen die Autos im Renntrimm nicht mehr durch die Kurven getragen werden. Wer schneller aus der Kurve kommt, ist auf der Geraden schneller. Im Qualifying lieferte auch die alte Pirelli-Generation schon ähnlichen Grip, deshalb macht sich der Effekt nur im Rennen bemerkbar. Dazu kommt, dass die neuen Boliden stärkeren Windschatten liefern. Im Qualifying fährt niemand freiwillig im Heck eines anderen Autos.

Rennpace nimmt drastisch zu

Viel interessanter als die Geschwindigkeitswerte im Rennen sind aber die Rundenzeiten im Renntrimm. Denn das war die große Kritik der Fahrer: Die Qualifying-Pace war auch mit den alten Autos nicht das Problem, auf vielen Strecken war 2016 nah an Rekorden dran, teilwiese wurden sie sogar gebrochen.

2016 2017
Ultrasoft
Längster Stint - 34 Runden
Schnellste Rennrunde - 1:26,711
Supersoft
Längster Stint 17 Runden 43 Runden
Schnellste Rennrunde 1:28,997 1:26,946
Soft
Längster Stint 24 Runden 43 Runden
Schnellste Rennrunde 1:30,137 1:26,538
Medium
Längster Stint 41 Runden -
Schnellste Rennrunde 1:30,557 -

Im Rennen aber mussten die Piloten ihre Autos durch die Kurven tragen, weil die Reifen sonst in die Knie gingen. Das ist in diesem Jahr deutlich besser. Kimi Räikkönen fuhr in diesem Jahr die schnellste Rennrunde auf 30 Runden alten Soft-Pneus. Im Vorjahr hatten Daniel Ricciardos Supersoft-Reifen nur sieben Runden auf dem Buckel, als er die schnellste Rennrunde drehte.

2016 brachte Pirelli Supersoft, Soft und Medium nach Melbourne, in diesem Jahr Ultrasoft, Supersoft und Soft. Doch Vergleiche zwischen den Mischungen funktionieren nicht, weil die 2017er Pirellis allesamt deutlich härter sind. Der längste Rennstint auf Ultrasoft war 2017 34 Runden lang. Die Supersofts hielten sogar 43 Runden. Im Vorjahr fuhr niemand länger als 17 Runden mit Supersoft.

Von Schumi 2004 fast überrundet

Auf die Rundenzeiten wirkt sich das wie folgt aus: Sebastian Vettel fuhr bei seinem Sieg 2017 im Schnitt 3,6 Sekunden pro Runde schneller als Nico Rosberg bei seinem Sieg 2016. Die Rennunterbrechung nach dem Alonso-Unfall 2016 wurde natürlich genauso berücksichtigt wie die zusätzliche Einführungsrunde 2017. Die 3,6 Sekunden sind folglich reine Renn-Pace.

Über die Renndistanz ergibt sich somit eine Zeitdifferenz von rund dreieinhalb Minuten. Dabei bekam Rosberg 2016 durch die Rennunterbrechung auch noch einen Boxenstopp geschenkt.

Der Rennrekord stammt aus dem Jahr 2004. Michael Schumacher benötigte für die Renndistanz 1:24:15,757 Stunden. Rennsieger Vettel überquerte 2017 nach 1:24:11,672 Stunden die Ziellinie - allerdings nach 57 statt 58 Runden. 2004 allerdings durfte während des Rennens noch nachgetankt werden, die Autos waren vor allem bei Rennbeginn also deutlich leichter.

Was haltet Ihr von der neuen Formel 1? Hat euch das Rennen gefallen? Was kann man noch verbessern? Schreibt uns in den Kommentaren!


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