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Formel 1

Wenn es Nacht wird in Silverstone... - Großbritannien GP: Die 7 Schlüsselfaktoren

...träumt Lewis Hamilton vom Hattrick, hofft Nico Rosberg auf einen guten Start und graut Toto Wolff vor der nächsten Mercedes-Kollision.
von Raphaela Scheidl & Philipp Schajer

1. S - wie Startaufstellung

Mit einer wahren Machtdemonstration sicherte sich Lewis Hamilton bei seinem Heimrennen die 55. Pole Position seiner Karriere. Der Mercedes-Pilot nahm seinem Teamkollegen Nico Rosberg mehr als drei Zehntelsekunden ab und nimmt nach seinem dramatischen Sieg in Spielberg Kurs auf den nächsten Erfolg. Die Statistik spricht allerdings gegen einen Sieg Hamiltons, denn auf kaum einer Strecke ist die Pole Position so unwichtig wie in Silverstone. In den letzten 18 Jahren gewann nur vier Mal der Pole-Sitter, sechs Mal hingegen der von Platz zwei startende Pilot.

Hamilton schlug Rosberg im Pole-Duell - Foto: Mercedes-Benz

Die zweite Startreihe wird geschlossen von Red Bull besetzt, wobei Max Verstappen erstmals im Qualifying die Oberhand gegenüber Daniel Ricciardo behielt. Erst auf Platz fünf kommt mit Kimi Räikkönen der erste Ferrari-Pilot, der Finne teilt sich die dritte Startreihe mit Williams-Mann Valtteri Bottas. Sebastian Vettel ist indessen nur auf dem elften Platz zu finden. Der Heppenheimer fuhr im Qualifying zwar die sechste Zeit, wurde wegen eines Getriebewechsels - es ist bereits der dritte in der laufenden Saison - um fünf Positionen strafversetzt.

2. S - wie Start

Im Gegensatz zu den letzten Rennen starten die Top-10 in Silverstone geschlossen auf den weichsten zur Verfügung stehenden Reifen, der Soft-Mischung. "Das Griplevel ist sehr gering, daher wird der Start diesmal außergewöhnlich schwierig werden", blickt Nico Rosberg gespannt dem Erlöschen der Ampeln entgegen. Der Deutsche hofft, wie schon mehrfach in jüngerer Vergangenheit seinen besser platzierten Teamkollegen am Start zu überrumpeln. "Das ist meine Chance", weiß Rosberg, dass das Duell mit Hamilton bereits früh entschieden werden könnte.

Streckendaten
Länge: 5,891 km
Runden: 52
GP-Distanz: 306,332 km
Rundenrekord: 1:30.874 (Fernando Alonso, 2014)
Kurven: 18
Weg bis zur ersten Kurve: 420 m
Länge Boxengasse: 489 m
Zeit in Box bei 60 km/h: 23,0 Sekunden

3. S - wie Strategie

Ab diesem Rennen teilt Pirelli den Teams für jede Reifenmischung eine gewisse Rundenanzahl mit, die aus Sicherheitsgründen pro Satz nicht überschritten werden sollte. Bei der Hard-Mischung sind dies in Silverstone 26 Runden, bei der Medium-Mischung 28 und die Soft-Mischung sollte nicht länger als 15 Umläufe gefahren werden.

Auf Basis dieser Empfehlung ergibt sich laut dem italienischen Reifenfabrikanten eine Zwei-Stopp-Strategie als schnellste Taktik: Nach zwei Stints zu je zwölf Runden auf den Soft-Reifen folgt ein Schluss-Stint von 28 Runden auf den Medium-Pneus. Die zweitschnellste Strategie ist Pirelli zufolge drei Stopps mit zunächst drei Stints zu je zwölf Runden auf den Soft-Reifen und einem Schluss-Stint zu 16 Runden auf der Medium-Mischung.

4. S - wie Sonntagswetter

Die Wetterprognose für den Sonntag in Silverstone ist weder Fisch noch Fleisch. Den ganzen Tag über könnte es immer wieder regnen, allzu hoch ist die Niederschlagswahrscheinlichkeit allerdings nicht - typisch britisch, könnte man sagen. Abgesehen von Mercedes hoffen nahezu alle Teams auf Regen, damit sich das Kräfteverhältnis ein wenig durchmischt. "Wenn es regnet, könnten wir viel näher an Mercedes dran sein", würde sich Max Verstappen über Nass von oben freuen.

5. S - wie Strecke

Nirgendwo anders als in Silverstone ist die Geschichte der Formel 1 so greifbar wie in Silverstone, schließlich fand hier im Mai 1950 das erste Rennen in der Geschichte der Königsklasse statt. Obwohl der Silverstone Circuit über die Jahre immer wieder umgebaut wurde, hat er nichts von seiner Faszination verloren und besticht mit traditionsreichen Kurven wie Maggotts, Becketts, Chapel, Stowe und Woodcote.

Obwohl es in Silverstone einige lange Geraden wie die Hangar Straight gibt, ist die Aerodynamik das A und O. Nur wer über ein gutes Chassis verfügt, ist in den vielen rasanten Kurven schnell genug, um am Ende ein gutes Ergebnis einzufahren. Das erklärt nicht zuletzt, weshalb Red Bull gegenüber Ferrari ganz klar die Oberhand hat.

Der Silverstone Circuit - Foto: Motorsport-Magazin.com

6. S - wie Silberpfeil-Duell

Mercedes hat sich nach der wiederholen Kollision zwischen Nico Rosberg und Lewis Hamilton zwar gegen die Verhängung von Teamorder entschieden, allerdings klare Spielregeln aufgestellt, die verhindern sollen, dass es erneut zum Crash kommt. Verstoßen die Piloten dagegen, drohen drastische Konsequenzen, die von hohen Geldstrafen bis hin zu sportlichen Konsequenzen führen.

Sobald die Lichter auf Grün gehen, sind sie verantwortlich
Toto Wolff

Angesichts der jüngsten Vorkommnisse wird es umso spannender zu beobachten sein, mit wie harten Bandagen sich Hamilton und Rosberg auf dem Weg zur ersten Kurven bekämpfen. "Sobald die Lichter auf Grün gehen, sind sie verantwortlich", stellte Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff unmissverständlich klar. "Wir sitzen nicht mit ihnen im Auto. Das ist gut, weil es so komplett in ihren Händen liegt. Und auch der Ausgang liegt in ihren Händen."

7. S - wie Sieger

Hamilton gewann schon 2014 und 2015 in Silverstone - Foto: Sutton

Dass der Sieg einzig und alleine über Mercedes führt, liegt nach der bärenstarken Vorstellung im Qualifying auf der Hand. Gewinnt Hamilton, wäre es sein dritter Triumph in Folge beim Heimrennen, das gelang zuletzt Jim Clark in den 60er-Jahren. "Meine Longrun-Pace war am Freitag stark und ich habe das Gefühl, dass die Balance für das Rennen gut ist. Ich kann es kaum erwarten, morgen wieder alle da draußen zu sehen", brennt der Lokalmatador schon auf den Rennstart.

Für Rosberg wäre es indessen nach 2013 der zweite Sieg in Silverstone - und diesen will der Mercedes-Pilot auch mit aller Macht holen. "Ich werde ganz sicher auf Sieg fahren", kündigt der Deutsche an. Sollten sich die Mercedes-Piloten an der Spitze doch abschießen, hat Red Bull die besten Chancen, den Sieg zu erben. Doch auch Daniel Ricciardo ist klar, dass ohne silberne Mithilfe Rang drei das höchste der Gefühle sein dürfte. "Die beiden Mercedes werden sich vermutlich an der Spitze duellieren, und hinter ihnen sollte es einen guten Kampf geben", so der Australier.

Und wie tippt die Motorsport-Magazin.com-Redaktion? Das sind unsere (nicht immer ganz ernst gemeinten) Tipps für den Großbritannien Grand Prix:

Chris Lugert: Mercedes ist in Silverstone zu stark, auch eine Kollision bleibt dieses Mal aus. Leider. Lewis Hamilton wird den Start gewinnen und problemlos zum Sieg fahren, allen Pole-Statistiken zum Trotz. Nico Rosberg muss sich mit dem zweiten Platz begnügen. Der Vorsprung des Deutschen in der WM-Wertung schmilzt dadurch auf vier Punkte zusammen. Auf Rang drei landet Max Verstappen. Mein Zusatztipp: Zum zweiten Mal in dieser Saison kommt ein Renault in die Punkte.

Chris' Top-3-Tipp: 1. Hamilton 2. Rosberg 3. Verstappen

Marion Rott: Ich hoffe, ich habe Unrecht, aber meiner Meinung nach wird der Großbritannien GP ein Schnarcher - zumindest im Kampf um die Spitze. Hamilton gewinnt den Start, Rosberg fährt ihm hinterher. Durch die klare Ansage der Silberpfeile gibt es diesmal kein Gerangel um den Sieg, sondern sie fahren genauso ins Ziel, wie sie gestartet sind. Dahinter gibt es ein Bullenduell zwischen Verstappen und Ricciardo, in das sich auch noch Vettel einmischt.

Marions Top-3-Tipp: 1. Hamilton 2. Rosberg 3. Ricciardo

Philipp Schajer: Es spricht schon fast zu viel für Lewis Hamilton, trotzdem rechne ich damit, dass er den Hattrick bei seinem Heimrennen perfekt macht. Reizvoll wäre natürlich eine erneute Mercedes-Kollision, aber dazu wird es eher nicht kommen. Vielmehr wird sich Nico Rosberg fügen und mit dem zweiten Platz begnügen. Dritter wird wie schon in Spielberg Max Verstappen.

Philipps Top-3-Tipp: 1. Hamilton 2. Rosberg 3. Verstappen

Robert Seiwert: Ricciardo. Muss gewinnen. Quali gegen Max schon verkackt, da gönnt man der Grinsekatze einen Sieg. Geht nur, weil Hamilton und Rosberg crashen. Und wir dann hoffentlich erfahren, was der ach so abschreckende Verhaltenskodex vorsieht.

Roberts Top-3-Tipp: 1. Ricciardo2. Vettel 3. Hülkenberg (wie EM, knapp vorbei am Sieg)


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