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Geheime Zeiten: So langsam waren die Reifen-Tests

Mercedes, Ferrari und Red Bull bauten extra Test-Fahrzeuge für Pirelli. Motorsport-Magazin.com hat die geheimen Rundenzeiten.
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - 2017 ändert sich das Technische Reglement der Formel 1 gravierend. Auf der einen Seite werden die Reifen um 25 Prozent breiter, auf der anderen Seite wachsen auch die Autos in die Breite und generieren deutlich mehr Abtrieb. Pirelli stand deshalb bei der Entwicklung für die 2017er Pneus vor einer doppelten Aufgabe.

Erstens muss Pirelli einen neuen Reifen nach den breiteren Maßen entwickeln, zweitens auch noch auf die zu erwartenden Kräfte für 2017 auslegen. Um diese Aufgabe einigermaßen bewerkstelligen zu können, wurden dem Reifenhersteller zusätzliche Tests eingeräumt.

Ferrari, Red Bull und Mercedes sollten dazu ihre 2015er Boliden umbauen, damit die Fahrzeuge auf ein ähnliches Abtriebsniveau kommen. Für die sogenannten Mule-Cars galten strenge Regeln, damit die drei Teams nicht schon Tests für 2017 fahren können. Doch die umgebauten Autos waren vor allem anfangs weit von dem entfernt, was die meisten im kommenden Jahr erwarten.

2015er Autos selbst getunt zu langsam

Das Problem: Die Teams durften nur die 2015er Autos umrüsten. Die allerdings sind schon deutlich langsamer als die 2016er Generation. Die Aerodynamik durfte aufgerüstet werden, die Power Units allerdings nicht - deshalb hatten die Fahrzeuge beim Test ein nicht zu vernachlässigendes Leistungs-Defizit.

An den 22 Testtagen waren Journalisten ausgesperrt. Mehr als eine Rundenstatistik und die eingesetzten Fahrer drangen nicht nach außen - bis jetzt. Motorsport-Magazin.com verfolgte den letzten Test in Abu Dhabi von der Terrasse des Streckenhotels aus - das übrigens einen deutlich besseren Blick als das Media Center bietet.

Bewaffnet mit drei Stoppuhren - je eine für Mercedes, Red Bull und Ferrari - gab es die ersten Rundenzeiten von den Reifentests. Sicherlich reicht die Genauigkeit nicht an die der offiziellen Zeitnahme heran, doch ganz weit weg von der Realität sind auch handgestoppte Zeiten nicht - früher entstanden schließlich Startaufstellungen auf diese Weise.

Am letzten Testtag, dem einzigen übrigens, an dem die drei Teams gleichzeitig auf der Strecke waren, konzentrierte sich Pirelli auf Longruns. "Wir haben nur mit viel Benzin getestet", sagte ein Pilot.

Fahrzeug Stint-Länge Durchschntl. Rundenzeit
Ferrari 9 1:44,816
Red Bull 11 1:46,049
Ferrari 11 1:46,127
Mercedes 10 1:46,356
Mercedes 22 1:46,500
Red Bull 24 1:46,744
Red Bull 22 1:46,746
Ferrari 10 1:47,149
Mercedes 18 1:48,037

Die handgestoppten Zeiten ergaben beim schnellsten Longrun einen Schnitt von 1:44,8 Minuten. Allerdings dauerte der Run nur neun Runden. Die etwas repräsentativeren Runs mit 20 Runden und mehr kamen allesamt auf einen Schnitt von 1:46,5 Minuten und mehr. Pirelli wollte diese Zeiten nicht bestätigen, doch auf 20 Runden verteilt sollte sich der Messfehler im nicht relevanten Bereich befinden.

Zum Vergleich: Lewis Hamilton fuhr beim Abu Dhabi GP im zweiten Stint (Runde 9-27) einen Schnitt von 1:46,496 Minuten. Dabei fuhr der Mercedes-Pilot bekanntermaßen nicht am Limit. Die Pace der Mule-Cars ist also sehr ähnlich der Pace der aktuellen Boliden. Dabei werden für 2017 Steigerungen von rund fünf Sekunden auf den meisten Strecken erwartet.

Fraglich deshalb, wie relevant die Reifen-Testfahrten überhaupt waren. Unklar ist, wie viel Zeit die Autos durch das Leistungs-Defizit auf den Geraden verloren haben. Ein Fahrer sagte: "In den Kurven waren wir schon deutlich schneller." Die lateralen Kräfte sind es auch, die Pirelli Angst machen - insofern konnten zumindest hier repräsentativere Daten gesammelt werden.

Doch ein großes Fragezeichen steht noch hinter der Charakteristik beim Reifenabbau - dem größten Kritikpunkt der aktuellen Pirelli-Pneus. Das Problem: Überhitzten die Reifen einmal, kamen sie nicht mehr zurück. Entweder glückte das Überholmanöver sofort, oder der Reifen war dahin. "Daran haben wir gearbeitet", verspricht Pirellis Mario Isola.

Allerdings generieren die Fahrzeuge 2017 mehr Downforce, dirty air könnte sich noch schlimmer auswirken als bisher. Das allerdings konnte Pirelli noch gar nicht testen: Wie sich die Reifen verhalten, wenn die Autos in verwirbelter Luft stärker rutschen. 21 Testtage fuhren die Mule Cars nur alleine auf der Strecke, nur am letzten fuhren immerhin drei gleichzeitig. Doch Zweikämpfe gab es da natürlich auch nicht.


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