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Formel 1

Formel 1 funktioniert anders als Fußball - Überall Verwirrung: Neues Qualifying zu komplex?

Der neue Qualifying-Modus der Formel 1 sorgt vor seiner Feuertaufe für Verwirrung, Angst und Warnungen, Fans zu verschrecken. Doch Stillstand will auch keiner.
von Jonas Fehling & Robert Seiwert

Motorsport-Magazin.com - Das neue Qualifying in der Formel 1 ist fix. Nach der finalen Absegnung durch den Weltmotorsportrat in Genf hat die FIA das neue Knockout-Format am Freitag offiziell in das Sportliche Reglement aufgenommen. Damit gilt ab dem Saisonauftakt in Melbourne, Australien der neue Modus im Stil der Reise nach Jerusalem.

Der Weg zur Einführung verlief ziemlich chaotisch. Erst nach großem Hickhack und mehreren, teilweise später wieder revidierten, Feinjustierungen stand das neue Qualifying-System. Entsprechend groß ist aktuell noch die Verwirrung. "Die Ingenieure glauben nicht, dass es funktionieren wird, aber ich weiß nicht genau", sagt Lewis Hamilton bei der Saisoneröffnungsfeier von Mercedes.

Die Regeln müssen einfacher sein, damit die Zuschauer sie besser verstehen.
Lucas di Grassi

"Ich habe es (das Reglement; Anm. d. Redaktion) nicht gelesen und auch nicht verstanden. Ich habe immer gedacht, das Qualifying hat bis jetzt gut ausgesehen. Am Rennen etwas zu ändern wäre wichtiger gewesen als am Qualifying", sagt unterdessen Formel-E-Spitzenreiter Sébastien Buemi am Rand des Mexiko ePrix zu Motorsport-Magazin.com. Dabei müsste sich Buemi eigentlich mit komplizierten Formaten ausgekennen: In der Formel etwa wird erst gelost, dann gibt es vier Gruppen und schließlich einen finalen Pole-Shootout der fünf gruppenübergreifend Schnellsten als Einzelzeitfahren.

Verurteilen möchte der Testfahrer von Red Bull Racing das neue Format der Formel ohnehin nicht. Warum? "Warten wir auf das erste Rennen und schauen dann. Ich bin nicht negativ. Ich möchte es vorher sehen", sagt Buemi.

Es wird immer alles ein bisschen zu kompliziert gemacht. Irgendwie muss man schauen, dass die Leute es verstehen.
Daniel Abt

Dessen Hauptkonkurrent in der Formel E, Lucas di Grassi, ist im Gespräch mit Motorsport-Magazin.com noch ähnlich verwirrt: "Ich weiß nicht genau. Ich habe ein paar Gerüchte gehört. Ich denke, die Formel 1 muss es aufregender machen, aber ich weiß nicht, ob das Qualifying da das Richtige ist. Die Regeln müssen einfacher sein, damit die Zuschauer sie besser verstehen. Manchmal hat es dann den gegenteiligen Effekt, wenn sie es komplexer machen. Ich bin für klarere, einfachere Regeln."

Wolff & Rosberg: Die Formel 1 muss sich permanent verbessern

Nuancen kann die Formel 1 laut Nico Rosberg immer verbessern - Foto: Sutton

Genauso klingt Teamkollege Daniel Abt. "Ich habe es noch nicht zu 100 Prozent verstanden. Das ist vielleicht ein Problem, wenn es unverständlich wird. Es wird immer alles ein bisschen zu kompliziert gemacht. Irgendwie muss man schauen, dass die Leute es verstehen", mahnt Abt auf Nachfrage von Motorsport-Magazin.com.

Der Audi-Pilot will ähnlich wie Buemi das neue System allerdings nicht schon im Vorfeld verteufeln - im Gegenteil. "So wie ich es bisher gelesen habe, finde ich es gar nicht schlecht. Wenn es funktioniert, könnte es spannend werden. Es ist schon gut, dass es da mal einen Sprung gibt", sagt Abt.

Wir tendieren dazu, die Vergangenheit durch die rosarote Brille zu sehen. Die Formel 1 ist ein Business, das wir immer noch verbessern können.
Toto Wolff

Dem kann Toto Wolff nur zustimmen. "Wir tendieren dazu, die Vergangenheit durch die rosarote Brille zu sehen. Die Formel 1 ist ein Business, das wir immer noch verbessern können. Ich erinnere mich an Jahre in den 80ern, als es kein Überholen gab und als es immer die gleichen Sieger gab. Wir sind Stakeholders des Sports, wir sollten den Sport nicht runterreden", mahnt der Mercedes-Motorsportchef.

Nico Rosberg stimmt Wolff zu: "Ich bin ein großer Fan des Sports und denke, der Sport ist großartig. Aber ich glaube auch, dass man Einiges besser machen könnte. Wir müssen uns eben ständig hinterfragen, was wir besser machen können."

Darum hat es die Formel 1 schwerer als der Fußball

Im Fußball braucht man sich um Regeländerungen nicht zu kümmern - Foto: Red Bull

Doch warum ist das überhaupt der Fall? Fußball etwa kommt seit Ewigkeiten ohne große Regeländerungen aus, im Motorsport hingegen wird gefühlt jährlich massiv an der Reglement-Schraube gedreht. "Ja, Fußball funktioniert seit Jahren. Fußball wächst aber auch seit Jahren. Motorsport wächst nicht, Motorsport schrumpft auf der ganzen Welt. Deshalb versucht man immer, neue Dinge zu entwickeln", sagt Daniel Abt im Gespräch mit Motorsport-Magazin.com.

Lässt man es wie es ist, ist es nichts. Macht man es anders, ist es auch nichts. Da hat es der Fußball generell einfacher, weil der Sport einfach weniger komplex ist.
Daniel Abt

"Die DTM geht auf zwei Rennformate, die Formel E ist ein ganz neues Konzept. Jeder versucht, irgendwie die Fans anzulocken - das ist gar nicht so leicht. Im Moment habe ich das Gefühl, der Motorsport kann es den Leuten auch nicht wirklich recht machen. Lässt man es wie es ist, ist es nichts. Macht man es anders, ist es auch nichts. Da hat es der Fußball generell einfacher, weil der Sport einfach weniger komplex ist", erklärt Abt.

Hamilton: Qualifying muss vor allem den Fans gefallen

Für Lewis Hamilton zählt vor allem die Meinung der Fans zum neuen Qualifying - Foto: Sutton

Lewis Hamilton hält sich aus der Sache daher möglichst heraus. "Ich persönlich habe das Qualifying aus den letzten Jahren gemocht, weshalb eine Änderung für mich gerade keinen wirklichen Sinn macht. Aber ehrlich gesagt, weiß ich es nicht. Das Wichtigste ist, wie sich die Fans dabei fühlen. Die Änderungen wurden jetzt gemacht, jetzt müssen wir es erst versuchen und schauen, wie die Fans reagieren.

Das neue Qualifying-Format der Formel 1 soll mehr Action auf der Strecke bringen und das Feld durcheinander wirbeln - Foto: Sutton

Das neue Qualifying-Format der Formel 1

Q1:

  • 16 Minuten
  • Nach 7 Minuten scheidet der langsamste Pilot aus
  • Danach scheidet alle 90 Sekunden der jeweils langsamste Pilot bis zum Fallen der Zielflagge aus
  • 7 Fahrer scheiden aus, 15 erreichen Q2

Q2:

  • 15 Minuten
  • Nach 6 Minuten scheidet der langsamste Pilot aus
  • Danach scheidet alle 90 Sekunden der jeweils langsamste Pilot bis zum Fallen der Zielflagge aus
  • 7 Fahrer scheiden aus, 8 erreichen Q3

Q3:

  • 14 Minuten
  • Nach 5 Minuten scheidet der langsamste Pilot aus
  • Danach scheidet alle 90 Sekunden der jeweils langsamste Pilot bis zum Fallen der Zielflagge aus
  • 2 Fahrer verbleiben in den letzten 90 Sekunden und duellieren sich um die Pole Position

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