Formel 1

Nico Rosbergs Erben: Sebastian Vettel und die anderen Deutschen im Formcheck

Ein vierfacher Weltmeister, ein Le-Mans-Sieger und ein DTM-Champ. Deutschland ist auch 2017 gut vertreten und sollte imstande sein, einiges zu erreichen.
von Haris Durakovic

Motorsport-Magazin.com - Der amtierende Weltmeister Nico Rosberg hat also seinen Hut gezogen, ein WM-Titel reichte dem Deutschen, mehr wollte und musste er auch nicht erreichen. Doch ist mit ihm auch jegliche Hoffnung auf Glanzlichter made in Germany verschwunden? Ganz gewiss nicht.

Mit dem Vierfach-Weltmeister Sebastian Vettel, Routinier Nico Hülkenberg und dem erfolgshungrigen Youngster Pascal Wehrlein hat Deutschland drei Fahrer im Rennen, die jeweils einiges reißen können. Vettels Chancen auf einen fünften Titelgewinn- nach den zugegeben wenig aussagekräftigen Testfahrten - scheinen gar nicht mal so schlecht zu stehen. Motorsport-Magazin.com mit einem Formcheck der deutschen Fahrer.

Sebastian Vettel: Rosbergs Erbe?

Ferrari machte bei den Saisonvorbereitungen eine gute Figur - Foto: Sutton

Ferrari hat bei den Testfahrten in Barcelona für staunende Gesichter gesorgt. Sowohl Kimi Räikkönen als auch Sebastian Vettel waren bei den Topzeiten mit bei der Musik. Zwar kam die absolute Bestzeit der Wintertestfahrten von Räikkönen, doch Vettel lupfte bei seinem schnellsten Umlauf am vorletzten Testtag in Barcelona auf der langen Geraden bemerkbar. Da wäre also mehr drin gewesen.

Die Zeiten: Vettel zeigte sich an keinem der vier Testtagen die Blöße. Am ersten Testtag blieb der Deutsche nur knapp hinter der Bestzeit von Lewis Hamilton. Mit 1:21.878 Minuten fehlte Vettel am Ende knapp über eine Zehntelsekunde auf die erste schnellste Runde der 2017er Boliden. Am zweiten Testtag musste er sich hinter Mercedes-Neuling Valtteri Bottas einreihen. Doch zeitlich gab es einen deutlichen Sprung nach vorn. Vettel knackte mit 1:19.952 die 1:20er-Marke knapp. In der zweiten Testwoche wollte es der Vierfach-Weltmeister noch einmal wissen und brannte mit 1:19.024 Minuten die zweitschnellste Zeit der Wintertestfahrten in den spanischen Asphalt, knappe vier Zehntelsekunden hinter seinem Teamkollegen Kimi Räikkönen.

Für die Scuderia lief in Barcelona fast alles rund - Foto: Sutton

Die Zuverlässigkeit: Vettel scheint richtiggehend vernarrt in den SF70H. Anders lassen sich die 591 Runden an vier Testtagen nicht erklären. Vom kleinen Scherz einmal abgesehen sammelte der Deutsche eine Menge wichtiger Daten für sein Team, die Zuverlässigkeit ließ ihn dabei nur einmal im Stich, als er am Mittwoch in der ersten Testwoche ausrollte. Ob es sich dabei tatsächlich um ein Zuverlässigkeits-Manko handelte, scheint dennoch unwahrscheinlich. Wahrscheinlicher ist, dass Vettel einfach der Sprit ausging. Dazu kommt ein kurzer Ausritt ins Kiesbett. Angesichts der neuen Boliden und der neuen Reifen fällt dies allerdings nicht besonders ins Gewicht. Vettels SF70H lief wie ein Uhrwerk. Darauf kann Ferrari schon einmal etwas beruhigter nach Melbourne reisen.

Nico Hülkenberg: Neues Team, neues Glück?

Nico Hülkenberg will sich mit Renault im Mittelfeld durchsetzen - Foto: Sutton

An die Farbkombination von Nico Hülkenbergs Rennoverall muss man sich erst noch gewöhnen. Auch er musste sich an einiges gewöhnen, wechselte er nach insgesamt vier Jahren bei Force India zum Renault-Werksteam. Wunderdinge braucht man sicherlich keine erwarten, zumindest nicht in seinem ersten Jahr. Renault landete im ersten Jahr nach der F1-Rückkehr mit nur acht Pünktchen auf dem neunten Platz in der Konstrukteurswertung.

Die Zeiten: Am ersten Tag hieß es für Hülkenberg wie für jeden anderen Piloten: Erst einmal an das neue Material gewöhnen. Der Deutsche hatte mit einer Zeit von 1:24.784 Minuten aber dennoch einen gehörigen Rückstand auf die Pace-Setter. Doch nicht nur auf sie, auch auf die direkte Konkurrenz. Kevin Magnussen im Haas zum Beispiel. Der Däne lag in seinem schnellsten Umlauf fast zwei Sekunden vor der persönlichen Bestzeit von Hülkenberg. Am zweiten Tag konnte sich der Deutsche nur marginal verbessern. Bis zum letzten Testtag konnte der Renault-Neuling die 1:21er-Marke nicht knacken. Auf Ultrasofts gelang ihm dann beim Testabschluss mit 1:19.885 ein kleiner Befreiungsschlag. Hülkenberg weiß: Die To-do-Liste wird länger. "Es kommen immer neue Dinge zur Liste hinzu, während du dazulernst. In diesem Sport ist das eine niemals endende Geschichte mit den Ingenieuren und den Millionen von Möglichkeiten beim Setup", so Hülkenberg.

Kinderkrankheiten am R.S.17 zwangen den Hulk mehrfach zum Zuschauen - Foto: Sutton

Die Zuverlässigkeit: Mit insgesamt 314 Runden führt Hülkenberg das untere Drittel in der Rundenbilanz an. Zum Vergleich: Rundenkönig Valtteri Bottas hat mit 628 Runden exakt die doppelte Laufleistung an seinen vier Testtagen geschafft als Hülkenberg. Der Deutsche verbrachte mehr Zeit an der Box als ihm lieb war. Die Technik bereitete dem französischen Team durchaus Kopfzerbrechen. "Wir haben immer noch Probleme mit dem Auto hier und da. Wir bekommen die Runden nicht zusammen, wie wir das wollen", so Hülkenbergs Fazit. Dennoch: Renault hat als Werksteam ein entsprechendes Budget und mit der Erfahrung Hülkenbergs kann er über den Saisonverlauf noch die Kohle aus dem Feuer holen. Wunderdinge kann man aber (noch) nicht erwarten.

Pascal Wehrlein: Mit Handicap in die neue Saison

Nein, das Handicap heißt nicht Sauber, auch wenn man das angesichts der Rundenzeiten während der Testfahrten durchaus vermuten könnte. Pascal Wehrlein hat sich bei einem Unfall beim Race of Champions in Miami am Rücken verletzt. Auf Anraten der Ärzte sagte er die ganze erste Testwoche ab. Ihm fehlt also einiges an Erfahrung mit dem neuen Auto und dem neuen Team. Nach dem Wegfall von Manor könnte 2017 ein weiteres frustrierendes Jahr für den jungen Deutschen werden. Denn kämpften Sauber und Manor vergangenes Jahr noch um Positionen, scheint dem Schweizer Team diese Saison der Gegner im Fahrerfeld zu fehlen. Wehrlein ist aber für seinen Kampfgeist und Ehrgeiz bekannt.

Pascal Wehrlein steht mit Sauber eine schwierige Aufgabe bevor - Foto: Sutton

Die Zeiten: Doch der Deutsche kam gleich von Anfang an gut zurecht mit seinem neuen Dienstfahrzeug. An drei der vier gemeinsamen Testtage schlug Wehrlein Ericsson auf der Strecke. An seinem ersten Testtag lag er mit einer Zeit von 1:23.336 Minuten auch noch vor Renault-Pilot Jolyon Palmer. Bis zum dritten Tag konnte Wehrlein seine persönliche Bestzeit kontinuierlich verbessern. Lediglich beim Testabschluss fiel er zurück. Für den ehemaligen DTM-Meister wird die bevorstehende Saison aber dennoch eine harte Nuss. Ericsson soll durch stärkere Finanzpartner im Rücken teamintern bevormundet zu sein. Sich gegen diese Phalanx durchzusetzen, wird eine der ersten großen schweren Aufgaben, die Wehrlein zu bewältigen hat.

Boxenbesuche waren bei Sauber bisher weitestgehend Routine - Foto: Sutton

Die Zuverlässigkeit: Der Sauber lief über die ganzen Testfahrten gut. Ericsscons insgesamt 445 Runden unterstreichen den Eindruck, dass das Schweizer Team in Sachen Zuverlässigkeit seine Hausaufgaben gemacht hat. Wehrlein selbst war nicht auf Zeitenjagd aus, zumal ein kleiner Fehler gleich ein Vermögen kosten könnte. "Ich habe ein bisschen aufgepasst, weil wir neue Teile am Auto hatten und keine Ersatzteile haben. Da will man das Auto nicht beschädigen, sonst ist die ganze Testwoche umsonst, weil wir keine Referenz haben", sagte er. Laufen tut der C36 ohne größere Probleme. Doch über die Saison gesehen wird Sauber abfallen, weil sie mit dem Vorjahresmotor von Ferrari unterwegs sind, es in dem Bereich also keine Weiterentwicklung geben wird.


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